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Meitingen

11.03.2019

Test: Wie wirksam ist die Selbstverteidigung?

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4 Bilder
Von effektiven Tricks über Befreiungstechniken bis hin zum Würgegriff mit den Beinen ist alles dabei.
Bild: Marcus Merk

In Meitingen lernen Frauen, sich selbst zu verteidigen. Doch mit Technik allein ist es nicht getan, denn es gibt eine wichtige Voraussetzung.

Ich liege am Boden. Alina lehnt über mir und presst mich auf die Matte. Mit aller Kraft versuche ich mich aus der Umklammerung zu befreien. „Drück dich an meiner Schulter ab und roll dich auf die Seite“, sagt sie. „So gewinnst du Abstand.“ Etwas ungelenk schiebe ich meinen Hintern nach außen. „Und jetzt mit den Füßen an meine Hüfte.“ Mit einem kräftigen Schub stemme ich mich gegen sie, mache mich los und krabble rückwärts auf allen vieren davon.

Shrimpen nennt Kampfsporttrainer Michael Schey die Technik, mit der ich soeben Alinas Griff entkommen bin. Die 16 Frauen, die neben mir auf der Matte in der Meitinger Roll’n Flow Academy rangeln, kennen den Trick. Jeden Donnerstagabend trainieren sie, um sich im Ernstfall verteidigen zu können.

Wer am Boden liegt, braucht eine Antwort

Grundlage dafür ist das Brasilianische Jiu Jitsu, kurz BJJ. Dahinter steckt eine Kampfsportart, die sich auf den Bodenkampf konzentriert. Genau das finden Trainern Michael Schey und Michael Matzner – beide seit neun Jahren Jiu-Jitsu-Kämpfer – in der Selbstverteidigung für Frauen wichtig. „Als schwächere Person ist es schwierig, im Stand zu bleiben“, sagt Schey. „Man braucht auch eine Antwort, wenn man am Boden liegt.“

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Die sollen Frauen im Selbstverteidigungskurs bekommen. Von effektiven Tricks über Befreiungstechniken bis hin zum Würgegriff mit den Beinen ist alles dabei. Nur Schläge und Tritte sind im Jiu Jitsu nicht erlaubt. Ein wichtiger Grundsatz der beiden Trainer: Weniger Theorie, mehr Praxis. Das komme in anderen Selbstverteidigungskursen oft zu kurz, findet Sche. Schon rollt er sich mit Matzner über die Matte und zeigt den nächsten Trick. „Wenn ihr wie Käfer auf dem Rücken liegt, seid ihr wehrlos“, sagt Schey. „Versucht euch Raum zu verschaffen und eure Position zu verbessern.“

Als Angreiferin bin ich machtlos

Gar nicht so leicht, denke ich, als Alina über mir lehnt. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal gerangelt habe. Vermutlich im geschwisterlichen Kampf um die Fernbedienung vor 20 Jahren. Es fühlt sich etwas befremdlich an – der Körperkontakt, die Bewegungen, das Ziehen, Zerren und am Boden Robben. Der Rollenwechsel macht es nicht einfacher. Als Angreiferin bin ich machtlos. „Ich will dir nicht wehtun“, rufe ich Alina zu. Im Ernstfall sähe das wohl anders aus. Nach zwei Sekunden hat sich Alina aus meiner Umklammerung herausgeschlängelt. Sie weiß, was sie tut. Im Gegensatz zu mir. Für mich sind die Übungen ungewohnt.

Im Kreis laufen, rückwärts robben, aus dem Stand hoch springen – schon beim Aufwärmen rinnt mir der Schweiß von der Stirn. Die dreiminütigen Gerangel mit Alina geben mir den Rest. „Wer sich verteidigen will, muss körperlich fit sein“, sagt Schrey.

Am besten ohne Brille und Turnschuhe

Was habe ich auch anderes erwartet im Selbstverteidigungskurs? Ausgefallene Schlagtechniken ohne Körpereinsatz? Mit Brille und Turnschuhen bewaffnet wollte ich den Kampf antreten. „Die lässt du besser hier“, sagt mir eine Kursteilnehmerin in der Umkleide. Schnell ist mir klar, warum: zu gefährlich, keinen festen Stand auf der Matte. Aber den brauche ich, um mich im Stehen zu verteidigen.

