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Kriminalität im Landkreis Augsburg

10.03.2019

Polizei-Expertin: Jede dritte Frau wird Opfer von Gewalt

Die meisten Fälle von Gewalt gegen Frauen passieren in der Partnerschaft. In ganz Bayern wurden im vergangenen Jahr über 20000 Anzeigen wegen häuslicher Gewalt gezählt. (Symbolfoto)

Sabine Rochel beschäftigt sich jeden Tag mit Übergriffen auf Frauen. Sie warnt vor Alarmzeichen, die Betroffene ernst nehmen sollten

Frau Rochel, beginnen wir mit einer aktuellen Polizeimeldung aus Augsburg: „Mann begrapscht junge Frau – In der Nacht von Donnerstag auf Freitag ist um 3.10 Uhr ist es zu einem vermutlich sexuell motivierten Übergriff auf eine junge Frau gekommen. Wie die Polizei berichtet, soll ein bislang unbekannter Täter eine junge Frau begrapscht haben.“ Ist das ein typischer Fall für Gewalt gegen Frauen?

Sabine Rochel: Nicht, wenn es um die Zahl der Fälle geht. 80 Prozent der Fälle von Gewalt gegen Frauen, die bei uns angezeigt werden, geschehen im sozialen Nahraum. Zum größten Teil geht es dabei um häusliche Gewalt. Es gibt auch Kinder oder andere Familienangehörige, die eine Frau schlagen, aber die meisten passieren in der Partnerschaft. Im vergangenen Jahr wurden im Zuständigkeitsbereich des Präsidiums Schwaben-Nord 1638 Fälle von häuslicher Gewalt angezeigt, in ganz Bayern waren es über 20.000 Fälle. Aber das sind nur die Übergriffe, von denen wir etwas mitbekommen, etwa, weil die Nachbarn die Polizei rufen. Polizeiliche und auch wissenschaftliche Untersuchungen gehen aber von einem hohen Dunkelfeld aus. Die tatsächlichen Fälle könnten um 80 Prozent höher liegen. Es gibt diese Zahl, dass vermutlich eine von drei Frauen in ihrem Leben mindestens einmal eine Gewalttat gegen sich erlebt.

Wo fängt diese Art von Gewalt denn an?

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Rochel: Das ist oft ein schleichender Prozess, der mit übersteigerter Eifersucht oder Kontrollwahn beginnen kann. Die Frau muss etwa über jeden ihrer Einkäufe Rechenschaft ablegen oder darf gar nicht mehr allein aus dem Haus. Dann setzt das ein, was man Gewaltspirale nennt. Am Anfang kann verbale Gewalt stehen, etwa Beleidigungen – oder richtiger Psychoterror. Dann kommt es zum Schubsen, zum Werfen mit Gegenständen, zu einer Ohrfeige, zu Gewalt gegen den Körper der Frau.

Wie kann es denn so weit kommen?

Rochel: Oft versuchen die Männer zu erklären, sie hätten sich nicht im Griff gehabt und so etwas würde nie wieder vorkommen. Alkohol spielt in etwa einem Viertel der Fälle eine Rolle. Tatsächlich kennen wir den Effekt, dass nach einem ersten Einschreiten der Polizei erst mal wieder Ruhe in den Alltag einkehrt. Die Partner geben sich beide Mühe, denn eigentlich wollen sie ja beide eine sichere Umgebung. Wir nennen das „Honeymoonphase“. Doch der Alltag kehrt zurück. Stress und Eifersucht können die Gewaltspirale erneut auslösen.

Sind das denn zumeist Affekthandlungen?

Rochel: Ganz sicher nicht. Jeder muss sich so weit im Griff haben, nicht übergriffig zu werden. Konflikte müssen verbal gelöst werden. Ich hatte einmal eine Frau in der Beratung, der man im Gesicht keine Spuren von Gewalt ansah. Doch ihr Körper war grün und blau von Schlägen und Tritten. Aber eine Anmerkung: Wir sprechen hier immer von Gewalt gegen Frauen beim Thema häusliche Gewalt. Tatsächlich waren auch in Schwaben-Nord im vergangenen Jahr 78,6 Prozent der Tatverdächtigen Männer. Das bedeutet aber auch, dass mehr als ein Fünftel der Tatverdächtigen Frauen sind. Zu mir in die Opferschutzberatung kommen auch Männer, die von ihren Frauen misshandelt werden, das sollte man nicht vergessen. Für jeden Täter und jede Täterin gilt aber das Gleiche: Bei häuslicher Gewalt geht es immer um Macht und Kontrolle. Gehen wir von Männern als Täter aus, steckt oftmals ein althergebrachtes Rollenverständnis dahinter. „Wer das Geld nach Hause bringt, hat auch das Sagen“, zum Beispiel.

Ist denn dieses Rollenverständnis heute noch so weit verbreitet?

Rochel: Manager, Richter oder ein anderer Hintergrund: Bildung und sozialer Status spielen bei häuslicher Gewalt keine Rolle, die kommt in allen Schichten gleichermaßen vor. Was auffällt: Viele der männlichen Tatverdächtigen haben solche Situationen schon als Kind bei ihren eigenen Eltern miterlebt. In bestimmten Situationen handeln sie dann ähnlich. Und es gibt Frauen, die sich ebenfalls einen dominanten Partner suchen, weil sie dieses Muster auch schon aus ihrer eigenen Kindheit kennen. Deshalb ist es so schlimm, wenn Kinder in solch einem Umfeld aufwachsen. Sie werden dann ganz massiv geprägt. Bei den Fällen, die in Schwaben-Nord im vergangenen Jahr angezeigt wurden, lebten in 40 Prozent der Fälle Kinder im Haushalt, das waren mehr als 1600.

Gibt es denn dann gar keinen Ausweg? Führt eine Trennung dann nur wieder in eine neue Situation der gleichen Art?

Rochel: Es gibt Frauen, die trennen sich sofort nach dem ersten Mal Gewalt in der Familie. Tatsächlich dauert es im Durchschnitt aber fünf Jahre, bis sich eine Frau, die unter Gewalt in der Partnerschaft leidet, überhaupt an die Polizei oder eine Beratungsstelle wendet. Es muss auch nicht immer die Trennung sein. Wenn beide zu einer Therapie oder zu einem Verhaltenstraining bereit sind, dann kann das auch klappen. Zu mir in die Beratung kommen auch Frauen, die noch keine Gewalt erlebt haben aber erkennen, dass ihre Partnerschaft gefährdet ist. Ich bin keine Sozialpädagogin, kann aber zu geeigneten Stellen weitervermitteln. Aufklärung ist hier ganz wichtig.

Die Statistik des Polizeipräsidium Schwaben Nord: Sexualstraftaten

Einen Kommentar unserer Redakteurin Angela David finden Sie hier: Wehrt euch!

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