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Neusäß

08.12.2019

Nach Unfalltod des Sohnes: Malen gibt der Mutter Kraft

Das tut ihr gut: Susanne Ziegler malt in ihrem Wohnzimmer. Eigentlich ist es kein Malen in herkömmlichem Sinne, sondern eine Spachteltechnik. 
Bild: Diana Zapf-Deniz

Plus Susanne Ziegler hat ihren Sohn bei einem Verkehrsunfall verloren. Doch die Neusässerin lässt sich nicht unterkriegen und will stattdessen anderen Mut machen.

Von einem Tag auf den anderen war alles anders. Susanne Ziegler aus Neusäß traf im letzten Jahr der härteste Schicksalsschlag: An einem Sommertag wurde ihr ältester Sohn unverschuldet bei einem Verkehrsunfall aus dem Leben gerissen.

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„Man wird aus seiner Funktionierwelt, aus seiner eigenen perfekten Welt, herausgerissen“, erzählt sie auch nach eineinhalb Jahren noch immer fassungslos. Wenn aus einer Familie plötzlich ein Mitglied fehlt, dann steht das Leben jedes einzelnen der Hinterbliebenen auf dem Kopf. Doch Susanne Ziegler hat es für sich geschafft, einen Weg aus dem Dunkeln zu finden. Sie malt Bilder.

Mit der Therapie bekam sie neue Ideen

Die einst vor Lebensfreude sprühende Frau aus Ottmarshausen sucht nach einer neuen Wertigkeit und Wahrheit im Leben. „Ich glaube, dass die Therapie zur Trauerbewältigung unerlässlich ist und man das alleine gar nicht schaffen kann“, ist sich Ziegler sicher. Denn mit der Therapie bekam sie Ideen, wie es weitergeht und auch eine Vorstellung darüber, was nach dem Tod ist, gerade, wenn man nicht gläubig ist. „Die Beschäftigung mit der Trauer und die Trauerarbeit tun sehr weh und an manchen Tagen bin ich fix und fertig“, berichtet sie offen. Das Malen begann bei einer „Art Night“ in Augsburg.

Nach Unfalltod des Sohnes: Malen gibt der Mutter Kraft

Der erste Geburtstag ihres Mannes nur wenige Monate nach dem Tod des ältesten Sohnes sollte nicht von der Trauer bestimmt sein. Doch an feiern war nicht zu denken. Also meldete sie ihren Mann, ihren jüngeren Sohn und sich bei dieser kreativen Veranstaltung an. „So haben wir gemeinsam etwas gemacht, mussten nicht reden und haben nette Leute ganz ungezwungen getroffen“, weiß Ziegler noch. Ab da war es um sie geschehen. Sie lächelt ein wenig und ihre sympathischen Grübchen werden dabei sichtbar. „Das Malen beruhigt mich und es lenkt mich ab. In dem Moment, wo ich es mache, bin ich zufrieden, weil ich etwas schaffe.“

„Das Malen ist meine Nix-Box“

Ihre Augen beginnen zu leuchten und sie fährt fort: „Wenn ich male, dann denke und grüble ich höchstens über die Farbwahl und die Formen. Sonst nichts. Das Malen ist meine Nix-Box.“ Diese Nix- oder Nichts-Box hilft ihr, beunruhigende und quälende Gedanken abzuschalten. Wenn ein Bild fertig ist, dann freut sie sich, dass sie etwas geschafft hat und dieser Moment tut ihr gut. „Sonst habe ich wenig schöne Momente seitdem, aber die werden wieder mehr“, sagt sie hoffnungsvoll.

Seit über einem Jahr produziert sie ihre farbenfrohen Bilder. Darauf ist stets ein Tier portraitiert. Bunte Farben, auch Neonfarben. Bilder voller Energie und farblicher Lebensfreude. Nur die Augen ihrer gemalten Tiere strahlen Traurigkeit aus.

Ende November fand ihre erste Vernissage statt

Innerhalb von 14 Monaten entstanden unzählige Bilder. „Es wurden immer mehr und meine Freundinnen meinten, dass ich eine Ausstellung machen soll.“ Ende November fand also ihre erste Vernissage statt. Ziegler betitelte sie mit „Kunterbunte Tierwelt“. Zahlreiche Freunde und Bekannte kamen. Der Erlös aus dem Verkauf der Kunstwerke brachte rund 2500 Euro ein. Den größten Teil spendet sie für die Stammzellspenderdatei gegen Blutkrebs DKMS. „Meinem verstorbenen Sohn war damals eine Typisierungsaktion in Gersthofen wichtig. Seine Freunde und er hatten sich alle typisieren lassen.“ Ein Betrag geht an das Hospiz der Caritas in Aichach-Friedberg, das Bastelmaterial für die neu gegründete Trauergruppe für Kinder benötigt.

Neben dem Malen fährt Susanne Ziegler zudem öfters mit ihrem Mann in die Berge zum Wandern, das gibt ihnen beiden Kraft. „Wenn man sich auf den Gipfel rauf quält und sich verausgabt, hat man das Gefühl, dass man alles Schwere im Tal lässt“, findet sie.

Jeder Mensch trauert unterschiedlich

Ihr Mann und ihr Sohn reden kaum, restaurieren lieber den Oldtimer des verstorbenen Sohnes. Wenn sie das Auto dann im Hof sieht, versetzt es ihr einen Stich. Damit könne sie nicht sonderlich gut umgehen. Umgekehrt kommt ihr Mann mit ihrer Art der Trauer nicht immer gut klar. Jeder Mensch trauert eben unterschiedlich.

Die lange Zeit als Lehrerin tätige Neusässerin ist vielseitig interessiert und man könnte meinen, ihr Tag hat mehr als nur 24 Stunden. Neben Büroarbeit, Haushalt und ihren nahezu täglichen kreativen Ablenkungsmanövern gibt sie auch Pilatesunterricht. „Die Körperwahrnehmung, die Konzentration auf den Moment und auf das, was man gerade tut, sowie der Kontakt zu meinen unglaublich lieben Kunden tut mir ebenfalls sehr gut.“ Sport baue ohnehin Stress ab und sei gut gegen das Trauma. „Die Vorwärtsbewegung ist eine Vorwärtsbewegung“, lautet ein wichtiger Teil ihres Rezeptes.

Weihnachten wird für die Familie besonders schwer

Die Künstlerin möchte sich keinesfalls profilieren, indem sie an die Öffentlichkeit geht. Es könne jedem passieren, dass von heute auf morgen die eigene Welt ins Wanken gerät. „Aber es wäre schön, wenn jemand, der sich in einer ähnlichen Situation befindet, angeregt wird, auch etwas für sich zu finden“, wünscht sich die warmherzige Malerin. Weihnachten wird für die Familie, wie im letzten Jahr auch schon, besonders schwer.

Ein Tag vor dem Fest ist der Geburtstag ihres verstorbenen Kindes. Im letzten Jahr kamen alle Freunde des Sohnes. „Das war eine unglaublich schöne Geste und spendete uns großen Trost“, erinnert Ziegler sich. An Heiligabend selbst sind sie alle zusammen bei ihren Eltern und die Schwester kommt mit ihren Zwillingen extra aus Korea. „Darauf freue ich mich schon richtig, denn da ist dann immer was los. Es gibt mir Halt, wenn die ganze Familie zusammen ist.“

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