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Interview

09.07.2019

Teure Wohnungen: Rentner und Lehrlinge trifft es hart

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Hier am Römertor in Gersthofen entstehen zwar viele neue Wohnungen, doch die Nachfrage ist riesig. 
Bild: Marcus Merk

Plus Die Städte Neusäß und Gersthofen finanzieren gemeinsam eine Stelle für die Beratung von Wohnungslosen. Welche Tipps Christine Bürger geben kann, erklärt Sie im Interview.

Die Städte Neusäß und Gersthofen liegen ja im so genannten Speckgürtel von Augsburg. Eine Gegend, der es im Vergleich zur Großstadt Augsburg finanziell recht gut gut. Wie passt da eine Beratung für Wohnungslose dazu?

Bürger: Das passt sehr gut zusammen. Städte wie Neusäß, Gersthofen und Stadtbergen sind sehr atttraktiv für junge Familien und Paare. Auch die Nähe zu München lockt. Der Druck auf dem Wohnungsmarkt betrifft aber nicht mehr nur Gersthofen und Neusäß, sondern inzwischen den ganzen Landkreis bis runter nach Schwabmünchen. Je näher die Anbindung an Bus oder Bahn, umso angespannter ist die Lage.

Das Problem der Wohnungsknappheit ist ja bekannt. Passiert Ihrer Meinung nach genug?

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Bürger: Die Städte wissen natürlich um die Problematik und es passiert auch etwas. Gersthofen bebaut das ehemalige Praktikergelände, wo auch gefördertes und betreutes Wohnen entsteht, in Neusäß wird das Schuster- und Sailerareal bebaut. Doch die Möglichkeiten sind begrenzt. Insgesamt sind freie Grundstücke einfach knapp.

Was ist das gravierendste Problem?

Bürger: Es fehlt bezahlbarer Wohnraum. Das betrifft nicht nur Menschen, die staatliche Leistungen beziehen. Ins Hintertreffen geraten auch Leute mit geringem Einkommen, Familien mit vielen Kindern, Menschen mit Erwerbsminderung oder Rentner.

Können Sie einen Fall schildern, der besonders krass ist?

Bürger: Nehmen wir einen Single, der Grundsicherung vom Staat bezieht: Die Miete darf im Monat nicht mehr kosten als 425 Euro bruttokalt, also die Grundmiete mit Nebenkosten außer Heizung. So jemand bekommt sehr schwer etwas.

Wer kommt zu Ihnen in die Beratung?

Bürger: Es kommen die Ärmsten, aber es kommen auch Leute, denen unerwartet eine Wohnungslosigkeit droht. Es kann jeden treffen, zum Beispiel nach einer längeren Krankheit, wenn die Mietschulden auflaufen. Insgesamt spiegelt das Problem die Gesellschaft wider. Es trifft nicht nur die Armen oder Migranten, da herrschen viele Vorurteile.

Christine Bürger berät Wohnungslose, die auf der Suche nach einer neuen Bleibe sind. 
Bild: DWA

Ist das ganze auch ein Generationenproblem?

Bürger: Ganz genau. Es gibt viele Senioren, die würden ihre große Wohnung oder ein Mietshaus gerne gegen etwas kleineres, barrierefreies tauschen. Sie haben aber noch Altverträge, die sie bezahlen können und nicht die hohen Mieten für eine neue Unterkunft. Ich kenne viele Senioren, die suchen inzwischen im ganzen Landkreis und würden sogar ihr gewohntes Umfeld verlassen. Aber eine bezahlbare Wohnung mit Aufzug und Barrierefreiheit zu finden ist sehr, sehr schwierig, auch für Menschen mit Behinderung.

Wen trifft es bei den jungen Leuten?

Bürger: Das sind die Auszubildenden. Ein junger Mann aus Schwabmünchen, der eine Lehrstelle in Gersthofen bekommt, kann sich dort nichts leisten. Wo bringen wir den also unter? Viele Familien wohnen auch zu beengt, wenn sich die Zahl der Kinder erhöht hat.

Was belastet die Menschen am meisten?

