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Neusäß

09.11.2018

Kriegsende: Enkel aus Neusäß hat ein wertvolles Tagebuch

Hans-Christoph von Andrian zeigt ein Porträt seines Großvaters.

Carl von Andrian war im November 1918 in München und erlebt die Gründung der Republik. Das Tagebuch beschreibt detailliert die letzten Stunden der Monarchie.

Es ist 10 Uhr abends am 7. November 1918, als Carl von Andrian am Münchner Hauptbahnhof ankommt. Der Krieg ist für den Hauptmann zu Ende. Es herrscht Waffenstillstand, das II. Bayerische Armeekorps soll sich im Hotel Bayerischer Hof treffen. Was von Andrian zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß: Nur Stunden zuvor hat Kurt Eisner von den Unabhängiggen Sozialdemokraten (USPD) auf der Theresienwiese Arbeiter und Soldaten dazu aufgefordert, die Kasernen in der Stadt zu besetzen. Noch in derselben Nacht wird ein Arbeiter- und Soldatenrat den Freistaat Bayern ausrufen, die Monarchie ist von da ab in Bayern Geschichte.

Fast Stunde um Stunde hat Carl von Andrian in seinem Tagebuch festgehalten, wie er die Ereignisse aus seiner Sicht erlebt hat. Jahrzehntelang lag das Tagebuch mehr oder weniger unbeachtet im Nachlass des Großvaters. Erst als sein Sohn im Geschichtsunterricht das Thema durchnahm, erinnerte sich Hans-Christoph von Andrian wieder an das Erbstück. Erste Hürde: Das Tagebuch ist in altdeutscher Schrift geschrieben. „Eine Tante hat uns dann Auszüge übertragen“, erzählt der Neusässer. Es sind die Tage vom 8. bis 12. November vor genau 100 Jahren, die sein Großvater darin beschreibt. Heute weiß man: ein Wendepunkt in der deutschen und bayerischen Geschichte. Auch Carl von Andrian war sich bewusst, dass etwas Außergewöhnliches geschah.

„Hin und wieder krachte ein Schuss“

Zunächst noch ahnungslos, wie er schreibt, war er also abends am 7. November in München angekommen. Carl von Andrian wird von einem jungen Soldaten aus dem Bahnhof geleitet. „Hin und wieder krachte ein Schuss, Autos mit Soldaten besetzt fuhren umeinander“, beschreibt er. Die Nacht wird dann unruhiger: „Viel Trommelwirbel hörte man, Ansprachen, Autogetute, auf einmal, es war gegen 1-2 Uhr, ging vor dem Hotel auf der Straße eine Schießerei an, es knatterte nur so, es sah aus, als ginge das Mündungsfeuer bis zum vierten Stock herauf.“ Wie nah Carl von Andrian in diesem Moment am Ort der Geschichtsschreibung dran war, wusste er wohl gar nicht: Nur wenige hundert Meter entfernt im Mathäserbräu zwischen Hauptbahnhof und Stachus wurde in dieser Nacht der Arbeiter- und Soldatenrat gebildet. Ein provisorischer Nationalrat sollte bis zu den ersten Wahlen die Regierung übernehmen.

Mit einem Mitglied dieser Regierung, Finanzminister Edgar Jaffé, kam es kurz darauf zu einem Disput. Er behauptete nach den Aufzeichnungen von Carl von Andrian, die erwähnten Schüsse seien aus dem Bayerischen Hof abgegeben worden. „Unten in der Halle des Erdgeschosses hat sich ein ziemlich gefährlicher Augenblick abgespielt, als die Menge plötzlich hineinstürmte und die Offiziere bedrohte“, schreibt von Andrian. Schließlich sei mit dem Soldatenrat am 8. November vereinbart worden, dass die Offiziere den Grenzschutz von Bayern organisieren sollten.

Die spanische Grippe fordert auch in Augsburg viele Todesopfer

Für Carl von Andrian und die anderen Offiziere ist der Grenzschutz zunächst eine Option. Doch auch in diesen aufregenden Tagen gibt es für ihn mehr, als den Dienst. Er besucht Freunde und auch seinen Onkel Rudolf, bei dem er einen Teil seiner Gymnasialzeit verbracht hatte. Und erfährt: Sein Cousin Hans ist an der spanischen Grippe gestorben. „Es ist hart für die zwei alten Leute, so die Kinder vor sich wegsterben zu sehen. Und was wird aus seiner Frau und den Buben“, notiert er. Kein Einzelschicksal: Auch in Augsburg sind zu diesem Zeitpunkt schon rund 150 vor allem junge Menschen an der Infektionskrankheit gestorben, so Historiker Reinhold Forster von der Geschichtswerkstatt Augsburg.

Soldat sein, das war für Carl von Andrian von frühester Jugend an der innigste Berufswunsch. Auch sein Enkel Hans-Christoph von Andrian hat ihn als einen Mann in Erinnerung, der zwar einerseits in seinem Familienleben aufging, dem gleichzeitig aber auch stets der Soldat anzumerken gewesen sei. Im Umbruch von Monarchie zu Republik von Krieg zu Frieden, macht er sich nun Sorgen um seine eigene Zukunft: „Nachmittag erneut Zeitung gelesen. Danach scheint die Rätebildung überall fortzuschreiten. Ich glaube fast, die Sache gewinnt an Boden und ganz Deutschland wird Republik. Was ich dann tun werde, ist mir noch schleierhaft.“ Eines ist ihm jedoch klar: Einen Eid möchte er auf die neue Regierung nicht leisten. Gleichzeitig hofft er jedoch, dass der Soldatenrat genug Macht erhält, um weiter für Ruhe zu sorgen, damit nicht alles in Anarchie ende. Eine fast schon prophetische Einschätzung des Laufs der Geschichte wenige Monate später.

Kurz darauf reist Carl von Andrian aus München ab, er trifft seine Frau Annemarie und seine zwei kleinen Söhne wieder. Die beiden werden Jahre später im Zweiten Weltkrieg fallen.

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