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Strecke Augsburg-Ulm

12.08.2019

Pendler über das Chaos bei der Bahn: So schlimm war es noch nie

Wer täglich mit der Bahn pendelt, vor allem im Regionalverkehr, der hat was zu erzählen.
Bild: Marcus Merk

Plus Vier Pendler im Landkreis sind von den häufigen Störungen auf der Strecke zwischen Augsburg und Ulm frustriert. Wie ihr Alltag aussieht.

Täglich pendeln die Brüder Thomas und Gerhard Draeger von Fischach und Kutzenhausen nach Augsburg. Leonie Mehrl steigt in Dinkelscherben in den Zug in Richtung Stadtgebiet. Und Erwin Deuringer aus Langenneufnach fährt sogar in einen anderen Landkreis: Er pendelt nach Friedberg. Doch eine Sache eint die vier Pendler.

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Alle vier sind frustriert über die Häufigkeit der Zugausfälle oder Verspätungen auf der Strecke Augsburg-Ulm in den vergangenen Wochen. Die machten für sie den täglichen Arbeitsweg zum Geduldsspiel. Sie sind sich sicher: So schlimm war es noch nie.

Bislang den öffentlichen Nahverkehr immer verteidigt

Thomas Draeger fährt seit 40 Jahren ins Stadtgebiet. Er sagt: „Ich pendel aus persönlicher Überzeugung und habe bislang den öffentlichen Nahverkehr immer verteidigt.“ Die gehäuften Störungen auf der Strecke zwischen Augsburg und Ulm lassen ihn jedoch an seiner Überzeugung immer mehr zweifeln. Von Fischach aus fährt er mit dem Bus nach Gessertshausen, dort wechselt er in den Fuggerexpress und fährt bis zum Hauptbahnhof Augsburg. Dann steigt er wieder in den Bus, bis er an seiner Arbeitsstelle ankommt.

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Regulär benötigt der Fischacher für die Strecke rund eine Stunde. Es kann aber auch sein, dass er zwei Stunden unterwegs ist. Besonders auf dem der Heimweg häuften sich die Störungen. „Viel lasse ich mir nicht mehr bieten“, kritisiert Thomas Draeger den aus seiner Sicht mangelnden Kundenservice der Bahn und des AVV. In einem zweiseitigen Brief an das Augsburger Verkehrsunternehmen und das Landratsamt stellt er in einem Schreiben mehrere Kritikpunkte dar.

Die Qualität ist über die Jahrzehnte schlechter geworden

Er klagt: Der „innere Frust“ sei bei ihm „noch nie so groß wie heute“. Für ihn ist die Qualität über die Jahrzehnte schlechter geworden. Unter anderem beschwert er sich über Klimaanlagen, die „dann gehen, wenn sie keiner braucht“, Türen im Fuggerexpress, die „wochenlang nicht funktionieren“, Züge, die „periodisch Verspätung“ haben und Anschlussbusse, die in Gessertshausen ohne Reisende losführen. Zudem beklagt er die schlechte Kommunikation zwischen Bahn und AVV. Darüber hinaus fehlten dem Fischacher ein Schienenersatzverkehr, wenn die Züge vorzeitig stoppten.

Mit seiner Kritik steht der Fischacher nicht allein da. Sein Bruder Gerhard Draeger pendelt seit 55 Jahren aus Kutzenhausen nach Augsburg und beklagt eine ähnliche Situation. Normalerweise braucht er für seinen Arbeitsweg rund 40 Minuten. In den vergangenen Wochen benötigte er wegen Zugausfällen auch mal eine Stunde länger. Sein Weg zur Arbeit ist für ihn zu einem „Geduldsspiel und Spießrutenlauf“ geworden. Dazu beklagt Gerhard Draeger die schlechte Kommunikation der Bahn. „Die App, Ansagen der Mitarbeiter am Bahnsteig und Anzeigen widersprechen sich.“

„Die Verspätungen summieren sich über den Tag“

Völliges Chaos herrschte, als ein Bahnmitarbeiter hat über eine ’interne App’ noch eine andere Aussage mitgeteilt hatte. Früher, so erinnert er sich zurück, seien die Züge zwar seltener gefahren, dafür aber zuverlässiger. Draeger sieht den Grund in der engen Taktung der Bahn: „Die Verspätungen summieren sich über den Tag.“ In einer Woche zeigte ihm die DB App 40 Verspätungserinnerung an – nur für die Züge seines Arbeitsweges.

Ähnlich sauer ist auch Leonie Mehrl. Die Schülerin aus Dinkelscherben pendelt seit zwei Jahren täglich für ihre Ausbildung nach Neusäß und Augsburg und klagt ebenfalls über anhaltende Zugverspätungen und -ausfälle. „Alle drei Tage holt mich mein Opa ab, wenn die Züge wieder nur bis Gessertshausen fahren.“ Die 17-Jährige ist sicher: „Es ist dieses Jahr schlimmer geworden, es ist extrem.“

Ab 18 fährt sie mit dem Auto

In einem Jahr beendet Leonie ihre Ausbildung. Allerdings plant sie zu diesem Zeitpunkt, nicht mehr mit dem Zug fahren zu müssen. Obwohl sie aus Rücksicht auf die Umwelt lieber Zug fährt, sagt sie bestimmt: „In einem Monat werde ich 18, ab dann fahre ich mit dem Auto.“ Zu stressig sei ihr die Unsicherheit, ob und wann die Züge fahren. „Zu meiner Zwischenprüfung in der Schule habe ich ich mich fahren lassen. Da durfte ich nicht zu spät kommen.“ Das Risiko war der Schülerin zu groß: „Am Ende steht man doch wieder am Gleis“, sagt sie.

Erwin Deuringer ist momentan sogar von zwei Störungen betroffen, wie er erzählt. Seit neun Jahren pendelt er täglich von Langenneufnach nach Friedberg und nutzt dafür den Fuggerexpress im Landkreis Augsburg wie auch die Paartalbahn in Richtung Ingolstadt. Von seinem Heimatort fährt er mit dem Bus nach Gessertshausen, von dort weiter mit dem Zug zum Augsburger Bahnhof, wo er in die Paartalbahn nach Friedberg steigt. „Normalerweise brauche ich für die Strecke etwas mehr als eine Stunde“, sagt Deuringer. Doch die einstündige Taktung der Paartalbahn in den vergangenen Wochen und die Verspätungen des Fuggerexpresses hatten für ihn „fatale Folgen“.

„Ich habe keine Ansprüche mehr“

Die Paartalbahn fährt inzwischen wieder alle 30 Minuten. Trotzdem kann es sein, dass Deuringer eine Stunde länger für seinen Heimweg braucht. Er sagt: „Ich bin nicht mehr flexibel und muss mich genau nach den Zügen richten.“ Dem Pendler reicht es. „Ich habe keine Ansprüche mehr und bin froh, wenn der Zug fährt.“ Der Juli war für ihn „eine Katastrophe“. Allerdings möchte Deuringer den Öffentlichen Nahverkehr nicht komplett verteufeln. Als er sich einmal über die Abstimmung zwischen der Bahn und dem Anschlussbus in Gessertshausen beschwerte, „hat der Bus dann auf die Bahn gewartet“, erinnert er sich.

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