Bürger: Wohnungssuche ist generell sehr belastend. Den Wert eines Zuhauses darf man nicht unterschätzen. Eine Wohnung vermittelt das Gefühl der Sicherheit. Besonders brutal erwischt es Mieter, die wegen Eigenbedarf gekündigt werden. Dabei kann man das oft den Vermietern gar nicht vorwerfen. Sie haben Kinder oder Enkel, die sie unterbringen müssen. Aber so eine Kündigung oder gar Räumungsklage zehrt an den Nerven der Mieter. Man bekommt es nicht mehr aus dem Kopf, dass man zu einem bestimmten Zeitpunkt unbedingt was Neues braucht. Aber ich staune immer wieder: Die Leute sind zäh und ertragen viel. Vor allem Familien schaffen es irgendwie, nicht aufzugeben.

Warum heißt Ihre Stelle Beraterin für Wohnungslose und nicht für Obdachlose?

Bürger: Weil das ein Unterschied ist. Wohnungslos sind Menschen dann, wenn sie keinen Mietvertrag haben. Das heißt, das sind auch Leute, die vorrübergehend wieder bei den Eltern im Gästezimmer unterkommen oder sich in eine Pension einmieten. 99 Prozent derjenigen, die zu mir kommen, leben nicht auf der Straße. Aber solche provisorischen Unterkünfte gehen natürlich auf Dauer nicht gut. Sie können nicht ewig bei Mutter auf dem Sofa schlafen.

Was sind die Gründe für Wohungslosigkeit?

Bürger: Wie gesagt, der Eigenbedarf. Oftmals aber auch Trennung oder Schulden.

Wie können Sie helfen?

Bürger: Als ersten Satz sage ich: Ich habe keine Wohnung und kann auch nix herbeizaubern. Ich bin kein Makler und muss diese Grenze ziehen. Ich kann Informationen bieten. Zum Beispiel über Wohngeld oder andere Beratungsstellen, zum Beispiel wegen der Schulden. Ich helfe auch bei der Bewerbung, Briefen oder Anträgen und gebe Tipps, wo man suchen kann. Oft hilft schon das erste Gespräch: Man kommt gemeinsam auf Lösungen.

Was kann der einzelne selbst tun, um nicht in diese Misere zu kommen?

Bürger: Schauen, dass die Miete immer bezahlt wird. Das ist das A und O. Sonst ist das Verhältnis schnell zerrüttet. Man sollte auch vor dem Unterzeichnen eines Mietvertrags seine Finanzen realistisch einschätzen. Man darf nicht zu knapp kalkulieren, die Miete muss auf Dauer zu bezahlen sein. Mein zweiter Rat: Wenn Probleme auftauchen, sich frühzeitig Hilfe suchen. Hier bitte keine Scheu haben!

Nutzen die Vermieter diese große Nachfrage auf dem Markt aus?

Bürger: Das kann man so pauschal nicht sagen. Natürlich haben die Vermieter oft die große Auswahl. Und manche ziehen die Miete auch hoch. Aber ich erlebe auch Vermieter mit Engelsgeduld. Die sind sehr nett zu ihren Mietern.

Was kann man für ein gutes Verhältnis zwischen Mieter und Vermieter tun?

Bürger: Viel miteinander reden. Aber nur, wenn der Vermieter das will. Manche wollen auch einfach nur ihre Ruhe. Da muss man Gespür haben, das ist wie beim Umgang mit Kollegen. So wie es nicht den einen Typ HartzIV-Empfänger gibt, gibt es nicht den einen Typ Vermieter.

Was passiert mit Menschen, die wirklich obdachlos sind?

Bürger: Das ist verschieden organisiert. Das geht von der Wohngemeinschaft bis hin zu angemieteten Wohnungen. Es gibt viel verdeckte Obdachlosigkeit, zum Beispiel der Azubi, der zuhause aus finanziellen Gründen nicht ausziehen kann.

Sind Genossenschaften noch der Geheimtipp?

Bürger: Längst nicht mehr. Das war früher so, heute gibt es überall lange Wartelisten. Ich empfehle trotzdem, sich da anzumelden. Eine Chance bleibt ja immer.

Was ist der beste Weg zu einer neuen Wohnung?

Bürger: Vieles klappt über Mund-zu-Mund-Propaganda. Ich rate immer, möglichst viele Menschen im Umfeld zu informieren. Plötzlich hört jemand was...

Ist Ihre Arbeit nicht frustrierend?

Bürger: Es sind letztlich die Geschichten, die gut ausgehen, die mich freuen und motivieren. Insgesamt bin ich aber überzeugt, dass es so auf dem Wohnungsmarkt nicht weitergehen kann. Ich erwarte Lösungen.

Wohnungsnot: Es braucht mehr Lotsen im Dschungel, meint Regine Kahl in ihrem Kommentar.

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