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Behinderter aus Zusmarshausen bei Radren

04.07.2009

Querschnittslähmung ist kein Grund zum Aufgeben

Zusmarshausen/Motala Schon als Fußballer beim TSV Zusmarshausen war Jürgen Winkler ein Kämpfer. Das ist er bis heute. Der Sport hat den 27-Jährigen nämlich nicht losgelassen. Immer wieder vollbringt er extreme Leistungen, um Leidensgenossen zu zeigen, dass man mit einer Querschnittslähmung Außergewöhnliches leisten kann. Zuletzt war er bei der Vätternrundan 09, einem Radrennen um den zweitgrößten See Schwedens mit 300 Kilometern und 1500 Höhenmetern unterwegs. Von Oliver Reiser

Unter die insgesamt 17 000 Radfahrer des größten Radrennens der Welt mischten sich ganze drei Handbiker. Einer davon war Jürgen Winkler. Er und sein Kumpel Bernd Jost waren die ersten Tetraplegiker (querschnittsgelähmt vom Halswirbel weg), die ein solch langes Ausdauerrennen bestritten haben. "Als Beweis, dass so etwas auch in unserer hohen Lähmungshöhe machbar ist", so Winkler.

Ende November, Anfang Dezember begann das Training. "Zuerst auf der Rolle im Zimmer und immer wenn es die Witterung zuließ, ging es nach draußen", erzählt Winkler. Nach sechs Monaten Vorbereitung mit rund 360 Stunden und 5000 Kilometern war es so weit.

Vom Hotel in Linköping ging es in den circa 60 Kilometer entfernten Startort Motala. "Schon beim Warten auf den Startschuss, der gegen 19 Uhr erfolgen sollte, kamen uns Zweifel", erinnert sich Winkler. Der Grund: "Es schüttete wie aus Eimern." Rechtzeitig zum Startschuss ließ der Regen nach. Es ging los. Jürgen Winkler: "Wir waren noch keine halbe Stunde unterwegs, da begann es schon wieder heftig zu regnen. Da unsere Kleidung schon bald kaum noch Regen abhielt und es mit neun Grad recht kalt wurde, sank unsere Motivation etwas."

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Als die ersten Anstiege kamen, stellten die beiden fest, dass sie unterschiedlich trainiert hatten. Winkler war bergauf wesentlich stärker, Bernd hatte dafür Vorteile bergab und auf den Ebenen. Langsam fand man zu einem passenden Rhythmus.

Als es dann gegen 23 Uhr in die Dämmerung ging und der Regen aufhörte, begann die schönste Zeit des Rennens. "Bei Nacht und Nebel sah man nur noch die Reflexionsstreifen und die roten Rücklichter der anderen Fahrer. Das waren fantastische Augenblicke", schwärmt Winkler.

Als es wieder hell wurde und es auch immer wieder mal regnete, kamen die Handbiker an ihre Grenzen. "Wir waren körperlich und geistig vollkommen leer. Wir konnten uns vor Müdigkeit kaum noch wach halten." Immer wenn einer bemerkte, dass dem anderen die Augen zufielen, versuchte man, den anderen wach zu halten. "Nach rund zehn Stunden und 140 Kilometer kamen wir an einen Punkt, als es eigentlich nicht weiter ging", erinnert sich Winkler, "wir sprachen über die Aufgabe des Rennens, das aber eigentlich keiner richtig wollte."

Als sie am Straßenrand wieder auf ihre Begleiterinnen trafen, sprachen Jürgen Winklers Schwester Daniela und Bernd Josts Freundin Katha den beiden Mut zu. "Sie wollten nun alle fünf Kilometer auf uns warten", sagt Winkler, "diese Aktion rettete das Rennen." Vor allem bei Bernd lief es wieder besser. Jürgen Winkler konnte nicht mehr mithalten. "Versuch dein Glück allein. Ich halte dich nur auf", rief er seinem Freund zu. Doch der wollte das nicht hören. "Wir sind zusammen gestartet, dann fahren wir auch zusammen ins Ziel."

Generalprobe für Schweden am Neusiedler See

Trotzdem trennten sich die Wege. Winkler wurde immer schwächer, fiel 20 Minuten zurück, bevor er wieder in seinen Rhythmus fand. 25 Kilometer vor dem Ziel hatte er seinen Freund tatsächlich wieder eingeholt. Gemeinsam fuhren sie nach 22 Stunden und 17 Minuten ins Ziel.

Die Generalprobe für Schweden absolvierte Jürgen Winkler Ende April als erster Tetraplegiker beim Radmarathon (125 Kilometer) um den Neusiedler See. Dort unterstützte ihn zum ersten Mal seine Schwester Daniela, die nach 16 Kilometern nach einem Platten ihren ersten Reifen wechseln durfte.

Im Zuge der HCT-Rennserie ist Winkler dieses Jahr schon drei Städtemarathons (Düsseldorf, Mannheim, Duisburg) über die klassische Distanz gefahren. Dabei hat er alle drei Rennen in seiner Division (a1) gewonnen. In Düsseldorf war seine Siegerzeit von 1 Stunde 46 Minuten neue Weltbestzeit.

Nun will Jürgen Winkler natürlich die Gesamtwertung der HCT-Serie zu gewinnen. "Momentan liege ich zwar weit in Führung, da ich mich aber am Gesäß verletzt habe, kann ich die nächsten zwei Rennen vermutlich nicht teilnehmen."

Wer Jürgen Winkler kennt, der weiß, dass es beim Abschlussrennen in Frankfurt einen möglichen Showdown geben wird. Wer mit einer Querschnittslähmung nicht aufgibt, den hält auch eine Verletzung am Hinterteil nicht auf.

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