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Landkreis Augsburg

18.12.2019

Pflege-Missstände: In einer Senioren-WG saß ein Toter am Mittagstisch

Ist die ambulante Pflege in so genannten Seniorenwohngemeinschaften mit ambulanten Diensten so gut wie in Heimen? Diese Frage haben Vorfälle im Landkreis Augsburg aufgeworfen.
Bild: Alexander Kaya (Symbolbild)

Plus Abgeordnete sind erschüttert über die Schilderung von Zuständen in sechs Senioren-WGs im Kreis Augsburg. Ändert sich nun etwas an den laxen Vorschriften?

Als der Hausarzt zur Visite kam, fand er einen Toten. Leblos saß der Mann mit anderen Bewohnern einer Senioren-Wohngemeinschaft im nördlichen Landkreis Augsburg am Mittagstisch, sein Ableben war bis dahin niemandem aufgefallen.

Das ist nur eine von mehreren Geschichten über die Zustände in einem halben Dutzend Senioren-Wohngemeinschaften im Augsburger Land, die vier Landtagsabgeordnete von CSU, Grünen, SPD und Freien Wählern am Montag zu hören bekamen. Tenor der Schilderungen von Ärzten, Pflegekräften und Angehörigen: In den ungeeigneten Gebäuden würden Pflegebedürftige von teilweise überfordertem und schlecht ausgebildeten Personal nur notdürftig betreut, ihre Privatsphäre missachtet, Psychopharmaka verabreicht, die Gesundheit gefährdet. „Letztendlich menschenunwürdig“, sei die Unterbringung, sagt die SPD-Parlamentarierin Simone Strohmayr. Von „absolut untragbaren Zuständen“ spricht Sozialstaatssekretärin Carolina Trautner (CSU).

Toter am Tisch in Senioren-WG: Betreiberin weist Vorwürfe zurück

Die Betreiberin des Pflegedienstes in den Wohngemeinschaften, die nicht zu dem Runden Tisch geladen war, fühlt sich zu Unrecht an den Pranger gestellt. Natürlich könnten einmal Fehler passieren, dazu stehe man auch. Doch man erfülle nachweislich alle gesetzlichen Vorgaben und manche Bewohner lebten seit Jahren in ihren Einrichtungen: „Wenn es hier so schlimm ist und es ihnen nicht gut geht, warum sind die dann nicht schon lange weg“, fragt die Unternehmerin.

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Die Gegebenheiten des Hauses würden vor Einzug genau erklärt: „Wenn jemand nach ein paar Wochen merkt, dass es nicht das Richtige ist, haben wir noch nie auf der Erfüllung des Vertrags bestanden.“ Man wisse, dass das Konzept nichts für jeden sei. Auf der anderen Seite könne man für einen deutlich günstigeren Preis natürlich nicht die selben Standards bieten, wie ein reguläres Seniorenheim.

Bewohner bestätigen bei einem Besuch unserer Redaktion in Abwesenheit der Pflegedienst-Mitarbeiter, dass sie sich tatsächlich wohlfühlen. Ein 89-Jähriger gibt an, er fühle sich gut behandelt und freue sich, dass er nahe seiner alten Heimat bleiben konnte und auf die Spielenachmittage zweimal pro Woche. Eine 78-Jährige sagt, sie gebe die Wünsche ihrer Mitbewohner an die Pflegekräfte weiter. Sie habe schon in dem Unternehmen gearbeitet und freue sich nun, dass sie auch in einer WG leben könne. Zudem zeigt die Betreiberin Dankeskarten von Angehörigen von verstorbenen ehemaligen Bewohnern vor, die sich ausdrücklich für die Arbeit der Pfleger bedanken: „Einige Verwandte waren täglich bei uns, um nach ihrer Oma zu schauen“, sagt die Betreiberin.

So funktionieren Senioren-Wohngemeinschaften

Senioren-Wohngemeinschaften gibt es landesweit viele. Das Prinzip: Die Senioren mieten sich dort ein und buchen weitere Leistungen wie Pflege und Verköstigung dazu. Damit sind die WGs im Grunde nichts anderes als eine Privatwohnung. Das bedeutet: Es gelten laxere Vorschriften als in Pflegeheimen, die Heimaufsicht hat nur eingeschränkte Kontrollrechte. Ob die Pflege passt, müssen Bewohner oder Angehörige selbst beurteilen.


