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Diedorf

28.08.2019

Trotz MS mit dem Rollstuhl von Diedorf bis nach Indien

Ilse Ullmann organisiert Reisen für Menschen, die an Multipler Sklerose erkrankt sind. Betroffene müssen in ihrem Alltag mit vielen Einschränkungen zurechtkommen. Mit modernen Hilfsmitteln können sie heute dennoch mobil die Welt entdecken. 
Bild: Andreas Lode

Vor 15 Jahren diagnostizierten die Ärzte bei der Diedorferin Ilse Ullmann Multiple Sklerose. Mit ihrem „Porsche“ ist sie dennoch in ganz Deutschland unterwegs.

MS, das kannte sie gar nicht, als bei ihr die Autoimmunerkrankung Multiple Sklerose offiziell diagnostiziert wurde. 15 Jahre ist das jetzt her. Heute bewegt sich Ilse Ullmann im Erdgeschoß ihres Diedorfer Hauses vorwiegend im Rollstuhl hin und her. Nach so vielen Jahren der Krankheit hat sie ihre neue Lebenssituation gut im Griff: „Mit MS zu leben ist ein Lernprozess“, sagt die gebürtige Hessin denn auch. Diesen hat die 62-Jährige aktiv in die Hand genommen.

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Schon seit 2007 leitet sie mit zwei weiteren Stellvertretern die MS-Selbsthilfegruppe „MS LebenskünstlerInnen Augsburg-West“. Ihrer Gruppe, die derzeit aus 29 Mitgliedern und vier ehrenamtlichen Helfern besteht, möchte sie ein Vorbild sein. Eine Aufgabe, die der Diedorferin Spaß macht und sie auch vor Herausforderungen stellt. Erst vor Kurzem organisierte Ilse Ullmann unter dem Motto „Glaube, Frieden, Hoffnung – auch mit MS auf den Spuren Luthers“ für 15 Multiple-Sklerose-Kranke eine fünftägige behindertengerechte Reise in die Lutherstadt Wittenberg, nach Torgau und Leipzig.

Die Krankheit begann, als die Kinder noch klein waren

„Das Wichtigste ist die Akzeptanz der Lebenssituation“, erklärt die Mutter zweier erwachsener Söhne, wie sie die vergangenen schwierigen Jahre gelernt hat, mit der unheilbaren Erkrankung – darüber hinaus auch mit dem Bruch ihrer Ehe – zurechtzukommen. Auch dem Brustkrebs, der bei ihr 2018 diagnostiziert und erfolgreich behandelt werden konnte, hat sie getrotzt. Die Krankheitsgeschichte der früheren Zahntechnikerin begann, als ihre Kinder noch klein waren, mit Symptomen, „die ich am Anfang kaum wahrgenommen habe“.

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Einschränkungen, die sie zu überspielen versuchte. Damals wohnte die Familie noch in Essen. Beim Federballspielen mit den Kindern machte ihr das Springen Probleme, sie bemerkte auch Koordinationsschwierigkeiten, Flaschen fielen ihr zu Boden, eine erste Sehnerv-Entzündung trat bereits 1994, die zweite dann 2004 auf. Lange ließ sich Ilse Ullmann nicht professionell behandeln, erst nach der offiziellen Diagnose 2004 suchte sie den Rat von Fachärzten. Die Krankheit verschlimmere sich bei ihr kontinuierlich, erzählt Ilse Ullmann. Sie gehöre nicht zu den MS-Patienten, bei denen die Erkrankung in Schüben auftritt.

Die Söhne stehen der Mutter bei

Die Diedorferin kann sich im Alltag im Haus selbst versorgen. Für den Hausputz und Garten hat sie Hilfe, und auch die Söhne stehen der Mutter bei. Zwar kann sie noch einige Schritte mit dem Rollator laufen, doch fast immer zieht es Ilse Ullmann inzwischen vor, sich im Haus im Rollstuhl zu bewegen – zur eigenen Sicherheit nach einem Sturz mit dem Rollator. Der Rollstuhl entlaste sie, betont sie.

Im Flur steht zusätzlich ihr „Porsche“, ein vierrädriger Segway-Rollstuhl: „Mit dem Ding bin ich in ganz Deutschland unterwegs“, sagt Ilse Ullmann frohgemut. Über einen Aufzug gelangt sie in die Garage und aus dem Haus zum Einkaufen. Das Auto benutzt sie nur noch selten. Ein behindertengerechtes Fahrzeug nutze ihr gar nichts, betont die Diedorferin, denn der starke Straßenverkehr mache ihr ohnehin Schwierigkeiten. Meist ist sie mit dem Taxi und, auf Reisen, mit der Bahn unterwegs. Ihre körperlichen Einschränkungen hindern Ilse Ullmann nicht an Aktivitäten. So reiste sie allein nach Indien in ein Ayurveda-Ressort und sah: „Es geht!“ Ein breiter silberner Armreif am Handgelenk ist ein Mitbringsel ihrer Indienreise.

Die Öffentlichkeit für Menschen mit Behinderungen sensibilisieren

Nach der Trennung von ihrem Mann fand Ilse Ullmann über die DMSG, die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft, zur Zusmarshauser Selbsthilfegruppe Augsburg-West: „Hier erhielt ich Unterstützung für meine Erkrankung und meine persönliche Lebensgeschichte.“ Schon 2007 übernahm sie mit zwei Stellvertretern die Leitung. Aufklärung über MS, Informationen über Therapien, Hilfsmittel und die Verbesserung der Lebenssituation ist das Hauptziel Ilse Ullmanns und der Gruppe – aber auch, die Öffentlichkeit für Menschen mit Behinderungen zu sensibilisieren, „Barrieren abzubauen“. Dies geschieht auch bei den gemeinsamen Unternehmungen. Gerade wegen der Bewegungseinschränkungen der Teilnehmer erfordern diese eine langwierige Vorbereitung. Das nimmt Ilse Ullmann gern in Angriff.

Tagesausflüge etwa nach Oberstdorf zur Nebelhornbahn, Radlerausflüge mit auf die jeweilige Behinderung zugeschnittenen Fortbewegungsmitteln, ja sogar eine Dreitagesfahrt nach Brüssel ins Europäische Parlament wurden unternommen und heuer die Reise nach Wittenberg. Ein Foto dieser Reise zeigt drei lachende Teilnehmer auf ihren unterschiedlichen Gefährten, die ihnen Mobilität ermöglichen. Ilse Ullmann ist es ein besonderes Anliegen, MS-Patienten zum Benutzen der Hilfsmittel zu motivieren: „Dank dieser war einigen von uns trotz Gehbehinderung kein Weg zu weit!“

  • Die MS-Selbsthilfegruppe LebenskünstlerInnen Augsburg-West trifft sich jeden ersten Dienstag im Monat im Pfarrsaal Zusmarshausen, Kirchplatz 4, von 14 Uhr bis 16 Uhr.
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