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Landkreis Augsburg

08.10.2019

Sekundenbruchteile verändern sein Leben: Mann von Lastwagen erfasst

Ein 20-Jähriger ist nach einem Unfall mit einem Lastwagen schwerst verletzt. Nun landete der Fall vor Gericht.
Bild: Alexander Kaya (Symbol)

Plus Ein junger Mann wird von einem Sattelzug überrollt. Vier Wochen liegt er mit schwersten Verletzungen im künstlichen Koma. Konnte ihn der Fahrer sehen?

Seine Hand zittert, als er dem Richter in der Luft den Weg nachzeichnet, den er im Dezember 2017 auf einem Firmengelände zurücklegte. Es war der Tag, der sein Leben verändern sollte. Der heute 20-Jährige wurde beim Überqueren einer Straße von einem Lastwagen frontal erfasst. Er geriet unter die Räder, wurde mehrere Meter mitgeschleift, ehe er sich unter der zweiten Achse verkeilte und der Fahrer stoppte. Der junge Mann überlebte mit schwersten Verletzungen. Sie zeichnen ihn noch heute. Gestern musste sich der 26-jährige Fahrer des Sattelzugs vor Gericht verantworten. Die Kernfrage: Konnte er den Fußgänger sehen oder nicht?

Bereits Anfang des Jahres war es zur Verhandlung wegen fahrlässiger Körperverletzung gekommen. Damals hatte Rechtsanwalt Martin Koppe, der Verteidiger des Berufskraftfahrers, einen Befangenheitsantrag gestellt. Er warf Richter Thomas Müller-Froelich vor, in dem Fall voreingenommen zu sein. Der Grund: Der Amtsrichter hatte ein zweites Gutachten als Beweisantrag abgelehnt. Koppe hatte es in Auftrag gegeben. Müller-Froelichs Begründung: Es gebe keinen Hinweis, dass es Widersprüche gibt.

Hat der Lastwagenfahrer den jungen Mann übersehen?

Jetzt wurde auch das zweite Gutachten vorgetragen. Ein Sachverständiger aus München erklärte die Schwierigkeiten bei der Rekonstruktion des Unfalls. Unwägbarkeiten waren die verdeckte Sicht durch die A-Säule in der Fahrerkabine, die Außenspiegel und auch die Kopfbewegung des Fahrers. Schon ein Zentimeter verändere das Sichtfeld. Der Gutachter ging auch auf einen Arbeiter mit einem weißen Helm ein – er war auf den Aufnahmen einer Videokamera zu sehen. Wer der Mann war, ließ sich im Nachhinein aber nicht mehr feststellen. Der Unbekannte lief etwa zehn Meter vor dem 20-Jährigen über die Straße – demnach wäre denkbar, dass ihm der Fahrer des Sattelzug unterbewusst nachschauen konnte. Nach der Berechnung des Gutachters hatte es tatsächlich nur ein Zeitfenster von einem Sekundenbruchteil gegeben, in dem beide Männer auf der Straße zu sehen gewesen wären.

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20-Jähriger leidet noch immer an den Folgen

Im ersten Gutachten wurde anhand von 84 Bildern der Videoaufzeichnung geschlussfolgert, dass der Kraftfahrer den Fußgänger gesehen haben muss. Verteidiger Koppe hielt damals dagegen: „Die Sicht aus einem Lkw ist eingeschränkt.“ Deshalb sei eine sogenannte Sichtfeldbestimmung zwingend erforderlich. Sie analysiert, was und wann der Fahrer etwas gesehen haben kann.

Im ergänzten Gutachten eines weiteren Sachverständigen kam nun heraus, dass der 20-Jährige 9,2 bis 6,2 Sekunden vor dem Zusammenprall sichtbar gewesen sein könnte. Weil nach den beiden Gutachten unklar blieb, was der Fahrer gesehen haben konnte, wurde das Verfahren eingestellt. Für den jungen Mann (Nebenklagevertreterin: Alexandra Gutmeyr) war das kein Trost. Noch heute hat er Gleichgewichtsstörungen und Schmerzen am Rücken und in den Gelenken. Ob er jemals wieder ein normales Leben ohne Einschränkungen führen kann, wollte Richter Müller-Froelich während der Verhandlung wissen. Darauf sagte der junge Mann: „Die Ärzte sagen, dass es wieder besser werden kann. Es muss aber nicht.“

Er konnte sich nur in Bruchstücken an den Unfall erinnern. Anders ein Arbeitskollege. Er habe noch geschrien, als sich der 20-Jährige und der Sattelzug näherten. Doch weder sein Kollege noch der Fahrer hätten damals reagiert.

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