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Gesellschaft

16.11.2019

In manchem Männerverein gibt eine Frau den Ton an

Der Finanzminister will den letzten Männerbünden an den Kragen. Dabei haben diese ohnehin schon schwer zu kämpfen

Der Vorstoß lässt viele Funktionäre in Vereinen den Kopf schütteln: Finanzminister Olaf Scholz will die Gemeinnützigkeit für reine Männervereine aufheben. Wer Frauen ausschließt, soll künftig Steuervorteile verlieren, so der Minister, der sich auf das grundgesetzlich verankerte Gleichstellungsgebot beruft.

„Das ist völliger Blödsinn“, sagt Ulrich Thierauf vom Männergesangsverein Liederkranz Lechfeld. Gleichbehandlung sei eine Kopfsache, die sich nicht durch eine Regulierung erzwingen lasse.

Der Verein, der im Jahr 1952 in Klosterlechfeld gegründet wurde, hat in seinen Reihen mehrere Frauen: Sie bilden den Kern der „Ersten Tenorstimme“. Thierauf erklärt: „Frauen können ja nur bis zu einer gewissen Tiefe singen.“ Der Vorsitzende ist froh um die weibliche Unterstützung: Zum einen bleibt das Klangbild des Männerchores erhalten, zum anderen hat der Chor eine Zukunft. Schließlich sei Nachwuchsmangel ein großes Thema in Sängerkreisen.

Das bestätigt Ingrid Jürges. Sie gibt bei der Liedertafel Schwabmünchen den Ton an. Mit ihren singenden Männern laufe es gut, sagt die Chorleiterin, die im Grunde mit der Liedertafel aufgewachsen ist. Denn ihr Vater, der Altbürgermeister Elmar Pfandzelter, war lange Vorsitzender. Den Vorstoß von Finanzminister Scholz hält sie für verfehlt. Vereine seien auf Spenden angewiesen. „Jetzt macht man es ihnen noch schwerer“, befürchtet Ingrid Jürges.

Völlig entspannt ist dagegen der Männerchor Stadtbergen. Die Stimmen sind rein männlich, erklärt Walter Lindner. Er hat den 1902 gegründeten Verein 29 Jahre lang geleitet, heute ist er für die Pressearbeit zuständig. Eine Benachteiligung des anderen Geschlechts sieht er nicht. Nach der Vereinssatzung können selbstverständlich auch Frauen dem Verein beitreten und haben das auch schon getan, denn „bei uns kann jeder, der möchte, Mitglied werden.“

Der Vorstoß von Scholz schieße wohl ein wenig übers Ziel hinaus. Walter Lindner macht deutlich: Es gebe auch gewachsene Traditionen zu pflegen, an denen sich bislang niemand gestört hätte. Wie lange es noch mit den Männerchören gehen wird, sei ohnehin dahingestellt. Mit seinen 72 Jahren liegt Lindner genau im Altersdurchschnitt des Chors mit seinen 35 singenden Mitgliedern. Und Nachwuchs kommt keiner nach.

Auch beim Shanty-Chor aus Gablingen gibt es kein Problem mit dem Vereinsrecht. Denn der Chor ist gar kein eingetragener Verein und genießt daher ohnehin keine Steuervorteile. Doch auch wenn die zugegebenermaßen rein männlichen Shanty-Sänger sich die Gemeinnützigkeit hätten bestätigen lassen, wären sie auf der sicheren Seite. Denn schon der Vorstand ist eine Frau: Helga Wiedemann ist die Chefin der singenden Schwaben mit der Vorliebe für Seemannslieder. Gemeinsam mit einer weiteren Dame sorgt sie übrigens für die musikalische Begleitung der Lützelburger Sangesbrüder.

Werner Wölfel, der Vorsitzende der Kreisgruppe Schwaben-Nord des Reservistenverbands, hält den von Finanzminister Scholz ins Gespräch gebrachten Ansatz für zu kurz gedacht: Denn im Umkehrschluss müsste dann ja auch reinen Frauenzusammenschlüssen die Gemeinnützigkeit entzogen werden.

Kreisbäuerin Andrea Mayr aus Großaitingen ist Mitglied im Landfrauenchor. Sie sagt: „Ich kann das alles nicht nachvollziehen.“ Und fragt: „Was hat es denn mit Gemeinnützigkeit zu tun, wenn nur Frauen oder Männer in einem Verein sind?“ Der Gedanke sei trotzdem verankert – beim Landfrauenchor, dem Männergesangsverein oder auch dem Burschenverein, der perfekt die jungen Damen einbindet.

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