Für schwer pflegebedürftige Menschen könnten diese Wohngemeinschaften der „absolut falsche Ort“ sein, sagt der Freie-Wähler-Abgeordnete Johann Häusler, der den betroffenen Pflegedienst kennt. Er kenne persönlich Menschen, die sich in den betroffenen Wohngemeinschaften gut aufgehoben fühlten, doch die seien nicht so schwer eingeschränkt. Gefordert sei nun der Gesetzgeber. Er müsse regeln, unter welchen Bedingungen echte Pflege in den Wohngemeinschaften zulässig sei und wie diese beaufsichtigt werden.

Pflege-Missstände: Das wollen Abgeordnete im Landtag erreichen

Bei der anstehenden Überarbeitung des Pflegestärkungsgesetzes in München wollen sich Trautner, Strohmayr, Häusler und die Grünen-Abgeordnete Stephanie Schuhknecht für entsprechende Regelung einsetzen, Häusler will die Problematik der Senioren-Wohngemeinschaften in einem Hearing im Landtag zum Thema machen.

Einen von Strohmayr initiierten Antrag der SPD-Fraktion, in dem für die Wohngemeinschaften die gleichen Regeln wie für Pflegeheime gefordert werden, gibt es bereits. Doch die Staatsregierung lässt sich Zeit.

Landratsamt schreibt Brandbrief zu Zuständen in Senioren-WGs

Schon im August hatte sich die Heimaufsicht des Landratsamtes an die Regierung von Schaben gewandt und in einem Schreiben auf Mindeststandards für die Senioren-WGs gedrängt, um die Bewohner ambulant betreuter Wohngemeinschaften „vor unseriösen oder qualitativ mangelhaft arbeitenden Dienstleistern zu schützen“. Die Situation in den sechs Wohngemeinschaften bezeichnete die Aufsicht als „deutlich verbesserungswürdig“. Eine Reaktion vom zuständigen Ministerium gab es bislang nicht.


Nun will die aus Stadtbergen kommende Staatssekretärin Trautner in München nachhaken. Zudem verspricht sie eine Aufklärung der Vorfälle in den Wohngemeinschaften. „Das kann man so nicht stehen lassen.“ Wie das Landratsamt auf Nachfrage unserer Redaktion mitteilte, könnte es auch strafrechtliche Konsequenzen geben: „Sofern wir den uns vorliegenden Erkenntnissen Hinweise auf möglicherweise strafrechtlich relevantes Verhalten entnehmen konnten, wurde die Staatsanwaltschaft entsprechend einbezogen.“

Angehöriger alarmiert Behörden

Alarmiert wurden Abgeordnete und Behörden von Angehörigem, die ihre Mutter kurzfristig ein einer der Wohngemeinschaften untergebracht hatten und der Einrichtung den „Charakter eines Gefangenenlagers“ bescheinigen. Gespräche mit Ärzten, Pflegern und Anheörigen hätten eine sieben Seiten umfassende Auflistung von Vorfällen ergeben. Gesetzgeber und Behörden müssten diesem Geschäftsmodell einen Riegel vorschieben.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar und folgenden Bericht:

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Die Diskussion ist geschlossen.

20.12.2019

Die Senioren-WGs entstehen, weil die Bürokratisierung und die Vorgaben des PfleWoqG (durch die Heimaufsicht streng überwacht) es Trägern stationärer Angebote nicht mehr möglich machen, mit vertretbaren Investitionen ein menschenwürdiges Angebot mit den vorhandenen Entgelten zu schaffen. Gleichzeitig steigt der Bedarf, und neue Träger entstehen, die mit viel mehr Leichtigkeit die gesetzlich möglichen "betreuten Wohngruppen" schaffen. Das ist eigentlich eine sehr gute Entwicklung. Nur werden die betreuten WGs ebenfalls sehr schlecht mit Ressourcen ausgestattet. Also ist eine Angebotslage entstanden, die einem die Wahl zwischen "überreguliert" und "unterversorgt" lässt, zwischen zwei Extremformen. In der Mitte gibt es nichts.
Entweder wir statten beide Wohnformen mit ausreichend Ressourcen aus, oder wir müssen einen Neustart wagen, um den Bedarf der Zukunft abzudecken.

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