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Neusäß/Gersthofen

08.07.2020

Ohne Fahrradführerschein in die Ferien? Mutter schreibt E-Mail an Söder

Normalerweise erklärt der Polizeibeamte Wolfgang Nowak den Viertklässlern die Verkehrsregeln auf dem Verkehrsübungsplatz in Kutzenhausen, in diesem Jahr fällt der Fahrradführerschein aus.

Plus Corona wirbelt alles durcheinander. Auch die Fahrradführerschein-Prüfungen vieler Schüler. Und das, obwohl sogar Ministerpräsident Söder sie erlaubt.

Etwas über einen Kilometer lang ist der Schulweg von Monika Udens Sohn. Eine Strecke, die der Viertklässler gerne jeden Tag mit dem Fahrrad zurücklegen würde. Doch das ist bisher nicht möglich: „Die Schule bittet jedes Jahr darum, die Kinder den Schulweg erst dann mit dem Rad bestreiten zu lassen, wenn sie den Fahrradführerschein gemacht haben“, erzählt Monika Uden.

Die Parallelklasse ihres Sohnes an der Grund- und Mittelschule am Eichenwald in Neusäß hat diesen schon im vergangenen Herbst gemacht, ihr Sohn wäre im Frühsommer dran gewesen. Aufgrund von Corona und den damit verbundenen Schulschließungen konnte die Prüfung jedoch nicht gemacht werden.

Praktische Fahrradprüfung war wegen Corona nicht möglich

„Die Klassenleitung unseres Sohnes hat über Wochen die Kinder mit dem Arbeitsheft und selbst gedrehten Videos für die Theorie vorbereitet und die theoretische Fahrradprüfung sofort nach dem Lockdown durchgezogen“, sagt Monika Uden. In der zweiten Juniwoche habe die Lehrerin dann erfahren, dass sie die praktische Prüfung nicht durchführen darf.

 

Monika Uden versteht nicht, warum die Fahrpraxis unter freiem Himmel auf dem Verkehrsübungsplatz nicht stattfinden durfte. „Ich halte die Verkehrserziehung neben dem Schwimmunterricht für das Wichtigste für Kinder, denn sie ist lebenswichtig“, sagt die dreifache Mutter. Sie habe bei der Radprüfung ihres älteren Sohnes selbst miterlebt, wie unsicher viele Kinder noch gewesen seien: „Manche schüchternen Kinder verhielten sich zum Beispiel so unentschlossen, dass die Autofahrer nicht wussten, ob das Kind über die Straße will oder einfach wartet.“

Mutter schreibt eine E-Mail an Ministerpräsident Markus Söder

Deshalb habe sie zunächst die Schulleitung, später auch das Referat für Grundschule und Verkehrserziehung nach dem Grund für die Absage der Prüfung gefragt. Die Schüler sollten sich möglichst wenig in der Gruppe und im Schulhaus bewegen, auch der Pausenhof sollte nicht wirklich genutzt werden, hieß es dort.

Monika Uden engagierte sich jedoch weiter, nahm unter anderem Kontakt mit der Verkehrswacht auf und schrieb eine E-Mail an den bayerischen Ministerpräsidenten Söder. „Am 22. Juni hat mich dann die erfreuliche Nachricht erreicht, dass das Kultusministerium den Beschluss zurückgenommen hat“, erzählt Uden.

 

Der Rückschlag kam jedoch schon wenige Tage später: Die örtliche Verkehrspolizei habe gemeldet, nicht ausreichend zeitliche Kapazitäten für eine Durchführung der Fahrradprüfung noch vor den Sommerferien zu haben.

Für die Polizei sei die plötzliche Freigabe der Fahrradprüfungen überraschend gekommen, erklärt Bernd Kremling von der für Neusäß zuständigen Polizeiinspektion Gersthofen. „Wir sind die Letzten, die das Verkehrstraining der Kinder für unwichtig erklären“, sagt Kremling. Es sei ja die Aufgabe der Polizei, für die Sicherheit der Kinder zu sorgen. „Aber in der kurzen Zeit bis zu den Sommerferien war eine Durchführung der Übungsstunden und der Prüfung für alle Klassen schlichtweg zeitlich nicht möglich.“ Nun werde die Verkehrspolizei versuchen, zumindest ein Toter-Winkel-Training für die Kinder und ein Vorschultraining möglich zu machen.

Polizei Zusmarshausen klagt über fehlende Übungsabschnitte

Ähnlich ist die Situation in der Polizeiinspektion Zusmarshausen. „Uns fehlen zwei Übungsabschnitte aus dem vergangenen Halbjahr. Wir müssten also für 40 Klassen in nur vier Wochen die insgesamt 50 fehlenden Übungseinheiten nachholen“, so Polizist Wolfgang Nowak. Das sei rein rechnerisch gar nicht möglich. Nun soll auch hier zumindest das Toter-Winkel-Training für alle interessierten Schulen stattfinden.

 

„Uns tut das natürlich furchtbar leid. Auch die Schüler sind traurig“, sagt Nowak. Die Eltern könnten den Kindern zwar viel beibringen, würden aber auch an ihre Grenzen kommen. Fast keiner wüsste beispielsweise die neun Schritte, die man beim Linksabbiegen zu beachten habe. „Wir sind mit anderen Kommunen aus haftungsrechtlichen Gründen verbunden und schauen, ob sich vielleicht noch ein Fahrradtraining für das Ferienprogramm ergibt“, sagt Nowak.

Suche nach Alternativen zum klassischen Fahrradführerschein

Das könnte auch in Gersthofen eine Lösung sein: „Wir sind dabei, Alternativen zum klassischen Fahrradführerschein abzuklären. Vielleicht können wir über das Sommerferienprogramm einen freiwilligen Kurs anbieten“, sagt Polizist Kremling. Auch für Thomas Fink, Schulleiter der Grundschule am Eichenwald, könnte das eine Lösung darstellen. „In so wichtigen Fragen wie der Sicherheitserziehung unserer Kinder können wir immer einen Plan B finden, davon bin ich felsenfest überzeugt.“

Die Schuld bei den zuständigen Verkehrspolizisten abzuladen, halte er für falsch. „Es sind spät neue Vorgaben bezüglich der Fahrradprüfung vom Ministerium gekommen. Diese waren so schnell nicht umsetzbar“, betont der Schulleiter. Trotzdem sei es ungerecht, wenn einige Schüler nicht die Verkehrserziehung erhalten, die andere Klassen bekommen. Es müsse eine Alternative gefunden werden.

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