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04.06.2009

Mit schwäbischem Selbstbewusstsein aus der Krise

Landkreis Augsburg/Neusäß "Ein bisschen mehr Selbstbewusstsein könnte nicht schaden." Das sagt Franz Pschierer aus dem schönen Mindelheim, geboren in Haunstetten, studiert in Augsburg, dort auch zwei Jahre an der Handwerkskammer tätig. Ein waschechter Schwabe also und noch dazu seit knapp einem Jahr Staatssekretär im bayerischen Finanzministerium. Die Schwaben, so sein Rat, sollten in wirtschaftlichen Dingen ihr Licht nicht unter den Scheffel stellen.

"Stark in schwachen Zeiten"

Das wird an diesem Abend auch nicht getan. Das Foyer der Stadthalle in Neusäß ist zwar nur mäßig besetzt, doch das tut der inhaltlichen Tiefe der Diskussion keinen Abbruch. Daran beteiligen sich neben Pschierer der Geschäftsführer von SGL Carbon in Meitingen, Stefan Holzamer, der kaufmännische Leiter der Firma Rohrleitungsbau Süd in Neusäß, Dr. Edwin Ferhadbegovic, der Vorsitzende der Mittelstands-Union Augsburg-Land, Stefan Mittermeier aus Diedorf und Ute Anthuber, die stellvertretende Ortsvorsitzende der CSU Westheim. Die startet an diesem Abend ihre neue Reihe "Am Puls der Zeit" und hat als Thema ausgegeben: "Der Wirtschaftsraum Augsburg-Land - stark in schwachen Zeiten."

Pschierer kennt also Land und Leute. Dass er jetzt Staatssekretär ist, sei "ein Glück für Schwaben" lobt Ute Anthuber. Das mit dem fehlenden Selbstbewusstsein braucht sie sich nicht zweimal sagen zu lassen: "Der Raum Augsburg ist der einzige, in dem komplett ein Flugzeug hergestellt werden kann", erklärt sie nicht ohne Stolz.

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Man müsse aufpassen, dass diese Krise nicht zu einer Krise der sozialen Marktwirtschaft werde, sagt Pschierer in seinem Impulsreferat, bei dem er unter anderem eine große Bitte an den Mittelstand hat: "Engagieren Sie sich in der Politik." Der 52-Jährige nennt die Dinge ziemlich unverblümt beim Namen und berichtet zum Beispiel von einem Allgäuer Bankier, der die Ursachen der derzeitigen Finanzkrise auf drei Ursachen reduziert hat: "Gier, Dummheit und mangelnde Kontrolle."

Im Referat und in der Diskussion spricht sich Pschierer mehrfach gegen die Abwrackprämie ("Das Geld hätte man besser in den Mittelstand investiert") und das staatliche Rettungspaket für Opel aus - ganz im Guttenberg'schen Geiste also.

Ein Satz lässt noch stärker aufhorchen: Das Ministerium arbeite am Auftrag des Ministerpräsidenten, dessen Erklärung "Die Uniklinik kommt" auch mit Leben zu erfüllen.

Die Diskussion dreht sich um viele Themen. Zum Beispiel Kurzarbeit. "Ein absoluter Segen für die Unternehmen", sagt Holzamer von SGL, da diese so ihre qualifizierten Mitarbeiter halten können. Ferhadbekovic sieht das differenzierter. Sein Unternehmen habe keine Kurzarbeit, dies derzeit auch nicht vor: "Man muss schon auch auf die Selbstheilungskräfte des Marktes vertrauen", sagt er.

Eine Lanze brechen der Staatssekretär wie auch der Gechäftsführer des Neusässer Unternehmens für das Sparkassenwesen, da dies zusammen mit den Raiffeisenbanken sehr wichtig für die Finanzierung des Mittelstandes sei. Im Gegensatz dazu beklagen Mittelständler, dass sich oft als erstes die Hausbank vom Acker mache, die 30 Jahre lang mit dem Unternehmen gut verdient hat.

Holzamer fordert Sparkassen wie Raiffeisenbanken zu mehr Mut bei den Kreditvergaben auf, "die sind zurzeit etwas hasenherzig". Als Beispiel nennt er die Finanzierung neuer Windkrafträder - "viele Projekte gehen den Bach runter, weil keine Finanzierung möglich ist", beklagt der Geschäftsführer von SGL, das mit Verbundfaserstoffen auch in diesem Segment tätig ist.

Die Wirtschaft in Schwaben und in der Region Augsburg macht Franz Pschierer kein großes Kopfzerbrechen: sie sei gut aufgestellt. Er erinnert hier an den Strukturwandel in Augsburg, der einstigen Textilhochburg. "Jede Krise beschleunigt den Strukturwandel", pflichtet Holzamer bei. Durchaus selbstkritisch räumt er ein, dass SGL auf die Brennstoffzelle gesetzt, aber die Automobilindustrie nicht mitgespielt habe.

Es ist ein interessanter, gar nicht wirtschaftstrockener Abend mit einem lebhaften Quintett auf dem Podium und kundigen Fragestellern im Publikum. So mancher Satz ist geeignet für das kleine Wirtschafts-ABC, wenn etwa Pschierer und Ferhadbegovic, der schon mal bei einer Bank in Shanghai tätig war, amerikanische Kreditvergaben beschreiben. Edwin Ferhadbegovic vergleicht: "Wenn ich unten eine Karte rausziehe, fällt das ganze Kartenhaus zusammen." Noch drastischer formuliert es sein älterer Bruder Ralf: "Die Finanzkrise ist nur aus Geldgeilheit entstanden." Holzamer pflichtet Klaus Hager bei, der mehr Nachhaltigkeit und Ressourcenmanagement fordert: "Wir müssen von einer Wegwerf- zu einer Verwertungsgesellschaft werden."

Dass am Sonntag Europawahlen sind, spielt an diesem Abend, an dem das hohe Lied auf die soziale Marktwirtschaft angestimmt wird, keine Rolle. Doch einmal, da sagt der CSU-Staatssekretär im bayerischen Finanzministerium den folgenden Satz: "Wenn der Ludwig Erhard noch leben würde, der würde aufstehen und eine neue Partei gründen, denn so haben wir uns Marktwirtschaft nicht vorgestellt."

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