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Gersthofen

15.09.2016

Leben mit Behinderung: Die wahre innere Größe

Franziska Ottlik aus Gersthofen ist halbseitig gelähmt und kann nicht sprechen.
Bild: Marcus Merk

Franziska Ottlik ist 22 Jahre alt und von Geburt an schwerbehindert. Sprechen kann sie nicht, trotzdem will sie kommunizieren. Sie erzählt, wie das im Alltag funktioniert.

Mein Mund spricht eine eigene Sprache. Es ist so eine Sache mit meinem Mund: Er kann nicht Laute bilden, so wie deiner, denn er ist ein Teil eines behinderten Körpers. Ich forme ihn, aber er hört nicht auf mich, als ob er sein eigenes Leben hätte. So ist es auch mit den restlichen Köperteilen. Sie machen, was sie wollen. Mein Hirn muss stets auf alle aufpassen, damit die Beine laufen, der Mund nicht schreit, die Augen sehen und die Körperkoordination stimmt. Das macht ganz schön müde! Ich hasse oft meine Behinderung, denn eigentlich möchte ich so sein wie du.

Mit meinem Zeigefinger kann ich sprechen

Immerhin kann ich schreiben und fingerfertig mich mitteilen. Ich labere los, indem ich mit dem Zeigefinger auf einer Buchstabentafel jeden Buchstaben eines Wortes antippe. Dazu brauche ich einen sogenannten Stützer. Dieser vermag mich wahrzunehmen und mir feinfühlig einen kleinen Impuls zu senden. Erst dann verbindet sich mein Hirn mit der Hand. Meine gute Stützerin liest. So gehe ich durch die Welt. Wenn mich jemand etwas fragt, zücke ich die Tafel und schreibe los. Leider kann nicht jeder Mensch stützen, denn es ist eine Kunst. So wie es auch eine Kunst ist, mich in der Welt frei zu bewegen. Denn Menschen ohne Sprache werden oft nicht ernst genommen.

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Sprich mich doch einfach an, meine Seele hört dir immer zu

Das kann nur jemand begreifen, der selbst wortlos ist. Lieber Leser, wenn du mich mal siehst auf der Straße, sprich mich doch einfach an und wenn ich auf dich behindert oder kindisch wirke, dann erinnere dich an folgende Zeilen: Meine Seele wohnt in einem beeinträchtigten Körper und kann sich manchmal gegen diesen nicht durchsetzen. Das sieht dann etwas albern aus, aber meine Seele hört dir immer zu und freut sich, wenn du sie ernst nimmst. Jedes Wort kann ich begreifen und tief erspüren, ob du mich magst.

Ich weiß oft mehr über Menschen, weil ich sie beobachte. Du lässt dich täuschen von äußeren Erscheinungsformen. Das ist die Gabe behinderter Menschen. Wir sind irgendwie dumm und klug zugleich, denn unser Verstand ist klein aber unser inneres Wesen riesengroß. Wer uns kennt, der weiß das und wer uns liebt, der fühlt sich bereichert.

Zur Person

Franziska Ottlik ist 22 Jahre alt und seit ihrer Geburt schwerbehindert. Sie ist halbseitig gelähmt und kann nicht sprechen, sondern nur Laute von sich geben. Zusätzlich leidet sie an Dyspraxie, einer Koordinationsstörung, bei der ihr Gehirn nicht weiß, wo sich der Körper befindet. Ihr fällt es schwer, ihre Gliedmaßen zu steuern. In unserer Kolumne schreibt Franziska in unregelmäßigen Abständen über den Alltag mit Behinderung. Mithilfe der sogenannten gestützten Kommunikation kann Franziska sich ausdrücken. Dazu zeigt sie mit dem Finger Buchstaben auf einer Tafel, eine Assistentin setzt diese zu Worten zusammen. Wer mehr über Franziska erfahren will, schaut auf ihren Blog: www.franziskaottlik.wordpress.com

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