Alina packt mich am Handgelenk. „Die Schwachstelle des Angreifers liegt zwischen Daumen und Zeigefinger“, erklärt Trainer Schey. Nicht ziehen, sondern den eigenen Arm nach hinten wegdrücken, lautet der Trick. Und schon habe ich mich mit einem schnellen Ruck befreit. Ob das im Ernstfall auch so einfach wäre? „Wer vorbereitet sein will, muss oft und lange trainieren“, sagt Matzner. „Nur dann laufen die Bewegungen automatisch ab.“

Der Kurs baut Ängste ab

Laura ist seit vier Monate dabei. „Man bekommt ein besseres Körpergefühl“, sagt sie. Auch die Grundtechniken der Selbstverteidigung haben sie weitergebracht. „Ich fühle mich draußen schon etwas sicherer“, sagt sie. In einem sind sich die 16 Frauen einig: Der Kurs baut Ängste ab und stärkt das Selbstbewusstsein. „Das macht einen schon weniger zum Opfer“, sagt Alina, Schwester von Trainer Michael Matzner und seit sechs Jahren Jiu-Jitsu-Kämpferin.

Das ist im Training spürbar: lockere Stimmung, offener Umgang, Abklatschen nach jedem Gerangel. Hier treffen sich selbstbewusste Frauen, die sich zu wehren wissen wollen. „Das gibt einen Muskelkater morgen“, warnt mich eine von ihnen im Gehen. Sie sollte Recht behalten. Es zwickt und zwackt, auf meiner rechten Schulter prangt eine Schramme vom vielen Shrimpen. Aber sicherer fühle ich mich nach der einen Stunde noch lange nicht.

Das sagt die Expertin der Polizei zu einem Selbstverteidigungskurs

  • Selbstverteidigungskurse für Frauen sollten gut ausgewählt werden, sagt die Opferschutzbeauftragte des Polizeipräsidiums Schwaben-Nord, Kriminalhauptkommissarin Sabine Rochel. Denn nicht jeder Kurs halte, was er verspreche. Ihr Tipp: Anbieter sollten im Bayerischen Landessportverband (BLSV) organisiert sein.
  • Aber: Manche Selbstverteidigungskurse dauern nur wenige Stunden. „Durch einen Selbstverteidigungskurs sind Frauen nicht auf alles vorbereitet“, erinnert sie. Statt dessen vermittle ein absolvierter Kurs oft falsche Sicherheit. Nach wenigen Stunden Kurs könnte eine 60-Kilo-Frau keinesfalls körperlich einem 90-Kilo-Mann viel entgegensetzen.
  • Was hinzu komme: Wer auf Selbstverteidigung setzt, muss den festen Willen haben, einem angreifenden Mann auch wirklich weh tun zu wollen. Tritte gegen das Schienbein oder in die Weichteile dürften nicht halbherzig ausgeführt werden, sondern erforderten ein gutes Maß an Aggressivität, um auch effektiv zu sein. Frauen sollten sich fragen, ob sie im Zweifelsfall diese Aggressivität wohl auch hätten.
  • Allerdings: Wehren mit allen Mitteln, Kratzen, Beißen, Schreien, Haareausreißen, das sollte eine Frau in einer Zwangslage auf jeden Fall tun, zudem Passanten direkt um Hilfe bitten. Eine Alternative könnten deshalb Kurse für Zivilcourage sein.
  • Vor einem warnt Sabine Rochel aber in jedem Fall: „Hände weg von Selbstverteidigungskursen mit Echtfallerprobungen.“ Denn die könnten gar traumatisch auf die Teilnehmerinnen wirken. In Rollenspielen werden Frauen dabei in einer Grünanlage aus einem Busch heraus oder im Parkhaus hinter eine Säule „gespielt“ angegriffen – und trauten sich danach im schlechteren Fall nicht mehr in den eigenen Keller. „Außerdem sind diese Szenarien wirklich unrealistisch“, sagt die Kriminalhauptkommissarin mit Blick auf die Statistik. Vier Fünftel alles angezeigten Gewalttaten gegen Frauen passierten im engeren sozialen Umfeld. (jah)

Bis erschienen in unserer Serie "Gewalt gegen Frauen": Jede dritte Frau wird Opfer von Gewalt

So geht es weiter: Wie wirksam ist ein Selbstverteidigungskurs?

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