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Nordendorf

04.09.2019

Pfeil-Attacke: Narben, die nur schwer verheilen

Aus diesem Haus wurden die Pfeile abgeschossen. 
Bild: Marcus Merk

Die Opfer, die in Nordendorf mit Pfeilen beschossen wurden, sind aus der Klinik entlassen. Doch der Weg zur Genesung ist noch lang.

Der Vorfall macht immer noch fassungslos: Ein Mann schießt in Nordendorf in der Mittagszeit offenbar wahllos Pfeile ab – und trifft zwei Menschen. Sie werden schwer am Kopf und am Oberkörper verletzt. Beide Opfer haben das Krankenhaus wieder verlassen. Abgeschlossen ist so ein schockierender Vorfall aber selten – denn zurück bleiben noch ganz andere Narben.

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Opfer sind nach einer Straftat generell nicht nur körperlichen, sondern auch enormen seelischen Belastungen ausgesetzt, wissen die Experten vom Weißen Ring. Ein Verbrechen löse ein Trauma aus, das jedes Opfer anders empfinde und auch anders verarbeite, sagt Rechtsanwältin Mandana Mauss. Sie ist die stellvertretende Außenstellenleiterin für die Stadt und den Landkreis Augsburg des Weißen Rings. Der Verein bietet Kriminalitätsopfern als zentrale Vermittlungsstelle unterschiedliche Hilfen an – „das kann eine immense Erleichterung bedeuten“, sagt Maus. Denn Betroffene könnten sich so besser auf ihre Situation konzentrieren.

Teilweise haben Opfer noch Jahre später Todesängste

Damit ein Trauma nicht verschleppt wird, empfiehlt Gabriele Schmidthals-Pluta von Gersthofer Verein Sicheres Leben einen psychologischen Beistand. Die erlebte starke psychische Erschütterung – teilweise haben Opfer noch Jahre später Todesängste – sei mit ihren Folgen keinesfalls zu unterschätzen.

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Erst einmal mit seiner Familie in Polen sprechen wird der 47 Jahre alte Kraftfahrer einer sächsischen Spedition. Ein 30 Zentimeter langer Pfeil traf ihn am Oberkörper. Der Mann hatte wohl Glück im Unglück – denn bei der Durchschlagskraft der Pfeile hätten auch Organe durchbohrt werden können. Ein Rettungshubschrauber flog den Mann sofort in die Uniklinik Augsburg, wo er operiert wurde.

Wie aus dem Nichts von einem Pfeil getroffen

Der 47-Jährige Fahrer hatte seinen mit Fenstern beladenen Lastwagen in der Raiffeisenstraße mit Warnblinklicht abgestellt und war dann wie aus dem Nichts von einem Pfeil getroffen worden. Ein weiteres Geschoss bohrte sich in den Aufbau des Aufliegers. Ein dritter Pfeil traf den 39 Jahre alten Fahrer eines Kleintransporters am Kopf. Der Handwerker hat zwischenzeitlich ebenfalls das Krankenhaus verlassen.

Ob noch weitere Pfeile abgeschossen wurden, versucht die Polizei herauszufinden. Sie geht davon aus, dass die beiden getroffenen Männer Zufallsopfer waren. Über die weiteren Ermittlungsergebnisse erteilt die Staatsanwaltschaft Augsburg keine Auskünfte. Auch über den mutmaßlichen Nordendorfer Schützen und sein Motiv gibt es keine neuen Informationen. Bekannt ist bislang, dass er vor wenigen Monaten in die Wohnung in dem Haus eingezogen war und kaum Kontakt zu Nachbarn hatte. Er stand auf dem Balkon des Hauses in der Raiffeisenstraße, schätzungsweise keine zehn Meter vom parkenden Sattelzug entfernt, als er die Pfeile abschoss. Benutzt hatte er ein Abschussgerät, das wie ein Gewehr aussieht und mit Druckluft funktioniert.

Eine gewaltige Durchschlagskraft

Es kann einen Druck von bis zu 100 Joule aufbauen und entfaltet damit eine gewaltige Durchschlagskraft. Zum Vergleich: Luftgewehre sind nur bis zu 7,5 Joule erlaubnisfrei zu kaufen. Videos im Internet zeigen die potenziell tödliche Wucht der Pfeilschüsse. Weil bei den Abschussgeräten keine Geschosse durch einen Lauf getrieben werden, gelten die üblichen Bestimmungen für Schusswaffen nicht. Diese Gesetzeslücke soll nun geschlossen werden. Vor dem Erwerb einer Pfeil-Waffe muss laut dem Gesetzesentwurf eine Erlaubnis beantragt werden.

Dass diese Geräte derzeit noch frei verkäuflich sind, kritisiert unter anderem der Bund Deutscher Kriminalbeamter.

Lesen Sie dazu auch unseren Kommentar von Maximilian Czysz: Die Opfer von Gewalttaten brauchen mehr Hilfe

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