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Landkreis Augsburg

07.01.2017

Trennung – und was wird aus den Kindern?

Kinder sind meist die Leidtragenden, wenn sich die Eltern nicht mehr verstehen. (Symbolfoto)
Bild: Bernhard Weizenegger

In der Region Augsburg gibt es seit zehn Jahren ein Modell für gütliche Einigungen. Aber was ist eigentlich eine Familie?

Trennung oder Scheidung: Das tut weh. Nicht allein den beteiligten Erwachsenen, auch den Kindern. Damit sie ein klein wenig besser durch diese schwere Zeit kommen, haben sich in der Region all jene Berufsgruppen zusammengefunden, die in dieser Ausnahmesituation aktiv werden können: Scheidungsanwälte, Familienrichter, Mediatoren, das Jugendamt, Sachverständige und Beratungsstellen. Sie arbeiten in einem deutschlandweit seltenen Projekt daran, möglichst wenig eingreifen zu müssen. Christine Hagen, Leiterin des Jugendamts im Augsburger Land, erklärt: „Wir wollen die Eltern ermutigen, ihre Probleme selbst anzugehen und zu lösen.“ Denn: Sorgerecht, Unterhaltsfragen und Besuchszeiten der Kinder bei Vater oder Mutter, all das muss nicht unbedingt von einem Richter festgelegt werden. Sind sich die Eltern einig, wird der oft gar nicht gebraucht.

Seit zehn Jahren gibt es den Zusammenschluss nun in Augsburg. Für die Mitglieder des Arbeitskreises „Augsburger Netzwerk Trennung Scheidung“, der mit seiner Abkürzung „Ants“ an die Arbeit fleißiger Ameisen erinnert, ist das nun der Moment, an die Gründung zu erinnern und sich zu überlegen, wo die Schwerpunkte der Arbeit in Zukunft liegen könnten. Denn zum einen ändern sich die gesetzlichen Vorgaben, in deren Rahmen eine Trennung oder Scheidung abläuft. Zum anderen gibt es heute ganz unterschiedliche Formen von Familie mit jeweils eigenen Bedürfnissen.

Viele Jahre lang hatte Max Weigl, der langjährige Leiter des Sozialen Dienstes im Landkreis Augsburg, den Arbeitskreis geleitet. Am Anfang stand damals der Gedanke, die Kompetenz für den Umgang mit der Trennung in den Familien zu belassen – freilich mit der jeweils nötigen professionellen Hilfe. Vorbild für Augsburg ist dabei das sogenannte Cochemer Modell. Die kleine Stadt am Rhein gilt in Deutschland als Vorreiter beim alternativen Umgang mit Scheidungen. Schmutzige Wäsche vor Gericht waschen, das wollte der Cochemer Familienrichter Jürgen Rudolph nicht mehr. Er setzte sich seit Mitte der neunziger Jahre dafür ein, dass vor allem Kinder im Zuge der Trennung ihrer Eltern geschützt wurden. In Augsburg wurden Grundsätze des Modells übernommen.

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Und viele von ihnen stehen heute sogar im Gesetzbuch für Familienrecht. „Es gibt kein anderes Rechtsgebiet, das die Entwicklung in der Gesellschaft so widerspiegelt wie das Familienrecht“, ist Dr. Winfried Maier, Vorsitzender Richter am Familiensenat des Oberlandesgerichts München mit Sitz in Augsburg, überzeugt. Er hat bei der Jubiläumssitzung des Arbeitskreises darauf hingewiesen, dass die Politik inzwischen auf eine erneute Richtungsänderung im Umgang mit Trennungskindern zusteuert. So ginge es beim aktuell praktizierten Wechselmodell darum, dem Kind ein Leben im Ausgleich mit beiden Elternteilen zu ermöglichen. In der europäischen Politik stünden nun aber immer mehr die Rechte der Väter im Mittelpunkt. „Das ist besorgniserregend. Es handelt sich hier um einen Paradigmenwechsel“, sagte Maier. Denn das könne bedeuten, dass vor lauter Rücksicht auf einen gerechten Ausgleich das Kind zum Pendelkind zwischen Vater und Mutter werde und dabei im schlechtesten Fall sowohl im einen wie im anderen Haushalt Gast bleibe. „Kinder halten viel aus. Aber es ist nicht gesagt, dass ihnen das auch gut tut“, so Maier aus seiner Erfahrung als Familienrichter. Stattdessen könne ein verantwortungsvoller Umgang der Eltern mit einer Trennung auch bedeuten, dass sich ein Elternteil zurücknehme und der andere sein Leben auf das Kind ausrichte.

Einen wissenschaftlichen Blick auf das Konstrukt „Familie“ warf beim Jubiläumstreffen die emeritierte Augsburger Pädagogik-Professorin Hildegard Macha. Immer wieder habe sich im Laufe der Jahrhunderte das Familienbild verändert. Die heute vor allem in der Politik typische Kernzusammenstellung von Vater-Mutter-Kind sei ein „Mythos der fünfziger Jahre“. Die Gesellschaft sei mit ihren vielfältigen Formen des Zusammenlebens schon wieder an einem anderen Punkt angelangt. Familie, das sei überall dort, wo Erwachsene die Verantwortung für Kinder übernehmen und diese auch nicht abgeben.

Gleichzeitig bedrohten moderne Lebensformen aber jede Form von Familie. Der Irrglaube der Selbstoptimierung, die Aufgabe einer Grenze zwischen Arbeits- und Privatwelt, aber auch Armut mit all ihren Folgen, „das durchstößt die Grenzen, die ein Kind hat“, warnte die Pädagogik-Professorin. Ein Ausweg sei jedoch, zumindest in der Theorie, simpel: Entschleunigung des Alltags, Werte geben, den Umgang mit modernen Medien beschränken, gemeinsam etwas unternehmen.

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