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Neusäß

07.01.2020

Rentner will bis 80 arbeiten – für die Pflegekosten seiner Frau

Gerd Enskat aus Neusäß muss immer noch arbeiten, um die Pflegekosten für seine Frau aufzubringen.
Bild: Marcus Merk

Plus Gerd Enskat aus Neusäß hat mit 75 wieder einen Job, um seiner Frau das Pflegeheim bezahlen zu können. Jetzt hat er sich an Politiker gewandt. Wie die reagierten.

Wenn man Gerd Enskat aus Neusäß erreichen will, dann ist das so schwer wie bei einem jungen Menschen. Ständig ist er unterwegs, pendelt zwischen mehreren Arbeitsplätzen. So hat er etwa einen Bürojob in einer Firma für Industriesauger, kümmert sich unter anderem um Reklamationen. Allerdings ist Gerd Enskat keine 25, sondern 75 Jahre alt.

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Der Rentner arbeitet inzwischen wieder an fünf Tagen in der Woche, weil er die Kosten für Unterkunft und Pflege seiner Frau in einem Pflegeheim nicht über das Sozialamt finanzieren will. Stattdessen hat er sich wieder einen Job gesucht. Er sagt: „Täte ich das nicht, wäre inzwischen unser gesamtes Vermögen aus zwei Arbeitsleben aufgebraucht, meine Frau und ich würden vom Sozialamt leben.“ Zwei gute Renten sowie die Rücklagen der beiden reichten nicht aus, um die Kosten für das Pflegeheim und seine Lebenshaltungskosten zu Hause zu stemmen.

Gerd Enskats Geschichte schlug im Sommer 2019 große Wellen

Bereits im Sommer hatte die Augsburger Allgemeine über Gerd Enskat und seine Situation berichtet. Der Fall schlug dann bundesweit Wellen. Mehrere Medien fragten bei ihm nach, es folgten unter anderem ein Fernsehauftritt und ein Interview mit der Verbandszeitung des Sozialverbands VdK. Der Verband setzt sich seit Jahren dafür ein, die Pflegeversicherung zu reformieren. „Es kann nicht sein, dass Pflegebedürftige immer mehr Geld aus der eigenen Tasche für ihre Pflege zahlen müssen“, sagt VdK-Präsidentin Verena Bentele. „Schon heute bekommt ein Drittel aller Pflegeheimbewohner Sozialhilfe. Es zeigt sich immer wieder, dass wir die soziale Pflegeversicherung dringend und zeitnah reformieren und endlich in eine Pflegevollversicherung umwandeln müssen, die sämtliche Kosten in der Pflege abdeckt und Pflegebedürftige so davor bewahrt, durch die Kosten für ihre Pflege in die Armut abzurutschen.“

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Die Pflegeversicherung reformieren, das hat die Bundesregierung in den vergangenen Monaten getan. Allerdings: Nur im Verhältnis von Eltern zu Kindern gilt inzwischen ein Schonvermögen von 100.000 Euro. Erst wenn Kinder mehr als diesen Betrag jährlich verdienen, müssen sie für die Pflegekosten ihrer Eltern aufkommen – und umgekehrt. Für Ehepartner gilt das nicht. Sie müssen füreinander bis zu einem verbleibenden Schonvermögen von 10.000 Euro aufkommen.

SPD-Landtagsabgeordneter Harald Güller zeigt sich tief bewegt von Enskats Einsatz

Ungerecht, findet Gerd Enskat und hat sich an Politiker und Parteien gewandt. „Als Erstes hat die AfD geantwortet“, berichtet er. Die Partei habe mitgeteilt, dass sie seine Meinung teile und diesen Missstand ändern wolle, gegen die etablierten Parteien aber nicht ankomme, berichtet Gerd Enskat aus dem Schreiben. Ausführlich geantwortet hat auch Harald Güller, SPD-Landtagsabgeordneter, der selbst in der Nachbarschaft von Gerd Enskat wohnt. Ihn habe der Fall des Rentners sehr bewegt, schreibt er – auch die Tatsache, dass Enskat seine Frau nach deren schwerer Erkrankung zunächst zehn Jahre lang zu Hause gepflegt hatte, bevor er selbst mit seinen Kräften am Ende war.

Tatsächlich gebe es auf Bundesebene ein Positionspapier der SPD, die die Pflegeversicherung zu einer Bürgerpflegeversicherung umbauen wolle, ähnlich wie der Sozialverband VdK. Harald Güller: „Zur Wahrheit gehört aber auch, dass wir dann zur Finanzierung der Pflege über erhöhte Staatszuschüsse sprechen müssen.“ Das sei nur mit einer Änderung im Steuersystem möglich, in dem Besserverdienende stärker einbezogen würden.

Enttäuscht zeigt sich Gerd Enskat über die Reaktionen aus dem bayerischen Sozialministerium, das allein auf die Regelungen im Sozialgesetzbuch verweise. Die Grünen und auch Bundestagsabgeordneter Hansjörg Durz (CSU) hätten sich auf seine Zuschrift gar nicht gemeldet, sagt er. Eine Erklärung, warum Ehepartner in der Gesetzesnovelle nicht berücksichtigt werden, kommt aus dem Abgeordnetenbüro von Durz: „Die Unterhaltspflicht zwischen Kindern und Eltern besteht aufgrund des Verwandtschaftsverhältnisses, während sie zwischen Ehegatten durch eine aus freiem Willen geschlossene Ehe entsteht“, heißt es da.

Außerdem sei eine Entlastung auch von Ehepartnern im Pflegefall nicht im Koalitionsvertrag vereinbart worden. Das bestätigt auch Harald Güller, weshalb er nicht mit Änderungen in naher Zukunft rechnet.

Gerd Enskat will nur Not bis 80 weiter arbeiten gehen

Gerd Enskat sagt, er habe immer seine Pflichten dem Staat gegenüber erfüllt, sei zur Bundeswehr gegangen, habe immer Steuern gezahlt und sei nie arbeitslos gewesen. „Das lässt einen schon ein wenig den Glauben an die Politik verlieren“, beschreibt er seine Situation heute. Nun hat er sich selbst eine Grenze gesetzt. Wenn nötig, will er weiter arbeiten gehen, bis er 80 Jahre alt ist. Dann würden seine Ersparnisse für ihn und seine Frau noch acht Jahre lang reichen.

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07.01.2020

"Rentner will bis 80 arbeiten – für die Pflegekosten seiner Frau". Ersetzen Sie das Wort will durch muss. Das dürfte der Wahrheit näher kommen.

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07.01.2020

>>> Als Erstes hat die AfD geantwortet <<<
>>> Die Grünen und auch Bundestagsabgeordneter Hansjörg Durz (CSU) hätten sich auf seine Zuschrift gar nicht gemeldet <<<
Soviel zur "Bürgernähe" unserer sogenannten etablierten Parteien / Politiker !

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