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Neusäß

16.04.2019

Verpasst Neusäß die Chance auf 150 Wohnungen?

Es gibt Kritik an den Plänen der Stadt Neusäß zu eine Gewerbegebiet. Könnten dort auch Wohnungen entstehen?
Bild: Marcus Merk

Die Stadt will in Zukunft erst Büros und Labors im Gewerbegebiet, dann Wohnungen. Doch daran gibt es Kritik.

Immobilienexperte Maurizio Siniscalchi hat von seinem Büro aus einen tollen Blick übers Gewerbegebiet Neusäß-Mitte. Doch was er heute dort sieht, ist nicht das, was er und seine Nachbarn sich vorstellen. Einige Grundstücke sind ungenutzt, auf anderen stehen ehemalige Betriebshallen, die nur noch als Lager genutzt werden.

Das müsste nicht so sein, meint er. Durch seine Kontakte zu Bauträgern könnten schon ganz schnell auf ungefähr 20000 Quadratmetern vielleicht 150 Wohnungen entstehen. Und das sei genau das, was die Stadt Neusäß jetzt brauche, ist Siniscalchi überzeugt. Nun fühlen er und seine Nachbarn sich ausgebremst durch die Pläne der Stadt, den Bereich zwischen Daimler-, Lohwald- und Gutenbergstraße weiterhin als Gewerbegebiet firmieren zu lassen. Die Anlieger um Maurizio Siniscalchi schlagen deshalb seit Monaten einen Kompromiss vor: Gewerbe im Bereich zur Daimlerstraße, mehr Wohnbau im Bereich der Gutenbergstraße. Seit Kurzem gibt es im Baurecht diese Möglichkeit des Urbanen Wohnens.

Viele der alten Firmen gibt es nicht mehr

Rückblende: Vor 50 Jahren hat Gerhard Birling in der Neusässer Benzstraße eine Maschinenbaufirma gegründet. „Damals war das hier noch ein Mischgebiet“, erzählt er. So seien im Laufe der Jahre nicht nur kleine und mittlere Firmen entstanden, sondern auch eine ganze Reihe von Betriebsleiterwohnungen. Obwohl längst im Ruhestand, wohnt Gerhard Birling in solch einer noch immer im heutigen Gewerbegebiet. „40 Jahre lang hat das Miteinander gut geklappt“, erzählt er. Doch jetzt sei das nicht mehr so. „Viele der alten Firmen gibt es längst nicht mehr.“ Stattdessen seien im Laufe der Jahre größere Unternehmen hinzugekommen. Neben denen zu wohnen, sei wegen verschiedener Belastungen nicht immer einfach. Manche arbeiten auch spät, sind laut oder haben Geruchsemissionen. Zudem gebe es Firmen, zu denen jeden Tag 50 oder 60 Lastwagen fahren würden, fügt Maurizio Siniscalchi hinzu.

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Kritik an den Plänen der Stadt

So könne der Plan der Stadt, vor allem Büros und Labors im Gefolge der Uniklinik anzusiedeln, nicht klappen, ist der Immobilienmakler überzeugt. Denn wer wolle schon sein schickes Büro in einem Bereich bauen, in dem Industriebrachen die andere Seite der Straße schmückten? Siniscalchi bringt noch ein Argument: „Wenn hier wirklich etwa 700 neue Arbeitsplätze entstehen, dann fehlen auch Wohnungen, vor allem im mittleren Standard mit 40 bis 45 Quadratmetern Größe. Neusäß hat auch überhaupt keine Studentenwohnungen“, beschreibt er einen ungenutzten Markt. Was ihn zudem ärgert: Nicht alle Grundstückseigentümer seien von der Entwicklungsgesellschaft CIMA zu ihren Plänen befragt worden. Sicher, die Umfragebögen hätten schon alle 255 Betriebe erhalten. „Aber so ein Blatt füllt halt nicht jeder aus“, gibt Siniscalchi zu bedenken.

Arbeit und Leben vereinbaren, das möchte auch der Stadtrat in Zukunft im Gewerbegebiet Mitte. Doch der Ausgangspunkt ist ein anderer. „Wir sind froh, dass wir beim Gewerbegebiet bleiben“, hatte CSU-Stadtrat Jörg Roehring bei einer ersten Vorstellung der Umfrageergebnisse durch die Beratungsgesellschaft im Planungsausschuss gesagt. Denn: Die bestehenden Unternehmen sollen in ihrer Existenz nicht gefährdet werden. Beim „Urbanen Wohnen“ wiesen inzwischen erste Gerichtsurteile darauf hin, dass das Zusammenleben auf diese Art gar nicht so einfach sei und Firmen einschränken könnte, warnte CIMA-Geschäftsführer Christian Hörmann den Stadtrat. Stattdessen könne es in Zukunft gemischte Nutzungen von Büro- und Wohngebäuden geben: unten Gewerbe, oben Wohnungen oder Hotels.

Wenn jetzt in die Höhe gebaut werde, könne aber genau das die Lebensqualität in Neusäß-Mitte weiter einschränken, befürchtet die Seniorchefin einer Estrich-Firma, Brigitte Wenzl. Was hinzukomme: „Wir brauchen hier viel mehr Parkplätze“, sagt sie. Gerhard Birling hat gar das Gefühl, nicht mehr willkommen zu sein. „Wenn ich könnte, würde ich weggehen.“

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