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Kreis Augsburg

07.10.2017

Waldemar N., ein Doppelmörder? Für seine Freunde unvorstellbar

Waldemar N. ist am dritten Tag des Mordprozesses 32 Jahre alt geworden.
Bild: Marcus Merk

Alle Indizien sprechen dafür, dass Waldemar N. zwei Nachbarinnen ermordet hat. Seine Freunde berichten nur Gutes über ihn. Doch manches passt nicht ins Bild.

Nach dem Prozess sitzen sie noch zusammen. Im Café neben dem Strafjustizzentrum. Sie können es noch immer nicht glauben, dass der Waldi, wie sie ihn nennen, ein Doppelmörder sein soll. Einer, der wegen ein paar tausend Euro seine Nachbarinnen mit Dutzenden von Messerstichen niedergemetzelt haben soll. Es ist Freitagmittag, der dritte Termin im Mordprozess gegen Waldemar N. ist gerade zu Ende gegangen. Es ist der 32. Geburtstag des Angeklagten. Und es ist der Tag, an dem seine engsten Freunde aussagen mussten.

Was sie als Zeugen vor Gericht zu erzählen hatten, das passt nicht ins Bild eines habgierigen, kaltblütigen Mörders. Es entsteht das Bild eines harmlosen jungen Mannes, dem Familie und Freunde wichtig sind. Der sich für Krafttraining, Frauen und seinen PS-starken 3er-BMW interessiert. Ein Freund aus Schulzeiten an der Gersthofer Hauptschule sagt: „Ich kenne ihn nur als sehr guten Menschen. Hilfsbereit. So wie man sich einen richtigen Freund vorstellt.“ Ein anderer Freund seit Schultagen antwortet auf die Frage, was für ein Typ der Angeklagte sei: „Er ist einer der nettesten und ehrlichsten Menschen, die ich je getroffen habe.“ Ein Cousin beschreibt Waldemar N. als einen Familienmenschen, „sehr loyal, sehr hilfsbereit, sehr zuvorkommend“.

Freunde nennen ihn ruhig und unauffällig

Die Freunde gingen öfter gemeinsam abends aus. In der Augsburger Maximilianstraße waren sie gerne unterwegs. Einer sagt: „Wir hatten zusammen viel Spaß.“ Einhellig umschreiben die Freunde den Angeklagten als ruhig und zurückhaltend. Als einer, der Konflikten aus dem Weg geht. Waldemar N. sei in der Clique derjenige gewesen, der beruhigend eingegriffen habe, wenn beim Weggehen mal ein Streit drohte. Noch Ende November vorigen Jahres, kurz vor der Tat, traf sich Waldemar N. mit Freunden. Alles schien normal. Am 6. Dezember bestand er die Meisterprüfung. Und am 12. Dezember verschickte er über den Nachrichtendienst WhatsApp noch ein Scherzbild, auf dem nackte Frauen zu sehen sind, an Bekannte.

Die Ermittler gehen davon aus, dass Waldemar N. schon zum Mörder geworden ist, als er die Spaßnachricht verschickt. Dass er Beate N., 50, und Elke W., 49, ein lesbisches Paar, am Morgen des 9. Dezember 2016 in ihrer Wohnung im Gersthofer Ortsteil Hirblingen überfallen und mit einer Vielzahl von Messerstichen umgebracht hat. Später soll er von den Konten der Frauen insgesamt rund 5000 Euro abgehoben haben. Die Leichen soll er in der Nähe von Hirblingen, auf einem Feld neben der Schmutter vergraben haben.

Die Nachbarinnen kannte Waldemar N. seit Jahren. Sie waren gute Freundinnen der Familie. Die Mutter des Angeklagten kümmerte sich um die Wohnung und um die Katzen, wenn die Frauen weg waren. Beate N. und Elke W. waren bei Familienfesten häufige Gäste, auch an Weihnachten feierte man schon mal zusammen. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass Waldemar N. wütend auf die Nachbarinnen war. Er habe nur positiv über sie gesprochen, erzählt eine Frau – groß, schlank, blond –, die mit dem Angeklagten von 2012 bis 2015 liiert war. „Er sagte, dass sie so toll sind, dass er sie gern hat.“ Er ließ auch keinen Neid erkennen auf die Nachbarinnen, die finanziell ganz gut dastanden.

Was war das Motiv?

Doch warum hat er die Frauen dann, und daran besteht für die Ermittler so gut wie kein Zweifel, mit Messern so schlimm zugerichtet? Habgier steht als Motiv in der Anklageschrift. Doch das alleine kann es eigentlich nicht gewesen sein. Die vielen Messerstiche sprechen eine andere Sprache. Sie erzählen viel eher von Hass, Wut, Kontrollverlust. Dass es womöglich einen anderen Waldemar N. gibt, einen, der weitaus weniger nett und zurückhaltend ist, schimmert immer wieder durch.

Eine 26-Jährige, die vor einigen Jahren mit dem Angeklagten eine lose Beziehung führte, beschreibt ihn auch von einer anderen Seite. Beim Sex habe er „schon mal fester zugehauen“. Als er ihr aus dem Urlaub eine Peitsche mitbrachte, habe sie das als sexuellen Wunsch verstanden. Als er betrunken war, sei er einmal richtig wütend geworden. Er habe mit der Faust gegen die Tür geschlagen, hinter der sie sich versteckte. Er habe sie auch mal „Schlampe“ genannt und Homosexuelle als „scheiß Schwule“ bezeichnet. Er habe ihr erzählt, sagt die Frau, dass er manchmal absichtlich rasant mit dem Auto an der Polizei vorbeifahre, um eine Kontrolle zu provozieren. „Die Bullen können mir gar nichts“, soll er gesagt haben. Er kenne seine Rechte.

Die Ex-Freundin, die drei Jahre mit Waldemar N. zusammen war, erzählt, er habe sich mit der Zeit stärker mit Verschwörungstheorien beschäftigt. Er sagte Dinge, die zur „Reichsbürger“-Bewegung passen. Deren Anhänger erkennen die Bundesrepublik nicht an. Die Freundin erzählt: „Er interessierte sich dafür, dass man keine Steuern zahlen muss, dass man kein Gericht akzeptieren muss und dass es keine Beamten gibt.“ Er informierte sich auf der Internetseite des Kopp-Verlags, der sein Geld vor allem mit Sachbüchern voller Weltuntergangsszenarien und Verschwörungstheorien verdient. Im Internet veröffentlichte er im Sommer 2016 einen Text, der eine düstere Vision von einer Islamisierung Deutschlands schilderte. Und einem Freund sagte er mal, er könne ihm eine Waffe besorgen, wenn er in diesen Zeiten eine brauche.

Doch einen Doppelmord erklärt das alles noch immer nicht. Die Indizien sind erdrückend. Diverse DNA-Treffer und andere Spuren lassen eigentlich keinen anderen Schluss zu, als dass er der Mörder ist. Erklärungen könnte nur Waldemar N. selbst liefern. Aber er schweigt weiterhin.

Am Montag soll der Prozess fortgesetzt werden.

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