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Welden

17.09.2015

Notlager: Trifft es jetzt Neusäß statt Welden?

An die 200 Zuhörer verfolgten die jüngste Marktgemeinderatssitzung in Welden, die eine Informationsveranstaltung war: Landrat Martin Sailer und eine Mitarbeiterin klärten auf, was mit den ehemaligen Schäfer-Hallen im Haldenloh passiert. 
Bild: Marcus Merk

Eine Erstaufnahmeeinrichtung im Holzwinkel ist vom Tisch. Landrat Sailer wirbt um Verständnis und gibt einen Fehler zu

Für 70 Gäste war der Markttreff bestuhlt, an die 200 drängten sich dann durch die beiden Türen, um während der zweistündigen Diskussion zu hören: Der Landkreis rückt von seinen Plänen ab. In Welden soll es jetzt doch keine Not-Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge geben. Das sicherte Landrat Martin Sailer am Dienstagabend der Marktgemeinde zu. Das hat allerdings Folgen für die kreiseigenen Turnhallen. Aktuell wird nur die Halle Neusäß als Not-Erstaufnahme genutzt. Ob auch andere in Anspruch genommen werden müssen und wenn ja, welche, das ist noch offen. Vorrangiges Ziel des Landratsamtes sei es, eine andere Gewerbehalle – möglichst in Neusäß – anzumieten, um keine Turnhalle mehr in Beschlag nehmen zu müssen.

Das Echo in Welden war jedenfalls groß, als die Kreispläne bekannt wurden. Auf einem Flugblattvon Gewerbetreibenden und Anwohner waren Sorgen, Ängste und Bedenken zusammengefasst. Jetzt ist klar: Die Halle für die Erstaufnahme ist vom Tisch, es wird aber bei einer Unterkunft für 120 bis 150 Flüchtlinge bleiben. Ein weiterer Kompromiss, der an dem Abend geschlossen wurde: Die angemietete Halle soll nach Möglichkeit schrittweise belegt werden, um mehr Zeit für die Helfer zu gewinnen.

Die Freiwilligen waren ein zentrales Thema der Sitzung. „Es ist doch noch völlig unklar, wie bei uns Helferstrukturen aufgebaut werden können“, sagte SPD-Fraktionssprecher Michael Lenzen, der sich darüber echauffierte, dass viele Aufgaben einfach auf Kommunen abgewälzt würden. Für die Feststellung gab es Applaus. Lenzen forderte Unterstützung seitens des Landkreises. Sailer erinnerte an das bestehende Netz von Helfern. Außerdem wäre noch Zeit vorhanden, bis die ersten Flüchtlingen nach Welden kommen: Von Anfang Dezember ist die Rede. Nach dem Informationsabend boten die erste Freiwilligen ihre Hilfe an – 33 hatten sich bereits in eine Liste eingetragen.

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Sailer versuchte in der sachlich geführten Diskussion den Druck darzustellen, der auf dem Landkreis lastet. „Wir befinden uns in einer Situation, in der wir keinen Handlungsspielraum haben. Uns treibt die pure Not.“ Deshalb könne auch keine Rücksicht auf Themen wie Schule oder Kindergärten genommen werden. Der Zustrom sei ungebrochen, nach aktuellen Prognosen werde mit rund 850000 Menschen in Deutschland gerechnet. Für den Landkreis bedeutet das: Er muss heuer 2940 Menschen unterbringen. Derzeit fehlen noch 1200 Plätze. Bis zu 150 sollen in Welden entstehen –die ersten in der Marktgemeinde. Auf Nachfrage sagte Sailer, dass Welden zu den Kommunen gehöre, die seit drei Jahren keinen Beitrag zur Bewältigung der Flüchtlingsproblematik geleistet habe. Sind 150 Flüchtlinge trotzdem zu viele für den Markt mit seinen rund 3600 Einwohnern?

Sailer verwies auf das Beispiel Langweid: In der Gemeinde mit rund 7000 Einwohner seien 127 Asylbewerber untergebracht. „Das ist völlig unproblematisch“, was viele Zuhörer mit ungläubigem Kopfschütteln quittierten. Integration funktioniere vor Ort, sagte Sailer. Sie stehe und falle damit, wie man sich auf die Menschen einlasse. Zum Thema gerechte Verteilung der Asylbewerber rüffelte Sailer die Regierung: „Wir könnten uns natürlich hinstellen und die Asylbewerber nach Quote weiterreichen. Aber dann machen wir nichts anderes als die Regierung.“ Schwierig werde es dann aber bei der Betreuung der Menschen. Marion Koppe, der Geschäftsbereichsleiterin Kommunale Angelegenheiten und Öffentliche Sicherheit und Ordnung am Landratsamt, gab offen zu: Bislang werden kleine Gemeinden überproportional belastet. „Wir haben massive Probleme im so genannten Speckgürtel von Augsburg.“ Das heißt: Die Städte nehmen noch zu wenig Asylbewerber auf. Welden habe laut Martin Sailer seine Hausaufgaben erledigt – bis 2016.

Könnte nicht ein Container-Dorf in einer „problemloseren Umgebung“ eine Lösung sein? So formulierte es Marktgemeinderat Anton Gribl, der von Verhandlungen zwischen der Regierung und dem Autobahnbauer Strabag wusste. Die Container stehen derzeit im Zusmarshauser Ortsteil Wollbach. Sailer bestätigte die Gespräche. Es stehen aktuell aber keine Entscheidungen an, hieß es seitens der Regierung. Sailer erklärte, dass ein Containerdorf in Stadtnähe helfen könnte, dem Zustrom 2016 zu begegnen.

Beim Thema Platz kam auch die ehemalige Bahnhofsgaststätte zur Sprache: Dort sollten rund 50 Flüchtlinge untergebracht werden. Doch dann wurden die Pläne plötzlich verworfen (wir berichteten). Laut Marion Koppe hätte das Amt von den Vertragsverhandlungen der Regierung nichts gewusst. Daraufhin kam der Vorwurf aus dem überfüllten Gästebereich: „Reden Sie nicht miteinander?“ Gemeinderat Dr. Anton Kiening kommentierte: „Ein Armutszeugnis.“ Ein Zuhörer warf ein: „Das ist eine Frechheit.“ Und Sailer bekannte: „Das ist schief gelaufen. Das hätte nicht passieren dürfen.“

Kritik gab es auch an der Informationspolitik über die Pläne in Welden: Die Marktgemeinderäte fühlten sich schlecht informiert, meinte Frank Dorner. Bürgermeister Peter Bergmeir beteuerte gegen Ende des spannungsgeladenen Abends: Der Termin mit dem Landrat sei fest eingeplant gewesen. Ein Flugblatt wäre nicht nötig gewesen. Dorner betonte: „Ohne das Flugblatt wäre niemand informiert gewesen.“

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