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Flüchtlige

22.02.2014

Nach dem Kirchenasyl Freunde fürs Leben

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Eine großer Unterstützerkreis kämpfte in Steppach für das Bleiberecht der kurdischen Familie. Damals hat der Staat das Kirchenasyl geduldet.

1995 kämpfte die Steppacher Pfarrgemeinde St. Raphael für die Kurdin Sahize Smisek und ihre Kinder. Damals wurde der Kirchenraum respektiert. Heute lebt die Familie in Holland

Erstmals nach 18 Jahren hat die Staatsmacht in Bayern in dieser Woche wieder das Kirchenasyl ignoriert und eine Mutter mit ihren vier Kindern aus der Pfarrei St. Peter und Paul in Oberhausen abgeholt und abgeschoben. Das weckt auch bei vielen Steppachern lebhafte Erinnerungen: 1995 harrte die junge Kurdin Sahize Simsek mit ihren beiden Kindern acht Monate im Kirchenasyl in St. Raphael in Steppach aus – bis sie mit Hilfe des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen endlich nach Holland ausreisen konnte.

„Das Wiedersehen mit dem Vater am Bahnhof von Amsterdam werde ich mein Lebtag nicht vergessen“, erinnert sich Pfarrgemeinderätin Ursula Raffler, die damals dabei war. Der Vater war schon vorher aus Angst vor der Abschiebung untergetaucht und nach Holland geflüchtet. Der kleine Bilal, seit der Flucht aus der Türkei stets kränklich und geschwächt von einer Essstörung, „strahlte beim Wiedersehen übers ganze Gesicht und war einfach nur überglücklich“, wie die ganze leidgeprüfte Familie. Noch heute lebt sie mit niederländischer Staatsbürgerschaft in Holland.

Sogar amnesty international engagierte sich in dem Fall

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„Wir hatten Glück und Schutz durch eine große Öffentlichkeit“, sagt Ursula Raffler heute im Rückblick. Tatsächlich machte der Fall bundesweit Schlagzeilen und sogar amnesty international machte sich für die kurdische Familie stark. Doch vor allem in Steppach und Umgebung gab es einen großen Unterstützerkreis rund um den couragierten Pfarrer Peter Brummer – heute Pfarrer in Tutzing – und den Pfarrgemeinderat. Sie beschlossen im April 1995, die 19-jährige, traumatisierte Mutter mit ihrer dreijährigen Tochter Leyla und ihrem vierjährigen Sohn Bilal aufzunehmen und versuchten dann mit allen juristischen Mitteln – Organist Dr. Markus Müller war glücklicherweise Jurist – ein Bleiberecht für die Familie zu erwirken.

„Die Kirche ist ja kein rechtsfreier Raum“, sagt Ursula Raffler, man müsse sich immer gut überlegen, ob die Aktion gerechtfertigt ist und im Einklang mit dem Grundgesetz steht. Damals habe die Politik und die Polizei das Kirchenasyl auch noch geduldet.

Zwar ist die Polizei am 20. Juli 1995 mit massiven Kräften in Steppach angerückt. Sie waren aber lediglich auf der Suche nach dem Vater, Fariz Simsek, während die Mutter mit ihren Kindern drinnen im Pfarrhaus vor Angst gezittert hat – eine Aktion, die dem damaligen Innenminister Günther Beckstein viel Kritik eingebracht hat.

Wie viele der Steppacher Unterstützer von damals pflegt auch die 63-jährige Ursula Raffler bis heute ihre Freundschaft zur Familie Smisek, jedes Jahr ein Besuch ist Brauch. Sahize sei mit den Kindern zuletzt 2010 in Steppach zu Besuch gewesen. „Die Familie ist stabil, die Kinder haben sich prächtig entwickelt und studieren mittlerweile“, erzählt Ursula Raffler. Zwar leide Vater Fariz Smisek immer noch an den psychischen Folgen der Folter in der Türkei und auch Mutter Sahize hat oft Kopfschmerzen, aber in Holland führen sie ein gutes, normales Leben.

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