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Landkreis Augsburg

09.07.2019

Nach Mordversuch: Vater liebt Sohn immer noch

Ein 33-Jähriger ist mit einer Brechstange auf seinen Vater losgegangen. Jetzt steht er vor Gericht. 
Bild: Alexander Kaya (Archiv)

Plus Ein 33-Jähriger aus dem westlichen Landkreis geht mit einer Brechstange auf seinen Vater los. Nach drei Prozesstagen soll jetzt ein Urteil fallen.

Ein Jahr nach der brutalen Attacke steht der Vater zu seinem Sohn. Er liebe ihn noch immer, erklärte gestern Rechtsanwältin Marion Zech im Prozess gegen einen 33 Jahre alten Mann aus dem westlichen Landkreis, der im Juli 2018 nachts auf seinen schlafenden Vater mit einem Brecheisen losgegangen war. Anschließend flüchtete er nach Aichach. Der 70-Jährige erlitt Verletzungen am Kopf und am Hals. Er tritt in der Verhandlung am Landgericht als Nebenkläger auf. Das hat einen besonderen Grund.

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Als Nebenkläger habe er die Möglichkeit, während des Prozesses einzugreifen, erklärte Marion Zech. Mit seiner Teilnahme wolle er „etwas Gutes“ für seinen Sohn erreichen: Nämlich eine Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus. Darin waren sich in ihren Schlussvorträgen die Nebenklage-Vertreterin Zech, Staatsanwältin Monika Neuhierl und Verteidiger Walter Rubach einig.

Gutachter stellt krankhafte seelische Störung fest

Vorangegangen war das Gutachten von Dr. Wolf Langensteiner. Der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie stellte bei dem Angeklagten eine krankhafte seelische Störung fest. Wie sich die äußerte, hatten über ein Dutzend Zeugen beschrieben. Eine frühere Freundin bezeichnete den 33-Jährigen als „komisch“. Anderen war aufgefallen, dass er manchmal vor sich hin kicherte und abwesend wirkte. Er habe Angst gehabt, von seinem Vater vergiftet zu werden. Eine Ex-Freundin berichtete, dass er in Arbeitskollegen dunkle Gestalten sah, die es auf sein Leben abgesehen hätten. Einmal befürchtete er eine Entführung der Freundin, weil er im Schützenheim angeblich Blut und Frauenhaare in einem Waschbecken gesehen hatte. Seinen Vater hielt er zeitweise für einen Klon. Dieser Doppelgänger beschäftigte dann die Juristen der Achten Kammer: War die brutale Attacke wirklich Teil der Krankheit? Oder ging es um die Beschleunigung des Erbes? In der Verhandlung war das Thema Geld immer wieder zur Sprache gekommen. Gestern erklärte der Angeklagte, dass er in den Monaten vor der Tat kein Geld mehr verdient hatte und dass ihm sein Vater immer wieder kleine Beträge zuschob.

Nach Mordversuch: Vater liebt Sohn immer noch

Job gekündigt und von Freundin verlassen

Der 33-Jährige hatte seinen Job bei einem Logistik-Unternehmen an den Nagel gehängt, weil die Arbeit angeblich immer mehr geworden sei. Er habe sich ausgebrannt gefühlt, so halb burnoutmäßig“, sagte der 33-Jährige. Die immer mehr Zeit in Anspruch nehmende Arbeit und die fehlende Freizeit seien der Grund gewesen, warum sich seine Freundin von ihm getrennt hatte. Das Ende der Beziehung habe er nicht verkraftet. Mitgenommen hatte ihn nach eigenen Angaben auch der plötzliche Unfalltod einer Bekannten. Die Vorsitzende Richterin Susanne Riedel-Mitterwieser fragte ihn, ob er Veränderungen an sich mitbekommen habe. Darauf sagte der 33-Jährige: „Direkt nicht.“ Sie wollte auch wissen, wie er sich eigentlich seine Zukunft vorstelle. Der Angeklagte sagte teilnahmslos: „Keine Ahnung.“

Gutachter geht von Schizophrenie aus

Die Vorstellung, dass Angehörige mit Doppelgängern ausgetauscht werden, hielt Gutachter Dr. Wolf Langensteiner für ein weiteres typisches Syndrom einer Schizophrenie. Es sei offensichtlich, dass die Attacke als ein möglicher Affektausbruch auf die Erkrankung zurückgehe. Langensteiner gab auch eine Prognose ab: Ohne eine Behandlung müsse mit hoher Wahrscheinlichkeit damit gerechnet werden, dass es im sozialen Umfeld des Angeklagten wieder zu aggressiven Vorfällen kommen könnte. Das Risiko für eine Bewährung hielt er für zu hoch. Es fehle an der eigenen Krankheitseinsicht. Langensteiner: „Er muss lernen, Symptome selbst wahrzunehmen.“ Auch Staatsanwältin Monika Neuhierl bezeichnete das Risiko für Dritte als hoch und beantragte deshalb eine Unterbindung anzuordnen. Rechtsanwältin Marion Zech sagte: „Das ist der einzige Weg, dem Sohn eine Zukunftsperspektive zu geben.“

Das Urteil im Prozess gegen den 33-Jährigen soll am Mittwoch am Landgericht fallen.

Die Schläge mit dem Brecheisen hätten tödlich sein können

Wie gefährlich waren die Schläge mit dem Brecheisen? Auf diese Frage ging am dritten Prozesstag ein Rechtsmediziner ein. Facharzt Florian Fischer erklärte: Die Wucht des Werkzeugs sei „zwanglos ausreichend“, um einen Schädel an jeder Stelle zu brechen.

Eine weitere Folge: eine direkte Schädigung des Hirns. Das Potenzial eines Brecheisen sei wegen der Masse des Werkzeugs wesentlich höher als beispielsweise eines Hammers. Wäre der Vater mit der Klaue des Brecheisen getroffen worden – also mit dem Teil des Werkzeugs, mit sich normalerweise Nägel aus Brettern ziehen lassen, dann hätte es sicherlich einen Schädelbruch gegeben. Fischer ging in seinem Gutachten von mehreren Schlägen aus. Zwei davon führten zu einer Platzwunde am Kopf des Vaters. Auch Schluckbeschwerden und Heiserkeit wurden bei ihm attestiert – ein typisches Merkmal stumpfer Gewalteinwirkung durch Würgen.

Fischer äußerte sich auch zu einem speziellen Bluttropfen, den die Spurensicherung am Kopfteil des Betts gefunden hatten. Das Muster mit einer Fließbewegung rühre von der Schlagbewegung her und lasse klar den Schluss zu, dass sich der Angriff im Bett abgespielt hatte. Gegenüber der Polizei hatte der Sohn behauptet, dass sein Vater nachts im Schlafzimmer auf ihn zugekommen sei und er sich mit dem Werkzeug wehren wollte. Der ermittelnde Kripobeamte erinnerte sich gestern vor Gericht: Der Sohn habe bei der Vernehmung von einem „Blackout“ gesprochen. Die Vernehmung sei sehr schleppend verlaufen, weil der Beschuldigte oft Minuten brauchte, um antworten zu können.

Lesen Sie hier alle Details zum ersten Verhandlungstag: Sohn schlägt mit Brechstange auf Vater ein.

Mehr über die krankhafte Leidenschaft für Waffen des Angeklagten lesen Sie hier.

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