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Landkreis Augsburg

20.03.2020

Reisen unmöglich: Wie Corona Familien trennt

Sophie Krebs (Mitte) aus Zusmarshausen ist gerade über ein Austauschprogramm in Texas. Hier war sie im vergangenen November mit ihren Gastgeschwistern auf einer Halloweenparty.
Bild: Familie Krebs

Plus Ein Paar aus Zusmarshausen wollte zur Tochter in die USA, eine Auswandererin ihre Eltern besuchen. Wie es sich anfühlt, wenn das nicht mehr geht.

Während Familien lernen, im Moment eng zusammenzurücken, sind andere weit getrennt – und können durch die derzeitigen Reisebeschränkungen auch nicht zueinander kommen. So wie Familie Krebs aus Zusmarshausen. Tochter Sophie hat im vergangenen Jahr an der Realschule der Marktgemeinde die Mittlere Reife erlangt und sich entschieden, vor dem Start an der Fachoberschule in Neusäß ein ganz besonderes Jahr zu erleben: Über einen Austauschdienst geht sie ein Jahr lang in Texas/USA auf eine Highschool.

Schon seit dem Beginn des Schuljahres ist sie dort. „Sie fühlt sich wirklich wohl“, berichtet ihre Mutter Frauke Krebs. Schon lange hatten die Eltern und die jüngere Schwester Paula geplant, in den Osterferien nach Texas zu fliegen, um sie zu besuchen. Noch vor wenigen Wochen hatte die Familie gehofft, dass das auch trotz Corona klappen könnte. Doch seit letzter Woche steht fest: Der Besuch wird nicht stattfinden. „Am Anfang ist unsere Welt schon ein wenig zusammengebrochen“, berichtet nun die Mutter, die ihre 17-jährige Tochter seit vergangenem Sommer nicht mehr gesehen hat. Doch inzwischen hätten sie sich mit der Situation abgefunden. „Nun ist es so, wie schon in den vergangenen Monaten: Wir schreiben E-Mails und telefonieren.“

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Das Leben spielt sich auch in Texas fast nur noch zu Hause ab

Was für sie ganz wichtig ist: Ihre Tochter fühlt sich auch in Texas bei ihrer Austauschfamilie sehr wohl und gut aufgehoben. „Die Situation dort ist ähnlich wie hier“, so Frauke Krebs. Die Schulen sind geschlossen, alle Aktivitäten sind abgesagt und das Leben spielt sich praktisch nur noch zu Hause ab. Schade findet ihre Tochter das freilich im Moment, sagt die Zusmarshauserin. Sie hätte viele Freunde gefunden und wollte in den letzten Monaten ihres Aufenthalts noch viel erleben.

Dennoch ist eine vorzeitige Abreise für sie im Moment keine Option. „Sie hätte jetzt mehr Angst vor der Heimreise über überfüllte Flughäfen“, so Frauke Krebs. Dafür steht nun gar nicht mehr fest, ob sie tatsächlich, wie geplant, Anfang Juni wieder zu Hause sein wird. „Möglicherweise wird das Schuljahr verlängert“, berichtet ihre Mutter. Oder es passiert genau das Gegenteil, wie im Nachbardistrikt: Dort werden die Schulen in diesem Schuljahr gar nicht mehr öffnen.

In Italien sind die ergriffenen Maßnahmen viel strenger

Anita Bestle aus Horgau lebt seit über 20 Jahren in Palermo. Sie macht sich Sorgen über die Lage im Landkreis Augsburg.
Bild: Michaela Henkys

Den anderen Fall erlebt Anita Bestler. Die gebürtige Horgauerin lebt seit mehr als 20 Jahren in Palermo auf Sizilien. Sie macht sich nun Sorgen, dass die Coronagefahr in Deutschland nicht ernst genug genommen wird. Ihre gesamte Familie, darunter auch ihre Eltern, die beide über 80 Jahre alt sind, lebt in Horgau. „Ich finde es unverantwortlich, dass unter diesen Umständen die Kommunalwahlen am Wochenende noch stattgefunden haben“, sagt sie im Telefongespräch.

Anita Bestler vergleicht die Situation im Landkreis mit jener in der Region Palermo. Dort leben etwa 700.000 Menschen. „Die aktuellen Fallzahlen von Corona-Kranken sind aber ähnlich“, sagt sie: Etwa jeweils 40. Dennoch seien in ganz Italien die Maßnahmen viel strenger.

Seit knapp zwei Wochen verlassen sie und ihr Mann ihre Wohnung nur noch, um einkaufen zu gehen. „Vor dem Supermarkt gibt es immer eine Schlange, weil nur wenigen Menschen gleichzeitig hineingelassen werden“, erzählt sie. Der Blick von ihrem Balkon im siebten Stock reiche zwar bis zum Mittelmeer. „Aber ich würde so gerne mal wieder ein Stück hinausfahren, um in einem Wald spazieren zu gehen.“ Doch das sei nicht möglich. Wer sich draußen bewege, müsse eine Selbstauskunft dabei haben, die allein Bewegungen aus dringenden Gründen, etwa den Weg zur Arbeit oder zum Einkaufen, erlaube.

Statt Verkehrschaos nur noch Sirenen der Krankenwagen

Anita Bestler schreibt Reiseführer und arbeitet als Stadtführerin in Palermo. „Meine letzte Tour hatte ich am 4. März, seitdem ist alles abgesagt“, sagt sie. Palermo sei für sein Verkehrschaos bekannt, „jetzt höre ich nur noch die Sirenen der Krankenwagen und Hubschrauber, die Kranke ins benachbarte kommunale Krankenhaus bringen“. Selbst die sonst immer zu Scherzen aufgelegten Sizilianer wirkten bedrückt. Besonders schlimm sei es für ihre Kollegen, die finanziell auf ihre Arbeit angewiesen seien. Lediglich 600 Euro biete der italienische Staat jenen, die jetzt nicht zur Arbeit könnten oder sie sogar verloren hätten.

„Mein Appell an die Bürger des Landkreises Augsburg, meiner alten Heimat: Beschränken Sie sich darauf, Ihr Zuhause nur dann zu verlassen, wenn es gar nicht anders geht.“ Ihrer Einschätzung nach werde es nicht mehr lange dauern und die Verhältnisse seien sicher im Landkreis so, wie jetzt schon in Italien. Und es sei keine schöne Erfahrung, nicht mehr hinauszukönnen. Wann sie ihre Eltern wiedersehen kann, ist zudem völlig unklar. Zuletzt war sie im Februar dort.

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