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Technikrevolution

11.01.2020

VW-Digitalvorstand Christian Senger: "Auto wird zur Paketstation"

Christian Senger ist Digital-Vorstand des Autobauers Volkswagen.
Bild: Friso Gentsch, Volkswagen

Exklusiv Christian Senger will VW zu einer Software-Marke mit einmal gut 10.000 IT-Experten machen. Der Manager gilt als einer der deutschen Elektrofahrzeug-Pioniere.

Volkswagen-Chef Herbert Diess setzt voll auf Elektroautos. Diese radikale Strategie ist auch Ihr Baby. Was empfinden Sie als einer der Väter der VW-E-Offensive? Sie haben einst ja schon bei BMW mit an der Entwicklung der Elektroautos i3 und i8 gearbeitet.

Christian Senger: Die Entscheidung in der Marke Volkswagen, die elektrische ID.-Fahrzeugfamilie zu entwickeln, hat mich 2016 nach Wolfsburg geführt. Ich bin stolz darauf, wie entschlossen und tatkräftig wir die Elektromobilität im Unternehmen vorantreiben. Damals haben viele Außenstehende unsere Strategie eher kritisch kommentiert. Aber wir haben uns nicht beirren lassen. Das habe ich bei Volkswagen sehr schätzen gelernt. Ein so großer Konzern braucht immer etwas Zeit, um richtig Fahrt aufzunehmen. Aber jetzt geht es mit voller Kraft voran.

Was hat die beiden Oberbayern und Diplomingenieure Diess und Senger bewogen, trotz aller Skepsis in der Branche Elektroautos zu pushen?

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Senger: Eine Alternative zu konventionellen Antrieben ist nötig, um den CO2-Ausstoß der Fahrzeugflotte abzusenken. Daran führt kein Weg vorbei. Die Menschen erwarten von uns ein deutliches Zeichen, die Politik hat entsprechende Rahmenbedingungen gesetzt. Das müssen wir mit dem Anspruch von VW verbinden, individuelle Mobilität für möglichst viele Menschen verfügbar zu machen. Also stellt sich schlicht die Frage, welche alternativen Antriebsformen technisch sinnvoll und massentauglich sind. Das ist eindeutig die batterieelektrische Mobilität.

Und was ist mit der Brennstoffzelle?

Senger: Natürlich haben wir als Konzern auch andere Antriebsformen im Portfolio, zum Beispiel die Brennstoffzelle. Sie rentiert sich auf absehbare Zeit aber voraussichtlich eher im Schwerlastverkehr oder auf Langstrecken. Unsere Antwort ist deshalb das batteriebetriebene Auto.

Eine ähnlich radikale Strategie wie in der E-Mobilität verfolgen Sie jetzt als VW-Vorstand für Software im Fahrzeug. Volkswagen soll zu einem wichtigen Software-Unternehmen werden.

Senger: Software spielt die Schlüsselrolle im Auto der Zukunft. Dieses Auto ist voll vernetzt, wird mit Updates auf dem neuesten Stand gehalten, neue Funktionalitäten lassen sich freischalten und Apps individuell zusammenstellen. Wir haben beschlossen, eine einheitliche Software-Plattform für alle Marken und Modelle im Volkswagen Konzern zu entwickeln. Sie wird die leistungsfähige technische Basis für die Digitalisierung unserer Fahrzeuge. Software ist dabei besonders interessant, denn sie hat keine Stückzahlkosten, sondern nur Entstehungs- und Betreuungskosten. Mit mehr als zehn Millionen produzierten Konzernfahrzeugen pro Jahr wollen wir das nutzen, der Preis für Software je Fahrzeug soll deutlich sinken.

Schon heute ist ein Auto ein fahrender Großrechner. Die Software-Lösungen eines VW-Touareg etwa verfügen über 100 Millionen Code-Zeilen, zehnmal mehr als ein Smartphone und fünfmal mehr als ein Düsenjet.

Senger: Wir haben mittlerweile eine enorme Komplexität zu bewältigen. Allein in einem Fahrzeug der Marke Volkswagen steckten bislang rund 70 Steuergeräte mit Software von 200 Zulieferern. Alles muss aufwendig vernetzt werden, was viel Aufwand, Zeit und Geld erfordert. Bei uns im Konzern gibt es acht unterschiedliche Elektronikarchitekturen. Viel zu viele. Wir werden künftig deutlich mehr Software selbst entwickeln. Ein großer IT-Konzern hat ja auch nur eine und nicht acht unterschiedliche Suchmaschinen.

Zur Umsetzung der Strategie brauchen Sie reichlich heiß begehrte IT-Fachleute. Bekommen Sie die auch?

Senger: Ja. Die Automobilindustrie hat für viele IT-Fachkräfte einen besonderen Reiz, denn wir bieten faszinierende Jobs. Alleine in diesem Jahr stellen wir allein in Deutschland konzernweit rund 2500 IT-Experten ein. Außerdem bilden wir Software-Entwickler auch selbst aus. Die Entwicklung von Volkswagen hin zum softwaregetriebenen Automobilunternehmen passiert nur einmal, nämlich genau jetzt. Das begeistert viele Fachkräfte. Wir haben bereits jetzt rund 5000 Fachkräfte an Bord und wollen bis 2025 mehr als 10.000 Digitalexperten unter einem Dach zusammenführen.

