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Fischach

15.07.2020

Paukenschlag im Altenheim Elmischwang: Heimleitung schmeißt hin

Das Seniorenheim in Schloss Elmischwang wird gerade saniert.
Bild: Marcus Merk

Plus Mehr als 25 Jahre war Volker Bertram der Motor der Einrichtung. Jetzt sagt er: „Wir sind am System verzweifelt.“ Wie es in Fischach jetzt weitergeht.

Paukenschlag in Fischach: Der Geschäftsführer des Altenheims in Schloss Elmischwang, Volker Bertram, und die Pflegedienstleitung des Hauses, Beate Grünwald, geben ihre Stellen auf. Mit ihnen gehen ihre beiden Sekretärinnen. Darüber wurden jetzt Bewohner und Angehörige des Freiherrlich von Aufseß´schen Altenheims informiert.

Seit mehr als einem Vierteljahrhundert haben Bertram und Grünwald das Haus gemeinsam in Verwaltung und Pflege geführt, seit es in seiner heutigen Trägerschaft besteht. Nun wählt Volker Bertram starke Worte für den persönlichen Schlussstrich: „Wir sind am System verzweifelt und haben keine Kraft mehr.“

Stellen im Altenheim Elmischwang sollen jetzt ausgeschrieben werden

Was bleibe, seien „Resignation und Wut“. Die Stellen sollen nun ausgeschrieben werden, den Wechsel wollen die beiden so gut wie möglich begleiten. Was Bertram auch deutlich macht: Der Betrieb im Haus wird normal weiterlaufen.

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Es sei vor allem die persönliche Belastung, die im Laufe der Jahre immer stärker geworden sei und die ihn und Beate Grünwald nach langer Überlegung dazu gebracht hätten, aufzuhören. Volker Bertram gibt ein fiktives Beispiel: Wenn eine Bewohnerin beispielsweise stolpere und stürze, dann sei das Heim und in besonderem Maße die Leitung in der Pflicht, nachzuweisen, dass alles getan wurde, um solch einen Sturz zu verhindern.

„Da wird dann geschaut, ober vielleicht nicht im Zimmer ein Teppich lag, über den die Bewohnerin gefallen ist. Dabei ist es vielleicht genau dieser Teppich, den die Frau gerne behalten wollte und der einen Teil ihrer Lebensqualität hier ausmacht“, beschreibt er. Im schlimmsten Fall stehe er als Heimleiter am Ende mit seiner privaten Haftpflichtversicherung in der Pflicht.

Altenheimchef ärgert sich über das System

Ein anderes Feld, das viel bürokratischen Einsatz verlange, sei die Beschäftigung von Mitarbeitern aus dem Ausland. Wenn im Kontakt mit der Ausländerbehörde etwa der Termin für die Abgabe eines Schriftstücks um wenige Tage versäumt werde, „dann hat man eigentlich schon verloren“ und stehe da, als ob man illegale Beschäftigung fördere. Bürokratie fresse viel Zeit. „Dabei ist unsere Maxime eigentlich, dass die Bewohner im Mittelpunkt stehen, nicht die Dokumentation.“

Volker Bertram hört als Heimleitung in Elmischwang auf.

Bei der Heimaufsicht im Landratsamt weiß man, dass es vor allem die Fülle an Dokumentationen sind, die die Leitungen der Heime belasten. Während der Corona-Krise versucht das Amt, die Heime durch kurze Wege und ständige Erreichbarkeit bei Pandemiethemen zu entlasten, so der Sprecher des Landratsamts, Jens Reitlinger. Darüber hinaus versuche ein Arbeitskreis aus Heim- und Pflegedienstleistungen, mit dem medizinischen Dienst (MDK) der Krankenkassen auf eine Verringerung der Dokumentationspflicht hinzuwirken. „Leider hat dieser Vorstoß nicht dazu geführt, eine generelle Vorgabe mit dem MDK vereinbaren zu können“, so Reitlinger.

Es gibt fast 2000 Altenheimplätze im Augsburger Land

Aktuell stehen rund 1930 Plätze in den Einrichtungen im Augsburger Land zur Verfügung. Das Altenheim im Schloss Elmischwang ist darunter ein recht kleines mit 39 Plätzen, fast alle in Einzelzimmern. Was es so besonders macht: Es befindet sich in privater Trägerschaft der Freiherrlich von Aufseß´schen Altenheim Schloss Elmischwang GmbH und ist in einem kleinen Schloss mitten in den Stauden untergebracht. Zudem ist es ein Ort der Kultur in Fischach. Bis zum Zeitpunkt der Einschränkungen durch die Corona-Pandemie fanden im Konzertsaal des Hauses und auch auf der Gartenbühne regelmäßig öffentliche Konzerte statt.

Für den Bürgermeister von Fischach, Peter Ziegelmeier, ist klar, wer hinter diesem Engagement steckt: Geschäftsführer Volker Bertram – eine Institution in der Marktgemeinde, wie er sagt. Dass Bertram aufhöre, halte er für „sehr besorgniserregend“. Für Ziegelmeier ist es äußerst wichtig, so schnell wie möglich eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger zu finden. „Wir arbeiten gemeinsam mit der Familie von Aufseß und dem Landratsamt an einer Lösung.“

Schon allein aufgrund der demografischen Entwicklung brauche Fischach nämlich das Heim. Belastet ist das Altenheim finanziell zudem durch die langwierige Sanierung vor allem des Daches, berichtet Volker Bertram. Jeweils fünf Zimmer sind dadurch nicht bewohnbar, was einem monatlichen Verlust von rund 10.000 Euro entspreche, so Bertram. „Das kann man allein durch Einsparungen nicht ausgleichen.“ Er hofft, dass eine neue Heimleitung, die über „mehr Ellbogen und Aggressivität“ bei der Durchsetzung der Interessen des Hauses verfügt, gefunden werde. Für ihn selbst und seine berufliche Zukunft lautet das Fazit allerdings: „Nur raus aus dem sozialen Bereich.“

Das sagt das Landratsamt:

  • Heimaufsicht Um die gesetzlichen Vorgaben in Alten- und Pflegeheimen zu erfüllen, ist ein großer bürokratischer Aufwand nötig, beispielsweise mit der Pflegedokumentation, der Organisation von Baumaßnahmen zur Umsetzung der Mindestanforderung oder der Heimaufsicht im Landratsamt. Die Heimaufsicht kann dabei keine individuellen Abstriche machen, weil die gesetzlichen Vorgaben bayernweit verbindlich sind.
  • Vergleiche Im Landratsamt sind Klagen über diese Belastung auch aus anderen Heimen bekannt. Bestimmte Abläufe unbürokratischer zu gestalten, ist schwierig. Beispielsweise sind die Kassen darauf angewiesen, dass in der Zusammenarbeit mit einer Vielzahl von Einrichtungen (...) bestimmte Standards eingehalten werden.
  • Verbesserung Der Mehraufwand kann aber auch dabei helfen, die Qualität in den Einrichtungen zu prüfen, zu erhalten oder an die geänderten Lebensstandards der Bewohner anzupassen und damit zu verbessern. Ein Beispiel: die Entwicklung weg von Mehrbettzimmern hin zu überwiegend Einzelzimmern oder maximal Doppelzimmern. Mehrbettzimmer waren früher sehr gängig, sind aber heute nicht mehr zeitgemäß und mit den entsprechenden Vorgaben abgeschafft worden.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Wieder mal liegt’s am Geld

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