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Dialekte

03.01.2012

Von Hoi bis Öha ist’s nicht so weit

In dieser Folge unserer Serie über regionale Feinheiten der Sprache widmen wir uns den Äußerungen des Erstaunens sowie Begriffen für Kleidungsstücke

Landkreis Augsburg Oft sind es kleine Wörter, die es in sich haben, soll heißen, die viel, auch Gegensätzliches bedeuten können. Das heute noch in Schwaben gebräuchliche „hoi“ gehört zu diesen Wörtern. Und es kommt angeblich aus dem Holländischen. Dass es mit dem bairischen „öha“ verwandt ist, scheint wahrscheinlich.

Beide sind Ausrufe der Verwunderung, des Erstaunens im positiven, aber auch im negativen Sinn, können sowohl anklagend wie verzeihend gemeint sein – der Ton macht eben die Musik: Hoi, kannst nicht aufpassen, oder hoi als simple Entschuldigung, wenn man jemanden auf den Fuß getreten ist. Und der Oberbayer entschuldigt sich gelegentlich auch mit einem meist grantigen und keinen Widerspruch duldendem Öha oder Äha. Was letztlich saugrob ist und wohl auch so gemeint ist ... Und so kann es durchaus sein, dass das Auspacken eines Weihnachtsgeschenks von einem Hoi oder Öha begleitet wurde: Hoi, ein neuer Kittel, oder Äha, ein neues Sakko. Gefällt es nun oder nicht? Mundart hat was mit Sprechen zu tun, und da heißt es eben die Ohren spitzen.

Dass Kittel im Schwäbischen auch ein Jackett sein kann, musste der Autor auch erst lernen. Da war Nachfragen angesagt, als ihm ein junger Mitarbeiter vor Jahren erzählte, er habe sich einen neuen Kittel fürs Büro gekauft. Einen Arbeitsmantel? Nein, natürlich nicht. Wär auch verwunderlich gewesen, da der junge Mann durchaus auf korrekte Kleidung im Geschäftsleben achtet.

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Heute sprechen wir beiderseits des Lech eigentlich (und leider) nur noch von Bekleidung oder salopp Klamotten. Kaum einer kennt geschweige denn nutzt noch das früher im Schwäbischen gebräuchliche Hääß, dessen Herkunft weitgehend im Dunkeln ist. Weit mehr wird dagegen heute noch das bairische Wort Gwand genutzt. Etliche Varianten allerdings sind auch schon in Vergessenheit geraten, Gwambs zum Beispiel. Ursprung des Gwands ist wohl das Wort wenden, so jedenfalls die Sprachforschung.

Das Wort Hääß oder Häs hat in den Medien im Zusammenhang mit der alemannischen Fasnacht überlebt. Der Hästräger ist eine Figur, eine Person, die ein Leben lang die gleiche Verkleidung während der Fasnacht wählt.

Die Fasnacht, der Fasching und der Karneval – drei Begriffe (und Weltanschauungen?), die Deutschland dreiteilen. Da ist der Südosten mit dem zwischen Wien und München gebräuchlichen Wort Fasching. Nach Westen und auch Norden zu heißt es Fasnacht in vielen sprachlichen Varianten. Und den Rhein rauf herrscht zwischen Mainz und Düsseldorf alljährlich der Ausnahmezustand namens Karneval. Dessen sprachliche Herkunft ist klar: Fleisch ade ...

Dem gegenüber sind die Ursprünge von Fasnacht und Fasching etwas nebulös. Das mag auch daran liegen, dass hier christliche und heidnische Bräuche miteinander verschmolzen sind. Wussten Sie eigentlich, dass im Rheinland überdurchschnittlich viele Geburten neun Monate nach Karneval statistisch registriert werden?

Der Clou zu Schluss: Es scheint möglich, dass sowohl die Herkunft der Wörter Fasnacht als auch Fasching durchaus mit heidnisch-germanischen Fruchtbarkeitsritualen und sexuellen Ausschweifungen in Verbindung gebracht werden kann – es gibt also recht wenig Anlass, sich über das Rheinland lustig zu machen.

Nächstes Mal beschäftigen wir uns

unter anderem mit Brot und Semmeln.

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