Dialekte

24.03.2014

Schmusen für Geld

In unserer Serie über sprachliche Besonderheiten geht es heute ums Heiraten

In unseren landwirtschaftlich strukturierten Gebieten wurden – ähnlich wie im Hochadel – früher Hochzeiten mehr aus wirtschaftlichen Erwägungen denn aus gegenseitiger Zuneigung der Paare geschlossen. Das/die „Sach“ sollte zusammenbleiben, besser noch mehr werden. Und somit durfte die Anbahnung einer Heirat nicht dem Zufall, schon gar nicht unwirtschaftlicher Zuneigung überlassen werden. Gefordert waren für diese verantwortungsvolle Aufgabe Fachleute. Sie würden heute wahrscheinlich eine schicke (coole) englische Bezeichnung bekommen, etwa „Wedding Manager“.

Früher, als die Mundart noch Normalsprache war, hießen diese Vermittler „Schmuser“. Diesem Begriff liegt natürlich das Wort „schmusen“ zugrunde. Und das bedeutete einst im Dialekt zunächst nur „viel schwatzen“, ein Wort aus dem mit jiddischen Ausdrücken durchsetzten Rotwelsch, also der Sprache der Vagabunden, der fahrenden Händler und der Fieranten. Das Herkunftswörterbuch von Kluge sieht einen Zusammenhang mit einem hebräischen Wort für Gerücht: „schmuot“, das zu „schmues“ wurde. Und so scheint auch eine Verwandtschaft zum deutschen „Schmu“ (Betrug) plausibel. Der Duden kennt in seinem Bereich Sprachwissen für „schmusen“ nur die hochsprachlich geläufige Bedeutung „zärtlich sein“. In unseren Mundarten bedeutet es aber auch noch „vermitteln“, also ein Geschäft einfädeln; „makeln“ würde man heute auch sagen. Und so kommt es dann zum Begriff „Schmuser“ für den Heiratsvermittler. Zumeist waren es übrigens Viehhändler, die diese Aufgabe übernahmen – weil sie viel herumkamen und auch die Ställe samt Inhalt und die Anwesen gut kannten, also die wirtschaftlichen Verhältnisse sehr wohl abschätzen konnten. Kam die angebahnte Verbindung zustande, konnte der „Schmuser“ ordentlich kassieren. Es war eine recht gut bezahlte Nebentätigkeit für den Vermittler, bekam er doch ordentlich „Schmusgeld“. Ging das Geschäft daneben, wurde es zum „Schmu“, also Betrug.

Gerade in unseren bäuerlichen Regionen bieten Hochzeiten heute noch viel Raum für die Pflege alter Bräuche, die unterdessen zunehmend Städter und auch „Zuagroaste“, ja sogar Brautpaare im „befreundeten Ausland“, also den nördlich gelegeneren deutschen Landen übernehmen. So ist die Hochzeit in Tracht von Sylt bis Oberstdorf durchaus „in“.

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Und einige Bräuche, die eigentlich ihren Ursprung in der Bauernhochzeit zwischen Donau und Alpen haben, erfreuen sich mittlerweile in der gesamten Republik großer Beliebtheit. Zweckentfremdet, denn das kleine bunte Halstuch, das sich nicht nur Volksfestbesucher in unseren Landen anlegen, sondern das gerne auch der Hamburger oder die Berlinerin dem Hund um den Hals bindet, weil’s so hübsch aussieht, ist ein Relikt süddeutscher Bauernhochzeiten: In diesen Tücher wurden nämlich Essensreste des kostenpflichtigen Hochzeitsmahls mit nach Hause genommen – bezahlt ist bezahlt …

Ein Mundartwort erfolglos eingedeutscht

Links des Lechs nennt man diese (heute modischen) Tücher „Pschorrtücherl“, was aber nichts mit dem Namen einer Münchner Brauerei zu tun hat, sondern den erfolglosen Versuch, ein Mundartwort einzudeutschen, wiedergibt. Genau genommen heißt das Tücherl „Bschoad“-Tuch. Und das heißt so viel wie „das, was einem zusteht“ – weil’s ja auch bezahlt ist, mit dem Mahlgeld.

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