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Landkreis

17.04.2015

Wackelige Beweise

Justitia hat entschieden.
Bild: Archiv

Im Vergewaltigungs-Prozess wird der Angeklagte freigesprochen: Die Beweise sind dem Gericht zu wackelig.

Job verloren, Wohnung weg, Ruf ruiniert: „Sie hat mein Leben zerstört“, sagt der Angeklagte, als er das letzte Wort hat. Eine Stunde später wird er freigesprochen. Die Beweise sind dem Schöffengericht unter dem Vorsitz von Richter Walter Hell zu wackelig, man sei an die Grenzen der Wahrheitsfindung gelangt. „Wir wissen nicht, was wirklich war“, sagt Hell. Er betont: „Wir behaupten nicht, dass die Geschädigte gelogen hat. Oder der Angeklagte.“ Hell bittet darum, jetzt keinen Krieg auf dem Rücken des gemeinsamen Sohnes zu führen. Tatsächlich geht es in einem weiteren Prozess um das Sorgerecht.

Mit einer Verurteilung hätte der 30-Jährige denkbar schlechte Karten gehabt, seinen Sohn wiederzusehen. Im Raum stand immerhin eine hohe Strafe: Staatsanwältin Morhart forderte eine Freiheitsstrafe von drei Jahren und zehn Monaten wegen vorsätzlicher Körperverletzung in zwei Fällen, Vergewaltigung, Bedrohung, Beleidigung und versuchter Nötigung. Auf einen Freispruch plädierte Verteidiger Muzaffer Baylan aus Stuttgart. Er hatte temperamentvoll für seinen Mandanten gekämpft, um zu zeigen: Der Mann hatte nicht wie vorgeworfen vor einem Jahr seine Frau vergewaltigt, der damals Schwangeren wiederholt in den Bauch geboxt und sie bedroht.

Dass es Spannung in der Beziehung gab, wurde schon von Beginn der Verhandlung deutlich. Oft gab es Streit, vor allem auch wegen der Familien des Ehepaars. Nun gab es ein Wiedersehen vor Gericht: Viele Familienangehörige sagten als Zeugen aus und sollten klären, was sich im Juni vergangenen Jahres in einer Gemeinde im westlichen Landkreis zugetragen hatte. Dorthin waren der Angeklagte und Verwandte gereist, nachdem seine Frau die gemeinsame Wohnung in Österreich fluchtartig verlassen hatte und wieder zu ihren Eltern gezogen war. Sie wollten sehen, wie es der Frau und dem Nachwuchs geht. Im Verlauf des Treffens, das mit einem Wortgefecht endete, soll dann der Mann gedroht haben: „Entweder Du nimmst die Anzeige zurück, oder ich bringe Dich um.“ Mit dem Handy wurde heimlich eine Aufnahme gemacht. Sie wurde vor Gericht abgespielt – von einer Drohung gegenüber der Frau war nichts zu hören. Die Aufnahme für nicht verwertbar hielt die Vertreterin der 31-Jährigen, Sabine Färber-Fröba. Sie könnte manipuliert worden sein, ein Sachverständiger hätte hinzugezogen werden müssen, sagte sie. Verteidiger Baylan hielt in seinem fast einstündigen Plädoyer dagegen: Die Aufnahme dürfe nach einem Urteil des Bundesgerichtshof sehr wohl verwertet werden, schließlich gehe die Wahrheitsfindung vor. Tatsächlich spielten die Aufnahme für das Schöffengericht eine Rolle – weil sie zugunsten des Angeklagten sprachen, führte der Vorsitzende Richter Walter Hell in der Urteilsbegründung aus. Hätte die Aufnahme den 30-Jährigen überführt, dann wäre sie als Beweis nicht zulässig gewesen. Der Verteidiger zerpflückte die Aussagen der Frau, die bereits zwei Ehen hinter sich hatte, um festzustellen: Es gibt eine Reihe von Widersprüchen. Als „aberwitzige Vorwürfe“ bezeichnete Rechtsanwältin Färber-Fröba die Versuche, ihre Mandantin als „Lügnerin“ darzustellen. Sie attestierte ihr eine in nahezu in allen Punkten widerspruchsfreie Aussage. Sie habe auf alle Fragen schonungslos-ehrlich geantwortet.

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