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Kreis Augsburg

19.04.2016

Warum Masern eine unterschätzte Gefahr sind

Der Diedorfer Kinderarzt Martin Lang warnt vor dem Virus und hält gleichzeitig nichts von Impfpflichten.
Bild: Lukas Schulze (dpa)

Die Masern stehen im Mittelpunkt der bayerischen Impfwoche. Ein Diedorfer Kinderarzt erklärt, wie gefährlich das Virus ist – und warum er trotzdem gegen die Impfpflicht ist.

Eigentlich sollten die Masern in Europa schon seit einigen Jahren ausgerottet sein. Dass die Weltgesundheitsorganisation diesen Termin von 2015 auf 2020 verschoben hat, liegt an der Impfskepsis, die sich in den vergangenen Jahren breit gemacht hat. Der Diedorfer Kinderarzt Martin Lang, der in seiner Augsburger Praxis pro Quartal 2500 Patienten versorgt, sagt: „In der Generation der jungen Frauen zwischen 25 und 40 Jahren haben 40 Prozent keinen ausreichenden Impfschutz.“ Also der Anteil der Frauen, bei dem eine Schwangerschaft am wahrscheinlichsten ist. Insgesamt sind demnach nur knapp 90 Prozent der Bevölkerung gegen Masern geimpft – viel zu wenig, um den sogenannten Herdenschutz zu erzeugen. Diesen bezeichnet die Medizin als den Effekt, der auftritt, wenn eine Immunität so verbreitet ist, dass auch nicht-immune Menschen geschützt sind.

Masern sind keine harmlose Kinderkrankheit

„Dafür wäre ein allgemeiner Impfschutz von 94 Prozent nötig“, sagt Lang, der auch Landesvorsitzender des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) ist. Laut Auskunft des bayerischen Gesundheitsministeriums gibt es große Impflücken in Deutschland – vor allem bei Erwachsenen, die nach 1970 geboren sind. Im Rahmen der bayerischen Impfwoche, die seit gestern und noch bis Sonntag läuft, soll deswegen ein Schwerpunkt auf die Masernimpfung gelegt werden. Im vergangenen Jahr wurden in Bayern insgesamt 164 Masern-Erkrankungen registriert. Im Landkreis wurde 2015 nur ein Erkrankungsfall gezählt. In den Jahren 2013 und 2011 waren es acht Fälle, der Durchschnitt liegt bei zwei Infektionen.

Dass Masern vor allem bei Impfgegnern im Ruf stehen, eine harmlose Kinderkrankheit zu sein, sei ein schrecklicher Irrtum, so Lang: „Vor allem Kinder unter drei Jahren sind eine Hochrisikogruppe.“ Eine schwere Komplikation der Maserninfektionen ist eine akute Gehirnentzündung, an der fast jedes dritte Kind stirbt. Ein weiteres Drittel übersteht die Krankheit, behält aber bleibende Hirnschäden. Das Risiko, an der tödlichen Spätkomplikation SSPE zu erkranken, beträgt bei Kindern unter fünf Jahren 1 zu 3500. Diese fortschreitende Entzündung des Gehirns und des Nervensystems ist tödlich und betrifft vor allem Kinder, die im ersten Lebensjahr an Masern erkrankt sind. Sie tritt erst Jahre später auf. Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml bezeichnete die Masern deswegen als eine der „ansteckendsten Viruskrankheiten der Welt“.

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Lang: Mit den Pflichten steigen die Vorbehalte

Woran es liegt, dass sich immer mehr Menschen gegen eine Impfung sträuben, lasse sich nur schwer sagen, so Lang: „In den vergangenen Jahren haben wir zunehmend Impfängste der Eltern.“ Das Problem für ihn sei, dass Impfgegner Argumenten oft nur schwer zugänglich seien: „Die vermeintlichen Komplikationen können oft widerlegt werden, während die Krankheitsfälle verdrängt werden. Es geht viel um Emotionen und um eine Ideologie.“

Doch Masern sind nicht die einzige Krankheit, derer man mithilfe einer flächendeckenden Impfung Herr werden könnte. Auch die Auswirkungen von Mumps und Röteln würden laut Lang meist unterschätzt – und könnten mithilfe eines kombinierten Impfstoffes gezielt bekämpft werden. Von einer Impfpflicht, wie es sie etwa in Frankreich gibt, hält Lang nichts: „Je mehr die Pflichten steigen, desto größer werden die Vorbehalte der Impfgegner. Wir müssen an den gesunden Menschenverstand appellieren.“ Dazu gehöre es, dass Impfstoffe zu den am besten getesteten Medikamenten gehören.

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