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Landkreis Augsburg

18.10.2019

Interview: Junge Bäuerin will mit Klischees aufräumen

Trotz Vollzeitjob hilft die 30-Jährige Ludwina Peter täglich auf dem Hof ihrer Familie in Achsheim. Im Bereich Landwirtschaft zu arbeiten ist für sie ein großes Glück. Von den gängigen Klischees gegenüber Landwirten hält die Jungbäuerin nichts. 
Bild: Marcus Merk

Plus Die 30-jährige Ludwina Peter arbeitet hauptberuflich im Marketing – und nach Feierabend auf dem Hof ihrer Eltern. Wie sich die Landwirtschaft verändert.

Schon von klein auf hilft Ludwina Peter auf dem Hof ihrer Familie in Achsheim. Heute ist sie 30 Jahre alt und arbeitet hauptberuflich im Marketing bei einer Besamungsstation. Ludwina Peter ist stellvertretende Bezirksvorsitzende der Bayerischen Jungbauernschaft in Schwaben, die am Freitag ihr 30-jähriges Bestehen in Wörleschwang feiert. Im Interview erklärt sie, weshalb sie von den gängigen Klischees von Landwirten nichts hält und wie sich die Arbeit in der Branche verändert.

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Glyphosat, Biogasanlagen, riesige Mastbetriebe – in der Öffentlichkeit stehen Landwirte aktuell oft nicht gut da. Was bringt einen jungen Menschen dazu, in der Landwirtschaft zu arbeiten?

Ludwina Peter: Berufung ist vielleicht der falsche Begriff, aber man wächst sicher in den Beruf hinein. Schon als Kind habe ich auf dem Hof meiner Eltern mitgeholfen. Landwirtschaft ist sehr vielfältig. Wir stellen hochwertige Lebensmittel her und schaffen etwas Gutes für unsere Mitmenschen. Wenn ich sehe, wie aus ein paar Körnern ein Anhänger voller Getreide wird, ist das für mich das Schönste.

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Wer Landwirtschaft nur aus dem Fernsehen kennt, könnte meinen, Bauern sind alle ewige Junggesellen, die noch bei ihrer Mutter wohnen. Ärgert Sie das?

Ludwina Peter: Absolut. Natürlich gibt es diese Landwirte. Aber das ist ein völlig falsches Bild, das dort vermittelt wird. Den meisten Landwirten sieht man ihren Beruf nicht an. Sie arbeiten in topmodernen Betrieben. Ganz normale Menschen eben. Aber von ihnen hört man relativ wenig. Im Fernsehen fallen immer nur die auf, die komisch sind. Mich ärgert, dass ständig nach den immer gleichen Klischees gesucht wird: Landwirte sind hinterwäldlerisch, stehen immer im Stall, finden keine Frau und können nie in den Urlaub fahren. Das stimmt nicht.

Wie funktioniert das? Die Tiere haben schließlich keinen Urlaub.

Ludwina Peter: Meine Eltern fahren jedes Jahr in den Urlaub. Aber sie sind ja nicht alleine auf dem Hof. Mein Bruder arbeitet dort als ausgebildeter Landwirt und auch meine Schwester und ich helfen regelmäßig mit. Man muss sich eben absprechen, dann kann man auch einmal für drei Wochen in die USA fliegen. Natürlich muss man Rücksicht auf die Saison nehmen. Ein Ackerbauer kann im Winter leichter in den Urlaub fahren als im Sommer. Und: Man muss jemanden finden, der einspringt. Gibt es keine Familie, die hilft, muss man sich das auch leisten können. Hinzu kommt, dass es immer schwieriger wird, Leute zu finden, die die Arbeit übernehmen.

Auf dem Hof ihrer Eltern gibt es 50 Milchkühe, 35 Wollschweine und 15 Wagyu-Rinder, die versorgt werden müssen. Als Jugendlicher will man aber sicher nicht jeden Morgen im Stall stehen müssen.

Ludwina Peter: Ja, wir müssen früh raus. Aber auch Landwirte machen gerne Party. Man muss sich eben absprechen. Ich persönlich arbeite ja im Büro und habe geregelte Arbeitszeiten. Trotzdem helfe ich nach Feierabend auf dem Hof meiner Familie. Natürlich gibt es Phasen im Jahr, in denen es stressiger ist. Da sind die Arbeitszeiten dann auch mal jenseits von Gut und Böse. Wenn zum Beispiel gedroschen werden muss, kann man das nicht verschieben. Dann kommen aber auch wieder andere Zeiten. Im Grunde lässt sich die Zeit als Landwirt dann wie bei einem Freiberufler ganz gut einteilen.

Sie engagieren sich auch in der Bayerischen Jungbauernschaft. Am Freitag feiert der Bezirksverband Schwaben sein 30-jähriges Bestehen. Wofür setzen Sie sich dort ein?

Ludwina Peter: Die Jungbauernschaft ist ein Jugendverband für den ländlichen Raum. Der Schwerpunkt unserer Arbeit in Schwaben dreht sich um das Thema Agrar, da der Großteil unserer 1250 Mitglieder aus der Landwirtschaft kommt. Aber auch gesellschaftspolitische Themen beschäftigen uns.

Was heißt das konkret?

Ludwina Peter: Wir haben zum Beispiel gemeinsam eine Stellungnahme zum Thema Flächenverbrauch ausgearbeitet. Außerdem organisieren wir Diskussionen mit verschiedenen Politikern, zum Beispiel zu europapolitischen Themen. Unsere Aufgabe ist vor allem Netzwerken. Wichtige Themen auf Landesebene bringen und auch regional den Austausch unter den Jugendlichen fördern. Bei unseren Veranstaltungen darf sich jeder einbringen.

Sie haben Agrarmarketing in Weihenstephan studiert. Inwiefern verändert sich die Arbeit in der Landwirtschaft?

Ludwina Peter: Die Betriebe sind größer geworden. Woran das liegt, möchte ich an einem Beispiel erklären: Ein älterer Landwirt hat einmal zu mir gesagt, früher habe er 50 Mark für 100 Kilo Weizen bekommen. Ein Haarschnitt habe zu dieser Zeit 50 Pfennig gekostet. Heute bekommt der Landwirt für 100 Kilo Weizen 15,80 Euro. Das reicht nicht einmal für einen Haarschnitt. Die Betriebe müssen also größer werden, um wirtschaftlich zu bleiben. Moderne Technik macht die Arbeit aber auch leichter. Während Landwirtschaft früher vor allem Handarbeit war, erledigen heute Landmaschinen einen großen Teil. Außerdem setzen viele Landwirte auf ein zweites Standbein. Viele Höfe verkaufen heute ihre eigenen Produkte vor Ort. Stichwort Direktvermarktung. Neu ist das aber nicht wirklich. Im Augsburger Raum gibt es eine Menge solcher Angebote.

Das klingt, als würde es in 50 Jahren vielleicht nur noch eine Handvoll riesiger Betriebe geben.

Ludwina Peter: In Bayern sicher nicht. Im Durchschnitt sind die Betriebe hier etwa 40 Hektar groß. Riesige Betriebe mit mehr als 500 Kühen gibt es hier kaum. Das wird sich auch nicht ändern. Denn dafür ist die Infrastruktur und die Feldstruktur in Bayern nicht ausgelegt. Anders sieht das vielleicht im Osten aus. Dort sind Betriebe mit 2000 Hektar oder mehr ganz normal.

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