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Langweid

14.10.2019

Mehr als 300 Retter üben für einen Chemie-Unfall

Ein Chemieunfall bei der Firma Huntsman in Langweid hielt am Samstag mehr als 300 Retter auf Trab. Zum Glück handelte es sich dabei nur um eine Übung – und die lief bis auf Kleinigkeiten gut.
Bild: Marcus Merk

Plus Im nördlichen Landkreis gibt es eine Reihe von Betrieben, die ein hohes Gefährdungspotenzial haben. Einer von ihnen war jetzt Schauplatz für eine groß angelegte Übung

Zwei Feuerwehrleute haben sich Schutzanzüge in hellem blau und grün angezogen. Im Sprühregen der Löschfahrzeuge steigen sie eine metallene Treppe neben den großen Behältern für Chemikalien auf dem Firmengelände der Firma Huntsman in Langweid hinauf. Sie sind auf der Suche nach einem Leck und damit auch nach dem Auslöser für den angenommen Brand, der über eine Rohrbrücke schon auf das Produktionsgebäude übergegriffen hat.

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Im Landratsamt ist derweil die Führungsgruppe Katastrophenschutz zusammengetreten und in der Nähe des Firmengeländes sammeln sich Feuerwehren, Hilfswerk und Rettungskräfte aus dem ganzen Umkreis. Eine örtliche Einsatzleitung hat sich gebildet, die die Aktivitäten der Einsatzkräfte vor Ort koordiniert. Die Führungsgruppe Katastrophenschutz informiert derweil die Bevölkerung und organisiert mögliche Evakuierungen.

Wie wahrscheinlich ist der Ernstfall?

Am vergangenen Samstag wird auf dem Firmengelände der Firma Huntsman der Ernstfall geprobt. Werksleiterin Dr. Kristina Blatkowski erklärt: „Das ist unser Worst-Case-Szenario.“ Für die Übung wird angenommen das Acrylnitril ausgetreten ist, ein Stoff, der laut Blatkowski „explosiv, entzündbar und toxisch“ ist. Sie betont allerdings auch, dass eine Vielzahl von Sicherheitsmaßnahmen versagen müsse, bevor eine derartiger Katastrophenfall in der Realität eintreten könnte. „Das wird bei uns hoffentlich nie vorkommen, aber so bekommen die Einsatzkräfte Routine“, betont sie. Doch es geht nicht nur um den technischen Störfall: Bei der Übung müssen die Feuerwehrleute auch mehrere Personen mit Brandverletzungen bergen und vier Vermisste finden.

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Mehr als 300 Retter üben für einen Chemie-Unfall
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Katastrophenschutzübung
Bild: Marcus Merk

Mehr 300 Einsatzkräfte nehmen an der Übung Teil. Insgesamt sieben Freiwillige Feuerwehren rücken an, auch die Werksfeuerwehr ist im Einsatz. Überall auf dem Gelände flackert Blaulicht. Ein Verletzter wird per Drehleiter aus dem Produktionsgebäude geborgen. Derweil hat die Freiwillige Feuerwehr Neusäß eine Dekontaminationsdusche aufgebaut, Einsatzkräfte werden hier aus ihren Schutzanzügen geschnitten, die Reste sofort in großen Tonnen entsorgt. Auf und um das Gelände sind Teams mit Messgeräten unterwegs, die im Ernstfall überprüfen können, ob die ausgetretenen Chemikalien sich in der Umgebung ausbreiten.

Für Katastrophenfälle gibt es beim Landratsamt in Augsburg vorgefertigte Notfallpläne.

Ein Stichwort für den Notfall

Ein Einsatzstichwort bei der zuständigen Leitstelle setze die Planung in Gang, erklärt Michael Püschel, einer der Leiter der Führungsgruppe Katastrophenschutz beim Landratsamt. Die Übung am Wochenende beobachtet Püschel vor Ort. Über ein Funkgerät bleibt er auf dem Laufenden. „Mittlerweile haben die Einsatzkräfte acht Verletzte gefunden“, sagt er zum Beispiel eine Stunde nach Beginn der Übung.

Im Landkreis gebe es ein halbes Dutzend so genannte Störfallbetriebe, erklärt Püschel. Dort wird mit gefährlichen Stoffen oberhalb einer bestimmten Menge hantiert, was besondere Sicherheitsvorkehrungen erfordert. Für alle gibt es Notfallpläne, wie den der am Samstag bei Huntsman geübt wird. „Es gibt bestimmte Dinge, die sich nicht ändern“, so Püschel. Vor allem dort wo gefährliche Stoffe verarbeitet, verladen oder transportiert würden, kenne man die Gegebenheiten und das Umfeld.

Dementsprechend könne man bestimmte Maßnahmen vordefinieren. Menschen, die in der Nähe derartiger Betriebe wohnen, werden mit schöner Regelmäßigkeit durch Sirenentests daran erninnert. Der letzte war erst vor vier Wochen.

Die Übung bei Huntsman beobachtet auch Langweids Bürgermeister Jürgen Gilg. Den Testlauf findet er gut, genauso wie die Gewissheit, dass die Notfallplanungen funktionieren. Außerdem lobt er die Zusammenarbeit der Hilfsorganisationen und freut sich über „die vielen Ehrenamtlichen, die hier für die Sicherheit der Bevölkerung sorgen“.

Kommunikation ist entscheidend

Die Übung ist für alle Beteiligten auch eine Möglichkeit zu überprüfen, an welchen Stellen es noch Potential zur Verbesserung gibt. Alfred Zinsmeister, Brandrat im Landkreis, erklärt zum Beispiel, dass bei einem derartigen Großeinsatz die Kommunikation der Einsatzkräfte entscheidend ist. Die Übung sie vor allem wichtig, um die Zuordnung der Funkkanäle zu organisieren und zu verbessern. „Die Aufteilung der Funkgruppen ist ein ganz wichtiges Thema“, sagt er und prompt hält ihm einer seiner Kollegen ein Funkgerät hin: Eine nachgerückte Truppe fragt, welcher Funkgruppe sie sich zuordnen soll.

Gegen Mittag ist die Übung beendet und alle sind zufrieden. Auf Seiten von Huntsman habe man nur Kleinigkeiten festgestellt, erklärt Kerstin Zoch, die Sprecherin des Landratsamts im Nachgang. Die Einsatzkräfte hätten vor allem die Kommunikation als Stellschraube ausgemacht. Alles in allem habe es keine „schlimmen Überraschungen“ gegeben, schließt Zoch.

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