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Landkreis Augsburg

19.02.2021

Stalking-Prozess: 20-jährige Angeklagte muss zur Strafe ein Buch lesen

"Leseweisung" nennt sich diese juristische Anordnung und wird gerade in Corona-Zeiten gerne angewandt.
Bild: Oliver Berg, dpa (Symbolfoto)

Plus Eine junge Frau steht wegen Verleumdung und Urkundenfälschung vor Gericht. Bei dem Urteil sind sich Staatsanwaltschaft, Richterin und Verteidigung so einig wie sonst nur selten.

Mit diesem Urteil waren am Ende Staatsanwalt, Verteidigung und auch die Angeklagte hochzufrieden. Eine 20-Jährige musste sich am Donnerstag vor dem Amtsgericht in Augsburg verantworten, da sie einen Bekannten zu Unrecht des Stalkings bezichtigt hatte. Um ihrer frei erfundenen Behauptung mehr Glaubwürdigkeit zu verliehen, fälschte sie sogar ein polizeiliches Schreiben bezüglich eines Annäherungsverbots. Der Schwindel flog auf, und nun muss die junge Frau aus dem Landkreis Augsburg ihre Strafe antreten - das Lesen eines Buchs. "Leseweisung" nennt sich diese juristische Anordnung und wird gerade in Corona-Zeiten gerne angewandt.

Verteidiger Andreas Boukai sieht in dieser Leseweisung ein probates Mittel, "um noch mal das Steuer herumzureißen". Denn die Angeklagte sei eigentlich nur aufgrund fehlender Courage in die Situation hereingeraten. Grund für die falschen Behauptungen der 20-Jährigen war, dass sie früher selbst einmal mit dem angeblichen Stalker zusammen gewesen war. Diese Beziehung ging aber in die Brüche, da sie laut Boukai den Partner als "zu aufdringlich" empfunden hätte. Als nun eine Bekannte erzählte, dass ihre kleine Schwester mit ihrem Ex befreundet sei, habe sie nach einem Weg gesucht, um diese "zu befreien".

Verleumdung und Urkundenfälschung lauteten die Anklagepunkte

Über WhatsApp verschickte die Angeklagte dann ein gefälschtes behördliches Schreiben, dass sich ihr früherer Freund aufgrund Stalkings ihr nur noch bis zu 100 Metern nähern dürfe. Der Schwindel war aber so offensichtlich, dass der junge Mann Anzeige erstattete. Verleumdung und Urkundenfälschung lauteten die Anklagepunkte, und im Fall einer Verurteilung können diese Taten sogar zu einer Freiheitsstrafe führen. Dies aber blieb der 20-Jährigen erspart, sie bekam lediglich "einen Schuss vor den Bug", wie es ihr Rechtsanwalt Boukai anschließend nannte.

Die Leseweisung findet in der Jugendgerichtshilfe immer wieder Anwendung und wird gerne dann genutzt, "wenn ein Angeklagter einen guten Eindruck hinterlässt und strafrechtlich noch nicht in Erscheinung getreten ist", erklärt Richter Markus Eberhard, Pressesprecher des Amtsgerichts. Die 20-Jährige wird sich daher nun in Zusammenarbeit mit der Jugendhilfe Brücke in Augsburg dem Thema "Stalking und Mobbing" literarisch widmen müssen. Hier hat man mit dieser Form der Straffahndung bereits beste Erfahrungen gemacht.

Daheim ein Buch lesen geht immer

"Das Projekt gibt es bei uns schon seit einigen Jahren", sagt Erwin Schletterer, der Geschäftsführer der Brücke. Waren es bislang so 15 bis 20 Fälle pro Jahr, hätten die "Leseweisungen" aufgrund Corona in den letzten Wochen stark zugenommen. Mit ein Grund dafür ist, dass die anderen Hilfsprojekte der Brücke, wie etwa Gesprächsrunden oder Arbeitsstunden, aufgrund der Beschränkungen nicht durchführbar seien. Doch daheim ein Buch lesen, das geht immer.

Erwartet wird von Jugendlichen allerdings, dass sie sich auch mit dem Inhalt des Buchs auseinandersetzen und das Thema aus einer anderen Perspektive betrachten. "Sie können beim Lesen quasi von der Täter- in die Opferrolle wechseln", sagt Tobias Karrer. Er ist einer der Mentoren der Brücke, die bei diesem Projekt mitarbeiten. In mehreren Gesprächsrunden werden die Erfahrungen dann aufgearbeitet, der Betroffene lernt über seine Gefühle zu reden. "Dabei geht es nicht um Sühne, sondern im weitesten Sinn um Erziehung", erklärt Schletterer. Gezielt werde daher ein Buch ausgesucht, mit dem sich der Jugendliche auch identifizieren kann. Tobias Karrer ist vom Erfolg dieser Leseweisungen überzeugt. "Es macht nicht nur Spaß, sondern ich habe auch das Gefühl, dass es in der Tat etwas bewirkt."

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