Dialekte

28.04.2014

Vom Bolandi zum Depp

Unsere Serie über sprachliche Besonderheiten befasst sich heute mit einfältigen Menschen

Im Norden der Republik heißt es Trottel oder Tölpel, bei uns und auch in Österreich und der Schweiz sagt man vornehmlich Depp und meint damit nicht den amerikanischen Schauspieler. Der Duden zählt noch eine ganze Reihe weiterer Begriffe auf, die alle letztlich das Gleiche meinen, nämlich einen Zeitgenossen, der ein wenig dumm, blöd, einfältig ist.

Dem besorgten Deutschen mögen sich zwei wesentliche Fragen aufdrängen: Lässt gar die hohe Anzahl an Synonymen für jene Minderbemittelten einen Rückschluss auf das tatsächliche Vorkommen dieser Spezies zu? Das wäre schon fatal. Ebenso fragt man sich, warum es nur männliche Trottel und Deppen gibt – wohl gemerkt sprachlich betrachtet …

Bemerkenswert ist, dass hinter Depp und Trottel ähnliche Vorstellungen stehen, nämlich ungeschicktes Bewegen. Einmal ist es das Tapsen oder Tappen mit den Händen, das dem Deppen seinen Namen gegeben hat. Das andere Mal ist es das Trotten als unsicheres Gehen, das für den Trottel Pate steht. Beim schleswig-holsteinischen Tölpel dagegen ist die Herkunft unklar.

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Sowohl unsere Umgangssprache als auch die Mundart kennen noch weitere Begriffe für Deppen. So sagte man früher halt nicht oder eher selten „ich mach dir doch nicht den Deppen“. Nein, unzumutbare Forderungen wehrte man im Dialekt entrüstet ab beispielsweise mit „ich bin doch nicht dein B/Polandi“ – im Schwäbischen hieß der „Bolandi“ auch schon mal „Bollante“.

Es ist ein alter Begriff, der dankenswerterweise in Vorabendserien des Bayerischen Fernsehens ab und an wieder auftaucht und obendrein auch schon zu literarischen Ehren gelangt ist, und zwar im „Brandner Kaspar“. Da klagt der Boandlkramer (also der Tod), er sei der „Bolandi“, also der Depp, bei diesem Kartenspiel mit dem überschlauen Sterbeunwilligen.

Spannend ist die Herkunft dieses auch im Fränkischen bekannten Begriffs. So vermutet man etwa, dass sich dahinter die Bezeichnung für italienische (Eisenbahn-)Arbeiter verbirgt, die immer „Polenta“ (Maisbrei) gegessen haben.

Eine andere Erklärung ist die Herkunft aus dem rumänischen und ungarischen Sprachraum, wo „boland“ weich und sanft, aber eben auch ohne Rückgrat und insofern Hanswurst bedeutet. In unseren Sprachraum könnten es fahrende Händler gebracht haben, auch ein Einfluss über das Jänische scheint plausibel zu sein.

In der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts hat die bayerische (Stadt-)Jugend locker vom Hocker „ich bin doch nicht der Gackerer Alois“ formuliert, wenn ein Spezi versucht hat, einen auszunutzen. Und da gab es dann auch noch den „Schaschlik-Pauli“, der in solchen Situationen umgangssprachlich bemüht wurde.

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