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Landkreis Augsburg

05.01.2019

Mordsgeschichten: Nicht nur der Hund zwickt den Postboten

Postboten stellten damals nicht nur Karten wie den Gruß aus Scherstetten und Briefe zu. Sie mussten auch Geldgeschäfte erledigen. Diese Aufnahme stammt von Fotograf Gustav Baader. Er hat sie vermutlich um 1900 in Krumbach aufgenommen.Die „Mordsgeschichten“ sind online unter www.augsburger-allgemeine.de/shop sowie bei den Medienpartnern der Augsburger Allgemeinen erhältlich.Aus einer zeit vor E-Mail und SMS: Die Post übernahm früher viele Dienstleistungen. Sogenannte Postillone kündigten sich mit einem Horn an. 

Plus Briefträger beförderten früher auch Geld. Deshalb hatten Ganoven ein Auge auf sie. Mancher wurde selbst zum Kriminellen.

Postboten lebten früher gefährlich: Nicht nur angriffslustige Hunde setzten ihnen zu, sondern vor allem Wegelagerer. Die wussten: Die Austräger stellen nicht nur Briefe und Postkarten zu, sondern haben in der Regel auch Geld dabei. Anders heute mussten sie nämlich auch Geldgeschäfte erledigen. In alten Zeitungsbänden wird immer wieder von Überfallen berichtet. Ein Postbote kam im September 1898 mit einem blauen Auge davon.

Der Mann befand sich gerade auf den Nachhauseweg in Richtung Krumbach, als er bei Loppenhausen ausgeraubt wurde. Er hatte Glück im Unglück: Denn zufällig kam der Bader Josef Schmid aus Loppenhausen vorbei und entdeckte den Postboten stöhnend auf der Straße liegend.

Geld war für manchen Postboten eine Verlockung

Diese Verantwortung für Geld war für manchen Postboten auch eine Verlockung: Ihr erlegen ist Georg Vogler. Er war um 1893 als „Postadjunkt“ für Günzburg zuständig. Fünf Jahre war der gebürtige Hohenraunauer bereits im Dienst. Dann passierte es: Im Dezember 1893 und im Januar 1894 unterschlug der 25-jährige Unteroffizier der Reserve zwei Geldbriefe. Vogler wusste über den Inhalt der Briefe sehr gut Bescheid: Der erste enthielt 2000 Mark in bar und war von der Firma Siegmann in Mannheim an das Rentamt Krumbach adressiert. Im zweiten Brief steckten 648 Mark in Wechseln und Bargeld in Höhe von 109 Mark. Das Geld hatte ein Berliner Firma an die Wollfilzfabrik in Wasserburg bei Günzburg geschickt.

Vogler fasste den Plan, das Geld heimlich einzustecken und sich dann abzusetzen. Er kam allerdings nur bis Antwerpen. Dort wurde er festgenommen und dann ausgeliefert. Mehr Details wurden später vor Gericht bekannt.

Vogler saß auf der Anklagebank und musste erklären, wie es zu der Unterschlagung gekommen war.

Der Brief mit den 2000 Mark sei mittags mit dem Postzug angekommen und hätte mit dem nächsten Zug nach Krumbach weitergehen sollen. Er sei aber liegen geblieben und wanderte dann im Postexpeditionslokal in eine Schublade. Vogler habe den Brief dem „Aspiranten“ Hildebrand in aller Form übergeben. Hildebrand sei dann zum Mittagessen gegangen und habe aber vergessen, den Schlüssel der Schublade abzuziehen. Da wurde Vogler schwach – ihm sei plötzlich der Gedanke gekommen, mit dem Geld Schulden begleichen zu können. Also nahm er den Brief mit nach Hause und öffnete ihn.

500 Mark in Goldstücken gestohlen

Vom Inhalt wechselte er 500 Mark in Goldstücke, den Rest nahm er für seine Schulden her. Als ein „Officier vom Oberpostamt Augsburg“ den fehlenden Brief in Günzburg reklamierte, bekam es Vogler mit der Angst. Für ihn sei klar gewesen: Er musste schnell verschwinden. Um seine Reisekasse aufzubessern, unterschlug er einen weiteren Geldbrief.

Die für ihn wertlosen Wechsel warf er übrigens während der Eisenbahnfahrt an der belgischen Grenze zum Fenster hinaus. Sie gingen nicht verloren, sondern wurden von einem Arbeiter gefunden und später nach Deutschland zurückgeschickt.

Vogler wurde zu einer eineinhalbjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Was danach mit ihm geschah, ist nicht bekannt. Sicher dürfte nur sein, dass er bei der Post keine Anstellung mehr gefunden hat.

Auch Johann Baptist Rupp verlor seinen Job als Postbote von Mödishofen, weil er 1898 mehrfach Geld unterschlagen hatte. Die Summen waren vergleichsweise gering.

Einmal ging es um 15 Mark, die die Landwirtin Johanna Steger aus Reitenbuch an ihren Sohn Kaspar übersenden wollte. Rupp steckte das Geld selbst ein und schickte es erst weiter, nachdem Steger deutliche Worte gefunden hatte. Will heißen: Sie stellte den Postboten zur Rede. Bei der „Maurersfrau“ Gelnhauser aus Dinkelscherben-Ried ging es um zehn Mark. Wieder hatte es Rupp unterlassen, den Absendern die so genannten Vormerkscheine auszuhändigen und die Beträge im Postannahmebuch einzutragen. Rupp beteuerte vor Gericht, dass er knapp bei Kasse gewesen sei und mit seinem Gehalt von monatlich 65 Mark und fünf Mark Zulage seine Frau und seine vier Kinder weder ernähren noch die Wohnungsmiete von 100 Mark jährlich bezahlen könne. So einfach und sparsam die Familie auch wirtschaftete: Es fehlten immer rund 100 Mark. Rupp wurden mildernde Umstände zuerkannt – er musste für nur drei Monate und acht Tage ins Gefängnis.

Mordsgeschichten Die Realität ist grausam: Das beweist die Auswahl von über 200 Kriminal-, Unglücks- und Un-fällen aus dem Augsburger Land, Mittelschwaben und dem angrenzenden Unterallgäu. Die kleinen und großen Sünden unserer Vorfahren in den letzten Jahren von Kini und Co. hat Redakteur Maximilian Czysz nacherzählt und mit einem Augenzwinkern aufbereitet.

Mordgeschichten: Bisher erschienen in unserer Serie


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