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Dialekte

02.09.2013

Unverfälschten Dialekt gibt es heute kaum noch

Auf Leserwunsch kümmern wir uns heute um cimbrische Sprachinseln in Norditalien

Landkreis Augsburg „Schad’ is, dass wahr is...“ möchte man mit Carl Orff sagen, wenn man feststellen muss, dass es bei uns eigentlich niemanden mehr gibt, der unverfälscht Mundart spricht. Unsere heute übliche Sprechweise ist das Ergebnis einer Vermischung verschiedener Sprachen und Dialekte. Und es gibt die Übergangszonen wie in unserer Region entlang des Lechs.

Eine Zuordnung der Herkunft eines Gesprächspartners ist heute kaum mehr über seinen Dialekt, sondern eher über den Tonfall, den Akzent, die Melodie seiner Sprache möglich. Am verbreitetsten ist das Sprachmischmasch in Ballungsräumen. So sprechen Sprachwissenschaftler heute schon beispielsweise von einer speziellen Wiener und einer Münchner Mundart.

Wer ursprünglichen Dialekt entdecken will, muss sich Sprachinseln in fremden Ländern suchen. So gibt es im oberitalienischen Aosta-Tal zwei Dörfer, Gressoney und Issime, in denen alemannisch (walserdeutsch) gesprochen wird. Und dann sind da die cimbrischen Sprachinseln in den italienischen Provinzen Trient, Verona, Venetien und Belluno. Und dort redet man „tautsch“, einen prägermanischen, bairischen Dialekt. Ob die Cimbern, wie sie sich heute nennen, tatsächlich Nachfahren des gleichnamigen antiken germanischen Volksstamms sind, ist mehr als unwahrscheinlich. Vermutlich hat man in Italien die sich zwischen 1000 und 1100 n. Chr. in den unbewohnten Bergtälern ansiedelnden Menschen aus dem Norden, unserem Voralpenraum und Tirol eingedenk der Antike, einfach Cimbern – als Synonym für ein germanisches Volk – genannt. Heutzutage würden die Italiener vielleicht „nordisti“ sagen.

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Sprachlich ist die Verbindung zu unseren Mundarten eindeutig. So heißen etwa Dienstag und Donnerstag „Ertag“ und „Pfinztag“. Dass heute noch etwa 1000 Menschen diesen Dialekt sprechen können, ist bemerkenswert, und in einer der insgesamt rund 30 Gemeinden – in Lusern bei Trient – ist das Cimbrisch sogar noch die normale Umgangssprache. Obendrein gibt es sogar eine Fernsehsendung auf cimbrisch. Und das klingt in unseren Ohren eigenartig und fremd, wenngleich immer wieder Satzteile zu verstehen sind. Dabei hatte der bayerische Sprachforscher Johann Andreas Schmeller Mitte des 19. Jahrhunderts bereits das baldige Aussterben der Sprache befürchtet.

Nächste Folge Da das Cimbrische nicht nur die älteste heute noch gesprochene Form des Deutschen ist, sondern auch noch viele Verbindungen zu unseren Mundarten hat, werden wir dem Thema noch einmal in einer Woche – „darnaach anar bòchen“ – ein Kapitel widmen und einzelne Begriffe und Wörter anschauen.

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