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Umwelt

16.01.2015

Mein lieber Biber

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Gerardo Pallotta liegt das Wohl der Nager am Herzen. Doch wenn es sein muss, tötet er die Tiere

Es soll Exemplare geben, die haben es bei einer Gesamtlänge von fast einem Meter auf über 30 Kilo Körpermasse gebracht. Wohlgemerkt, die europäische Rasse. Die kanadische Rasse wird sogar noch properer. Die Rede ist vom zweitgrößten Nagetier der Welt, dem Castor fiber, bei uns besser bekannt als Biber.

Zu kaum einem anderen Säugetier haben die Deutschen ein so gespaltenes Verhältnis wie zu dem schwimmenden Riesennager. Er steht unter Artenschutz und darf weder gefangen noch getötet werden. Wiederansiedelungsprojekte haben in den vergangenen 50 Jahren dafür gesorgt, dass der Bestand deutschlandweit von der Elbe bis zur Donau stark angewachsen ist, Bayern beheimatet derzeit etwa 16000 Individuen, im Landkreis sind es geschätzte 700 (siehe Infokasten) – Tendenz steigend.

Naturschützer haben Grund zur Freude, viele Landwirte hingegen werden nervös. Denn der Nager ist nicht nur Indikator für den Artenreichtum eines Biotops, sondern eben auch ein Störenfried, der sich mehr und mehr dort angesiedelt hat, wo ihn eigentlich keiner haben will. An Flussläufen und Weihern zernagt er den Baumbestand, untergräbt Deiche oder sorgt mit seinen Dämmen aus Weiden und Geäst für steigende Pegelstände und überflutete Flächen. Im Landkreis Augsburg gibt es kaum eine Gemeinde ohne den Problemnager und das hat jetzt dazu geführt, dass er erstmals im Augsburger Land einen hauptamtlichen Bibermanager gibt. Der Beschäftigte des Landratsamtes soll die Probleme lösen.

Dabei könnte es so einfach sein, das Leben mit dem Biber. Was er benötigt, ist lediglich eine Umgebung, in der er ungestört leben kann, Wasser und Futter. In Kruichen bei Welden gibt es so ein Biberparadies.

Gerardo Pallotta zeigt auf das riesige Areal. Über vier Hektar Biotop erstrecken sich hier am Ende der Ortschaft. Neben Bekassinen, Enten und Störchen hat sich hier auch ein Biber eingerichtet. Sein Bau ragt mehr als zwei Meter in die Höhe. Pallotta ist sichtlich zufrieden. Seit Oktober des vergangenen Jahres ist der gebürtige Italiener hauptamtlich als Biberberater im Einsatz. Zuvor wurde diese Aufgabe von ehrenamtlichen Kräften übernommen.

Zu sehen, wie sich das Tier artgerecht in der Natur entfalten kann, ist für Pallotta das Schönste. „Die natürliche Ansiedelung ist letzten Endes auch unser Ziel“, sagt der Experte. Umso wichtiger sei ihm die intensive Zusammenarbeit zwischen Kommune und den sogenannten Bibergeschädigten. Dazu zählen vor allem Bauern. Doch gerade deren Eigeninitiative endet oft in blindem Aktionismus. „Die Menschen meinen, es würde reichen, wenn sie die Biberburg beseitigen“, so Pallotta. Was viele nicht wissen: Die Zerstörung der Dämme ist nicht nur verboten, sondern auch völlig unwirksam. „Nach zwei Wochen ist eine neue Burg da.“

Die Gemeinde Kutzenhausen hat sich vom Experten Pallotta Rat geholt. Im Gemeindeteil Buch hatte der Biber ganze Arbeit geleistet. Die Brücke über die Roth musste vergangenen Herbst weg, der Brückenfuß hatte gefährlich an Stabilität verloren. Zum Schluss war die Befestigung löchrig wie ein Schweizer Käse. „Die Brücke war zwar schon sanierungsbedürftig, aber der Biber hat ihr den Rest gegeben“, sagt Kutzenhausens Bürgermeisterin Sylvia Kugelmann.

Pallotta kennt die Probleme, es sind fast immer die gleichen. „Die Tiere wollen den Boden des Gewässers untergraben“, erklärt er. Oft empfiehlt er die Auslage von Gittern auf dem Grund. „Dann herrscht auch langfristig Ruhe“, so Pallotta. Natürlich würde man versuchen die Tiere umzusiedeln, doch das sei in den seltensten Fällen möglich. Man hat es hier nicht mit Rehen oder Wildschweinen zu tun. Biber markieren ihr Zuhause. Kommt ein unbekannter Artgenosse dazu, endet das nicht selten in Revierkämpfen. „Die beißen sich und dann stirbt ein Tier an seinen Verletzungen“, erzählt Pallotta. „Wenn wir keinen geeigneten Platz finden, müssen wir ein Tier erlegen.“

Pallotta ist passionierter Jäger. Doch die Tötung eines Bibers sei auch für ihn jedes Mal eine Überwindung, sagt er. „Das sind wunderbare Tiere, aber wir brauchen ein vernünftiges Gleichgewicht in der Natur.“

Für das Erlegen eines Bibers gelten strenge Vorschriften. Privatpersonen ist es erst einmal untersagt. Zuwiderhandlungen können sogar mit einer Freiheitsstrafe geahndet werden. Es gibt Ausnahmeregelungen, wie etwa bei Kläranlagen oder Triebwerkskanälen. Auch in der Nähe von Fischzuchtanlagen hat ein Biber nichts zu suchen. Doch selbst die Ausnahmen beinhalten eine Reihe von Auflagen. Pallotta weist darauf hin, sich unbedingt mit dem Landratsamt in Verbindung zu setzen und in keinem Fall auf eigene Faust zu handeln. „Ein kurzer Anruf genügt und ich bin da“, sagt er. Einen guten Tipp hat er noch. „Wenn Sie sehen, dass ein Biber bereits einen Baum gefällt hat, ziehen Sie den Stamm auf die Seite oder lassen Sie ihn, wenn möglich, an Ort und Stelle.“ Der Biber habe lange Zeit Freude daran und werde nicht sofort den nächsten Stamm zerlegen.

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