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Reitenbuch

01.08.2020

Missbrauch im Kinderheim: Die Bilder kommen immer wieder

Im Josefsheim in Reitenbuch sollen sich über Jahrzehnte hinweg immer wieder Geistliche an Kindern vergangen haben. 
Bild: Marcus Merk (Archiv)

Plus Ein ehemaliger Bewohner des Josefsheims in Reitenbuch träumt auch nach Jahren von der Gewalt und Missbrauch. Er hat heute einen Wunsch.

Plötzlich ist seine Stimme weg. Der ältere Mann weint, als er die Namen einiger Buben ausspricht, mit denen er bis 1968 das Kinderheim Reitenbuch besucht hat. Einige von ihnen haben sich das Leben genommen. Auch der Mann mit den kurzen braunen Haaren stand schon mehrmals vor dem Suizid. „Aber eine innere Hand hielt mich davon ab“, sagt er.

Er wünscht sich, dass die ehemaligen Kameraden, die sich das Leben genommen haben, nicht vergessen werden. Das ist ein weiteres dunkles Kapitel in der Vergangenheit der Einrichtung, die jetzt aufgearbeitet wird.

Reitenbuch: Inzwischen haben sich 46 mögliche Missbrauchsopfer gemeldet

Eine Expertengruppe untersucht seit einigen Monaten die Zeit zwischen 1950 und 1985. Nach und nach kommen immer mehr Missbrauchsfälle in den Heimen Reitenbuch und Baschenegg ans Licht. Inzwischen haben sich 46 mögliche Missbrauchsopfer gemeldet. Seit dem Bericht im Februar über die Vorfälle in den beiden Heimen ist die Zahl deutlich gestiegen. Die Leiterin der Expertengruppe zur Aufklärung, die ehemalige Präsidentin des Landessozialgerichts, Elisabeth Mette, erklärt: „Aktuell umfasst die Liste mit Zeitzeugen und Betroffenen 32 neue Namen.“

Missbrauch im Kinderheim: Die Bilder kommen immer wieder

Mit einigen dieser Missbrauchsopfer und anderen Zeugen fanden persönliche Gespräche statt. Über erste Erkenntnisse, die sich aus den Erzählungen der Opfer ergeben, könne noch nicht berichtet werden, erklärt Elisabeth Mette auf Nachfrage. Die Expertengruppe will die Fälle umfangreich aufarbeiten. Im kommenden Jahr soll es einen entsprechenden Bericht dazu geben. Auch zu den Tätern gebe es noch keine abschließenden Erkenntnisse. Wegen des Coronavirus sei die Archivrecherche stark eingeschränkt gewesen, berichtet Mette: „Es ist auch noch zu früh, um die Zeiträume einzugrenzen, in denen mit großer Wahrscheinlichkeit körperliche oder sexuelle Gewalt erlitten worden ist.“

Frühere Kinderheim-Mitbewohner nahmen sich als Erwachsene das Leben

Einige der ehemaligen Heimbewohner berichteten bei den Gesprächen von Suizidgedanken. Elisabeth Mette: „Für die Projektgruppe nachprüfbar ist ein Suizidversuch im jungen Erwachsenenalter, der auf die Heimerziehung zurückgeführt wird.“ Außerdem berichteten offenbar einige der ehemaligen Bewohner davon, dass sich frühere Mitbewohner als Erwachsene das Leben nahmen. Laut Mette sei allerdings noch unklar, ob diese Suizide in Zusammenhang mit Missbrauch im Heim stehen.

Auch den älteren Mann trieb der Gedanke schon öfters um. In Träumen kommen die Bilder vom Missbrauch immer wieder. Lange war er in Behandlung. 2009 erlebte er einen schweren Gewaltüberfall und die Erinnerungen brachen wie ein Vulkan aus ihm heraus. Seit dieser Zeit lernte er, seine Erinnerungen in Worte zu fassen und mit einem Psychologen darüber zu sprechen. Im Josefsheim habe er viele Prügelattacken über sich ergehen lassen müssen. Nach einer Ohrfeige blutete es einmal aus seinem Ohr. Das Trommelfell war gerissen, es wurde später bei einem Spezialisten in Augsburg festgestellt. Seitdem hört der Mann auf einem Ohr nur noch die Hälfte. „Gewaltstrafen waren im Heim an der Tagesordnung“, sagt er.