Schafft VW wirklich den Sprung zum Software-Unternehmen? Die Amerikaner sind uns hier ja weit voraus.

Senger: Wir sind doch schon dabei und werden das vollenden. Wir sehen die Logik und Notwendigkeit, Software zu einer weiteren Kernkompetenz im Volkswagen Konzern zu machen. Mit Blick auf die Geschichte zeigt sich, dass Firmen der digitale Wandel oft deshalb nicht gelungen ist, weil sie den Wandel im Management nicht durchgetragen haben, zu wenig experimentiert haben oder nicht mutig genug waren. Wir haben diese Entschlossenheit.

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Bild: Oliver Killig, Volkswagen

Nun ziehe "Silicon-Valley-Geist" bei VW ein, haben Sie mal gesagt.

Senger: Wir wollen das Silicon Valley nicht kopieren. Aber wir sollten dem Schaffensgeist offen gegenüberstehen. Denn unsere bewährte Arbeitsorganisation aus dem Maschinenbau können wir nicht einfach auf Software übertragen. Auch deshalb bauen wir die Car.Software-Organisation auf.

VW als Software-Marke? Warum bedienen Sie sich nicht bei den Googles der Welt wie andere Autohersteller?

Senger: Wir sehen, dass große IT-Konzerne immer stärker ins Auto vordrängen. Das werden wir aber nur bedingt zulassen. Ich bin überzeugt, dass etwas anderes unseren Kunden auch gar nicht vermittelbar wäre. Wir müssen die Software-Plattform selbst entwickeln. Sie geht sehr tief ins Fahrzeug, verknüpft unter anderem Navigation und Entertainment mit weiteren Cockpit- und Karosseriefunktionen, Insassenschutz, Verkehrs- und Fahrzeugsicherheit, Management des Antriebs, Fahrperformance bis hin zu automatisiertem Fahren.

Ganz ohne US-Hilfe kommt VW aber nicht aus.

Senger: Wo es sinnvoll ist, arbeiten wir mit starken Technologiepartnern zusammen. Mit Microsoft zum Beispiel entwickeln wir die VW- Automotive-Cloud, die digitale Funktionen und Updates in das vernetzte Fahrzeug bringen wird. Aber mindestens 60 Prozent der Software im Auto sollen bis 2025 von uns kommen. Heute liegt unser Eigenanteil noch bei unter zehn Prozent.

Wollen Sie so verhindern, dass Volkswagen zu einem reinen Hardware-Lieferanten wird und die Googles mit Auto-Software abkassieren?

Senger: Die Digitalisierung des Autos, und das ist Software, wird in Zukunft immer mehr das Produkterlebnis bestimmen. Sie ermöglicht es uns auch, direkt mit unseren Kunden zu kommunizieren. Würden wir die Software komplett einkaufen, würden wir auch den Kontakt zu unseren Kunden verlieren.

Was bringt es Autofahrern, wenn sie in einem rollenden Smartphone sitzen?

Senger: Das Auto wird als sichere Privatzone zum digitalen Lebensraum. Es wird in den kommenden Jahren vieles möglich werden. Das Auto kennt sich in der Stadt aus, führt mich zu freien Parkplätzen und übernimmt die Bezahlfunktion. Künftig ist die Sprachbedienung der Normalfall. Wenn Sie Ihr Auto als Pendler nutzen und in dunklen Wintermonaten mehr Sicht durch ein adaptives Fernlicht wollen, schalten Sie die Funktion im Fahrzeug für die Wintermonate frei. Wenn das Fahrzeug steht, kann es zum Beispiel zur persönlichen Paketstation werden. Wer online bestellt, lässt seine Pakete direkt im Kofferraum ablegen. Für den Lieferdienst ist klar, wo das Auto steht, und nur der autorisierte Paketbote kann über eine App mit entsprechendem Code den Kofferraum öffnen und schließen.

Christian Senger, 45, ist Vorstand der Marke Volkswagen für Digital Car and Services und Chef der neuen Car. Software-Organisation im Volkswagen Konzern. Der ehrgeizige Diplomingenieur für Maschinenbau hat einst bei BMW gearbeitet. Bei BMW hatte Senger verschiedene Führungsfunktionen inne. Dort übernahm er 2010 die Leitung des Bereichs Produktkonzepte BMW i, also der Elektroauto-Sparte. 2012 ging Senger zum Autozulieferer Continental. Mit seinem Wechsel zur Marke Volkswagen im Jahr 2016 übernahm er die Leitung der Baureihe e-Mobility, also Elektro-Mobilität. Seit März 2019 leitet Senger als Mitglied des Vorstands der Marke Volkswagen Pkw das Ressort "Digital Car & Services". In Personalunion übernahm er diese Funktion auch auf Konzernebene. Senger ist verheiratet und hat vier Kinder. Mit seiner Familie lebt er zwischen München und Ingolstadt im Hopfenanbaugebiet. Aus dieser Region stammt der Oberbayer auch.

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11.01.2020

Wenn man das mit der Packetstation zuende denkt, dann könnte man das Auto der Zukunft gelb lackieren und an die Wand schrauben.

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