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Landkreis Augsburg
08.08.2019

Kinder, die einfach in kein System passen

Das kleine Mädchen in der rosa Jacke und den blonden Haaren sieht richtig süß aus. Doch immer wieder tickt sie aus: Helena Zengel als Benni in einer Szene des Kinofilms „Systemsprenger“. 
Foto: Peter Hartwig/kineo/Weydemann Bros./Yunus Roy Imer/Berlinale/dpa

Camilla (14) ist anders: Sie geht selten zur Schule, läuft weg, war schon oft in der Psychiatrie. Wie ihre Mutter für sie kämpft und warum Hilfe so schwer ist.

Das kleine Mädchen in der rosa Jacke und den blonden Haaren sieht richtig süß aus. Doch immer wieder tickt sie aus: Schreit Passanten auf dem Spielplatz Schimpfwörter hinterher, wirft mit Bobbycars um sich und muss manchmal sogar in der Psychiatrie ruhig gestellt werden.

Im Spielfilm „Systemsprenger“ wird dargestellt, was für Andrea Herzog* Realität ist: Es gibt Kinder, die einfach in kein System passen. So eines ist ihre 14-jährige Tochter Camilla – eine Grenzgängerin zwischen Kinder- und Jugendpsychiatrie, der Jugendhilfe und der Eingliederungshilfe, wie die Mutter beschreibt. Mit der fatalen Folge, „dass sich niemand zuständig fühlt“.

Diagnosen und Therapien wechselten sich ab

Schon als kleines Kind sei Camilla oft krank gewesen, erinnert sich ihre Mutter. Diagnosen und Therapien wechselten sich ab. Andrea Herzog stammt aus Augsburg, noch heute wohnt ihre Mutter im Landkreis. Sie selbst lebt inzwischen im Regierungsbezirk Mittelfranken. Doch weil sie das Josefinum mit seiner Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie kannte, ließ sie Camilla dort untersuchen – und zum ersten Mal gab es eine Diagnose, die alles andere zu erklären schien: ADHS und Autismus, dazu eine niedrige Intelligenz und impulsives, schwer kontrollierbares Verhalten.

Trotz der niederschmetternden Diagnose fasst die Familie Mut: Immerhin könnte nun die passende Therapie gefunden werden. Doch dann ging aus Sicht der Familie wieder vieles schief: Der vom Josefinum empfohlene Schulbegleiter wurde zunächst vom zuständigen Kostenträger und auch von einer Schulpsychologin abgelehnt. Camilla verschloss sich immer mehr in sich selbst, kam nicht mehr aus ihrem Zimmer, an einen Schulbesuch war nicht mehr zu denken. Dann die nächste Katastrophe: In einem anderen Krankenhaus in Mittelfranken wurde die Diagnose Autismus wieder aufgehoben und durch „Störung im Sozialverhalten“ ersetzt. „Das ist so gut wie gar nichts“, sagt Andrea Herzog. Die Chance auf die passende Therapie gab es damit nicht mehr.

Sie ist weder selbst- noch fremdgefährdend

Und die Situation wurde noch schlimmer. Camilla konnte nicht mehr zu Hause wohnen, kam in einer Jugendschutzstelle unter. Doch dort war das Mädchen nicht zu halten. Die Mutter berichtet: „Mehrmals in der Woche bricht sie aus der Jugendschutzstelle aus, fährt mit dem Zug durch Bayern und meldet sich dann irgendwo bei der Polizei, die sie wieder zurückbringt.“ Unterbrochen wurde dieser Rhythmus bis vor wenigen Wochen von Einlieferungen in die Kinder- und Jugendpsychiatrie, aus der sie jeweils am folgenden Tag wieder entlassen wurde, weil sie weder selbst- noch fremdgefährdend sei. Eine Situation, die für Eltern durchaus unbefriedigend und auch belastend, auch wenn sie medizinisch richtig sein kann, sagt der Pressesprecher der katholischen Jugendfürsorge (KJF), dem Träger des Josefinums, Winfried Karg.

Camilla Herzog ist kein Einzelfall. Der Leiter des Jugendamts im Landkreis Augsburg, Hannes Neumeier, hat auf der jüngsten Sitzung des Jugendhilfeausschusses von einer „dramatischen Steigerung“, von Inobhutnahmen von Kindern gesprochen, die oder deren Eltern psychische Probleme haben. Einen Grund sieht er auch in den langen Wartezeiten in der stationären Behandlung in der Kinder- und Jugendpsychiatrie: Sie lägen nach den Erfahrungen des Jugendamts aktuell, je nach Diagnose, bei sechs bis zwölf Monaten. „Diese Kinder müssen wir dann eigentlich in Obhut nehmen.“ Er weiß, was auch Andrea Herzog erfahren hat: Für Kinder, die zwischen den Systemen hängen, gibt es kaum passende Unterbringungsplätze. „Das sind Systemsprenger. Hier ist eigentlich die Psychiatrie gefragt“, ist er überzeugt.

Jugendämter suchen nach gemeinsamen Lösungen

Andrea Herzog macht zudem eine gewisse Art von Bürokratie mit für die Misere verantwortlich. Zuständig für die stationäre Unterbringung sei allein der Bezirk, in dem das Kind wohne. Und da hätte Mittelfranken wenig zu bieten. Die Staatssekretärin im bayerischen Sozialministerium, Carolina Trautner, sieht das Problem aber auch an anderer Stelle. Sie erinnert, dass es sich bei diesen Kindern um wenige Fälle handle.

„Grenzfälle entstehen auch dann, wenn Jugendhilfeangebote nicht greifen, die jungen Menschen die angebotenen Unterstützungsleistungen verweigern oder Vorstellungen von Eltern und den Fachkräften der Jugendämter über die geeignete Hilfe auseinanderklaffen“, sagt Trautner. Die Jugendämter würden inzwischen bei dem Thema nach gemeinsamen Lösungen suchen.

Alle Hebel in Bewegung gesetzt

„Hier werden Kinder zum Ausschuss“, findet Andrea Herzog. Sie wollte sich mit der Situation nicht zufrieden geben und hat alle Hebel in Bewegung gesetzt, die aus ihrer Sicht passende Unterbringung für ihre Tochter in einem anderen Regierungsbezirk auch zu bekommen. Das hat geklappt. Carolina Trautner bestätigt: „Im konkreten Einzelfall konnte das Sozialministerium durch Vermittlung zwischen den kommunalen Entscheidungsebenen zur Problemlösung beitragen.“

Wie ausgewechselt sei ihre Tochter nun in der neuen Situation, berichtet Andrea Herzog – auch wenn sie nicht zu viel erwarten will. Zu oft wurden sie in den vergangenen Jahren schon enttäuscht. Sie weiß: Ein guter Anfang kann immer wieder kippen. Aber es ist ein Anfang.

* Die Redaktion kennt die Namen von Mutter und Tochter. Weil ihre Geschichte sehr persönlich ist, wurden sie geändert.

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