Haselnussruten mussten die Kinder selbst im Wald schneiden

Auch im Unterricht seien alle Schüler von der ersten bis zur achten Klasse geschlagen worden – mit Haselnussruten, die die Kinder selbst im Wald schneiden mussten. „Man hatte immer Angst, einen Fehler zu machen.“ Der Mann erinnert sich an ein Mädchen, dass sich in die Hose machte, als sie im Religionsunterricht vom Priester bestraft wurde. Er erinnert sich auch an vier seiner Schulkameraden. Sie rissen nachts heimlich aus. Doch die Polizei griff sie auf und brachte sie zurück. Nach einer Tracht Prügel seien ihnen zur Strafe die Haare komplett geschoren worden. „Sie hatten schneeweiße Köpfe. Mir wurde beim Anblick speiübel.“

Im Bienenhäuschen hätten die Buben zur „Sexualkunde“ antreten müssen. Doch was dort ein Mitarbeiter des Heims veranstaltete, hatte nichts mit Unterricht zu tun. „Wir mussten schwören, dass wir nichts sagen. So konnte der Missbrauch jahrelang stattfinden, ohne dass er bemerkt wurde. Wir durften niemals Nein sagen.“

Als Kleinkind missbraucht und misshandelt worden

Für den Mann war die Zeit Josefsheim „schlimm“. Das Heim bedeutete für ihn damals gleichzeitig auch „die Rettung“. Denn als Kleinkind sei er von seiner Mutter und deren Partnern missbraucht und misshandelt wurden. „Wenn das so weitergegangen wäre, dann wäre ich vermutlich gestorben.“ Das Jugendamt schaltete sich ein, eine Familie versuchte, ihn zu adoptieren. Schließlich kam der Bub in Obhut der Jugendfürsorge und dann ins Josefsheim.

Nach dem Heim führte ihn sein Lebensweg nach Augsburg. Als junger Erwachsener musste er viel arbeiten für wenig Lohn. Später engagierte er sich als Reiseleiter, in einer Brauerei, in einer Sennerei, in einer Gärtnerei oder auch in einer Druckerei. Die meiste Zeit seines Lebens war er aber Pädagoge und Inhaber einer Textilfirma. Nach dem Verkauf seiner Firma zog er nach Innsbruck. Dort lebt er in einem grauen Wohnblock. Nichts Besonderes, bis auf einen Balkon – er führt zur Wohnung des Mannes und war 20 Jahre in der Landeshauptstadt ein begehrtes Fotomotiv.

Als Kind hatte er nie ein richtiges Weihnachtsfest

Denn der Mann, der seine Kindheit im Josefsheim verbrachte, schmückte und dekorierte ihn – und zwar zu Weihnachten, zu Ostern und zu den großen Fußball-Ereignissen. Er machte seinen Balkon zu einem wahren Lichter- und Farbenmeer. „Ich hatte eine sehr traurige Kindheit. Als Kind hatte ich nie ein richtiges Weihnachtsfest, vermutlich bin ich deswegen jetzt so ein großer Weihnachtsfan.“

Im Oktober 2019 wurde ihm nach einem Rechtsstreit mit einem anderen Wohnungseigentümer verboten, den Balkon zu schmücken. Seitdem geht es dem Mann mit den kurzen, braunen Haaren wieder schlechter, momentan kämpft er mit Angststörungen und Magenbeschwerden. „Das Fenster zum Balkon war für mich ein Fenster ins Leben.“ Seine Fenster hat er jetzt mit schwarzem Papier verdunkelt. Das entspreche seinem Seelenzustand.

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Hier geht es zum Kommentar von Maximilian Czysz: Die Kirche muss den Missbrauchsopfern endlich zuhören

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