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08.02.2019

Klassenzimmer mit Lackierwerkstatt

Walfram Tatzkow (links, Fahrzeuglackierer-Meister und Fachlehrer) zeigt den Schülern Ibrahima, Milad und Vedran (von links), wie man eine ausgebesserte Stelle an einer Autotüre glattschleift.
Bild: Andreas Lode

Die Prälat-Schilcher-Berufsschule aus Augsburg ist seit einem halben Jahr in Neusäß zu Gast. Was diese Schule so besonders macht

Eine Berufsschule war das Gebäude jahrzehntelang – und eine Berufsschule ist sie immer noch. Und doch haben sich die ehemaligen Beruflichen Schulen an der Ecke Landrat-Dr.-Frey-/Alpenstraße in Neusäß enorm verändert. Wo landwirtschaftliche Berufe unterrichtet wurden, ist jetzt eine Autolackiererei aufgebaut. Wo die Floristinnen Sträuße banden, sieht es jetzt aus wie in der Küche eines Fleischereibetriebs. Andere Klassenzimmer haben sich in Backstuben oder Friseursalons verwandelt. Denn seit dem vergangenen Sommer wird das Gebäude für knapp vier Jahre von der Prälat-Schilcher-Berufsschule der Katholischen Jugendfürsorge (KJF) genutzt.

Dort wird anders unterrichtet als in den Neusässer Beruflichen Schulen, die jetzt ein paar Hundert Meter entfernt in ihrem neuen Gebäude untergekommen sind. Denn die neuen Schüler besuchen eine Förderberufsschule, eine von sieben und zusätzlich die größte in ganz Schwaben. Hierher kommen Jugendliche, die Probleme hätten, die Anforderungen in einer Regelberufsschule zu stemmen. Die Schüler kommen aus der Stadt und dem Landkreis Augsburg, bei bestimmten Berufen aber sogar bis aus dem Allgäu. Weil das Stammgebäude der Schule im Augsburger Univiertel derzeit saniert wird, ist die Förderberufsschule in den leer gewordenen Räumen in Neusäß untergekommen.

900 Jugendliche besuchen die Schule, mehr als zwei Drittel durchlaufen gerade eine ganz normale Ausbildung im dualen System. So wie Vedran, Milad und Ibrahima. Die drei jungen Männer lernen in Fahrzeuglackierbetrieben. Doch in den Klassenzimmern bekommen sie nicht nur Mathe und Deutsch und die Theorie ihres Berufs beigebracht.

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Eine ganze Reihe von Räumen sind in den Sommerferien in kleine Werkstätten umgebaut worden. Entstanden ist auch eine eigene kleine Lackiererei. Hier zeigt Berufsschullehrer Wolfram Tatzkow ihnen noch einmal ganz genau, wie die Autotür abgeschliffen und vorbereitet werden muss auf die frische Lackschicht.

Ganz unterschiedlich seien die Gründe, warum es seine Schüler auf einer Regelberufsschule schwer hätten, sagt Schulleiter Erich Miller. Einige hätten Schwierigkeiten in den allgemeinbildenden Fächern, weil zu Hause in ihren Familien kaum Deutsch gesprochen würde. Eine ganze Reihe von Schülern hat bereits in ihrer Schulzeit ein Förderzentrum besucht. Andere hätten irgendwann einen Bruch erlebt, vielleicht die Trennung der Eltern. „Manchmal fällt dann jahrelang nicht auf, dass die Kinder nicht mehr mit den anderen mithalten können“, beschreibt Erich Miller. Gerade bei Mädchen und Buben, die sich in schwierigen Situationen eher in sich selbst zurückziehen anstatt auffällig zu werden, würden Defizite auch mal übersehen.

Weil die Jugendlichen mit ihren Geschichten so unterschiedlich sind, steht am Anfang ihrer Ausbildung ein individueller Förderplan. „Wir besprechen im Team und auch mit jedem einzelnen Jugendlichen, wo er sich noch verbessern kann und wie er seine Ziele erreichen kann“, sagt Konrektorin Gertraud Hiesinger, die Sonderschulpädagogin ist. Heilpädagogen ergänzen das Team. Seit vielen Jahren gibt es zudem zwischen der Prälat-Schilcher-Berufsschule und den Beruflichen Schulen in Neusäß eine Kooperation. In bestimmten Klassen werden Schüler aus beiden Einrichtungen zusammen unterrichtet. Hier spricht Gertraud Hiesinger die Durchlässigkeit des Schulsystems an.

Erich Miller verweist auf die Erfolge der Förderberufsschule: Etwa 80 Prozent hätten am Ende den Gesellenbrief in ihrem Beruf in der Tasche – wofür an den Kammern dieselbe Prüfung abgelegt werden muss, wie von allen andern auch. „Dieser Schnitt ist vergleichbar mit der regulären Berufsschule“, sagt Miller. Mit dem Unterschied, dass an der Förderberufsschule kein Auszubildender am Anfang mit mehr als einem Dreierschnitt im Mittelschulabschluss angefangen hatte.

Voraussichtlich noch bis zu den Pfingstferien 2022 wird die Prälat-Schilcher-Berufsschule in Neusäß zu Gast sein, dann soll ihr Stammhaus im Augsburger Univiertel fertig saniert sein.

Das gilt übrigens auch für den zweiten Gast in den ehemaligen Berufsschulen: In einigen Klassenräumen und vor allem in den Schulcontainern ist noch eine zweite Schule untergebracht: die Frère-Roger-Schule aus Oberhausen, die auch zur KJF gehört.

Erstaunlich gut hätten sich Pädagogen und 150 Schüler in den Räumen eingelebt, sagt Schulleiterin Andrea Krebs-Lorenz. Was ihr besonders gefällt: Die Kinder von der ersten bis zur neunten Klasse können das Titania und die Turnhalle der Ägidius-Grundschule für den Sportunterricht nutzen.

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