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Kutzenhausen

04.08.2018

Sind Feuerwehren für Reanimationen zuständig?

Ein Rettungssanitäter zeigt, wie ein Defibrillator funktioniert. (Symbolbild)
Bild: Daniel Karmann, dpa

Eine Neuregelung besagt, dass Feuerwehren auch für Wiederbelebungen alarmiert werden. Warum die Leitstelle ein Nein der Gemeinde Kutzenhausen nicht akzeptiert.

Bei vielen Feuerwehraktiven besteht Verunsicherung und Sorge über die Neuregelung, dass sie auch zu Reanimationseinsätzen gerufen werden. Deshalb hat der Gemeinderat Kutzenhausen als Dienstherr beschlossen, die Feuerwehren im Gemeindegebiet zunächst davon zu entbinden (wir berichteten). Zwischenzeitlich wurde jedoch bekannt, dass die Aussetzung der Alarmierung von der Rettungsleitstelle nicht umgesetzt wird. „Dies sorgt bei den Aktiven für Unruhe“, stellen Bürgermeisterin Silvia Kugelmann und ihr Stellvertreter Rupert Kugelbrey fest.

Aus ihrer Sicht tragisch, weil die Feuerwehren durch die Abmeldung nicht mit Reanimationseinsätzen rechnen, sagt Kugelmann. Dabei habe das Bayerische Innenministerium in einem Schreiben bestätigt, dass jede Feuerwehr selber über diese Reanimationseinsätze entscheiden könne. „Dennoch werden unsere Ortsfeuerwehren weiterhin alarmiert, obwohl wir diese ausdrücklich von diesen Einsätzen entbunden haben.“

Rupert Kugelbrey nennt die Gründe, warum sich der Gemeinderat gegen Reanimationseinsätze der Ortsfeuerwehren ausgesprochen hat: „Die möglichen weitreichenden persönlichen und psychischen Konsequenzen eines solchen Einsatzes in unmittelbarer Nachbarschaft sind offenkundig“, erklärt er. Und: „Viele Feuerwehrmitglieder haben im Hinblick auf die praktische Umsetzung Klärungs- und Informationsbedarf.“

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Der Mitarbeiter der Rettungsleitstelle könnte sonst auf unterlassene Hilfeleistung verklagt werden

Von der Gemeinde als Dienstherr also ein klares Nein. Warum werden die Ortsfeuerwehren dort dann trotzdem alarmiert? Das wollte unsere Zeitung von Kreisbrandrat Alfred Zinsmeister wissen. Die Antwort kam schließlich von der Sprecherin des Landratsamts, Kerstin Zoch: „Von Seiten eines Oberstaatsanwalts wird die Rechtsauffassung vertreten, dass ein Disponent einer Integrierten Leitstelle aus strafrechtlicher Sicht verpflichtet sei, in besonderen Einzelfällen eine Alarmierung durchzuführen.“ Dies sei der Fall, wenn der Anrufer vom Disponenten telefonisch zur Durchführung einer Reanimation angeleitet und gleichzeitig erkannt wird, dass die Feuerwehr einen entsprechenden Zeitvorteil gegenüber dem gleichzeitig alarmierten Rettungsdienst hat.

Im Klartext: Der diensthabende Mitarbeiter in der Rettungsleitstelle könnte bei einer Nichtalarmierung der Feuerwehren auf unterlassene Hilfeleistung verklagt werden. Die Amtsleitung der Berufsfeuerwehr hat daher angeordnet, die Alarmierungen zu Reanimationen ungeachtet einer gemeindlichen Entbindung fortzusetzen.

Der Kreisbrandrat nahm daraufhin die Gelegenheit war, das Thema Ende Juli im Zweckverband für Rettungsdienst und Feuerwehralarmierung Augsburg (ZRF) vorzutragen. Das dafür zuständige Gremium kam zu dem Fazit, sich mit dem Problem intensiver zu befassen.

Handlungsbedarf sieht anscheinend auch das Landratsamt. „Aus unserer Sicht ist durch die Einbeziehung der entsprechend zuständigen staatlichen Stellen eine rechtliche Klärung erforderlich, damit Zuständigkeiten und rechtliche Hintergründe für alle Beteiligten eindeutig sind“, betont Kerstin Zoch.

Wichtig ist, dass Ersthelfer aktiv eingreifen

Außerdem macht sie darauf aufmerksam, dass die Erste-Hilfe in der Grundausbildung der Feuerwehren enthalten sei. Bei der Reanimation gehe es in erster Linie um die Herz-Lungen-Wiederbelebung, damit ein Atem- oder Kreislaufstillstand beendet wird.

Für Rupert Kugelbrey ist deshalb die Aufklärung von besonderer Bedeutung. Um Leben zu retten, sei entscheidend, dass Ersthelfer aktiv eingreifen, betont er. Die Gemeinde Kutzenhausen hat darauf bereits 2017 reagiert und unabhängig von der Neuregelung Defibrillatoren für alle Ortsteile angeschafft und außerdem eine Einweisungsveranstaltung für ihre Bürger angeboten. Im vergangenen Monat gab es außerdem Erste-Hilfe-Kurse für die Bevölkerung.

Doch zurück zu den Reanimationseinsätzen der Feuerwehren. „In dieser wichtigen Angelegenheit hätte ich mir von Anfang an Transparenz und Informationen für Gemeinden, Feuerwehr und Bürger gewünscht“, sagt Bürgermeisterin Kugelmann. „Man hätte sich so viel Unverständnis und Ärger ersparen können.“ Nichtsdestotrotz sei hier eine rechtliche Verbindlichkeit unabdingbar.

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05.08.2018

Als Feuerwehrangehöriger der selbst in einer First Responder Einheit aktiv kann ich diese Diskussion einfach nicht verstehen.
Da hat man auch als kleinere Ortswehr die tatsächliche Chance äußerst sinnvoll eingesetzt zu werden und ein Leben retten zu können und dann weigert man sich mit dem fadenscheinigen Argument "man kennt denjenigen vielleicht".
Mit dieser Aussage darf ich als Feuerwehrangehöriger zu keinem Verkehrsunfall und zu keinem Wohnungsbrand mehr im eigenen Ort fahren, da man denjenigen ja auch kennen könnte.
Aber scheinbar wird man lieber sinnlos zur fünften Ölspur alarmiert (die die Feuerwehr eigentlich nichts angeht) anstatt denjenigem den man kennt vielleicht das Leben zu retten.

Wenn hier Ängste und Unsicherheiten bestehen, sollte man diese durch vernünftige Fortbildung (EH Kurs mindestens alle 2 Jahre) und angemessene Ausrüstung der Feuerwehren (Notfallrucksack mit vernünftigen Möglichkeiten zur Beatmung/Absaugung/Atemwegssicherung) in der Fläche angehen und nicht damit sich blind und taub zu stellen und hoffen dass keine Alarmierung statt findet.

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