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Dinkelscherben

14.12.2020

Warum Wolfgang Pentz Weihnachten im Flüchtlingscamp auf Lesbos verbringt

Geschafft: Auch Katastrophenhelfer brauchen mal eine Pause. Wolfgang Pentz aus Dinkelscherben bei seinem jüngsten Hilfseinsatz auf Lesbos. Am Mittwoch kehrt er wieder dorthin zurück, um beim Aufbau eines Flüchtlingslagers zu helfen.
Bild: Rotes Kreuz

Plus Hygieneexperte Wolfgang Pentz aus Dinkelscherben ist immer wieder an den Brennpunkten der Welt im Einsatz. Am Mittwoch fliegt er nach Lesbos, um beim Aufbau eines neuen Flüchtlingscamps zu helfen.

Wolfgang Pentz aus Dinkelscherben ist erst am 30. November nachhause gekommen. Gut zwei Wochen später, am Mittwoch, fliegt er schon wieder nach Lesbos. Natürlich findet er es schade, an Weihnachten nicht bei seiner Familie sein zu können, Pentz sagt aber: "Im Katastrophenschutz kann man nicht sagen, nein, jetzt ist es mir zu heiß oder zu kalt." Das Personal sei abgeordnet und er will seine Kollegen nicht im Stich lassen.

Der Dinkelscherber ist schon seit vielen Jahren für das Rote Kreuz rund um den Erdball im Einsatz. Er arbeitet in einer der wichtigsten Sparten der Katastrophenhilfe: der Hygiene. Grundsätzlich kümmert er sich um alles, was mit Wasser und Sauberkeit zu tun hat. In Kara Tepe, dem Camp, das als Ersatz für das umstrittene und heuer abgebrannte Lager Moria errichtet wurde, gibt es für ihn noch einiges zu tun. Das Ziel ist es, "bestmögliche Bedingungen für den Winter zu schaffen". In dem Flüchtlingscamp leben aktuell 7300 Menschen. Laut Pentz sind die meisten Frauen und Kinder.

Neue Wasserhähne und -Tanks errichtet

Bisher haben die Helfer schon einiges erreicht. Das Rote Kreuz hat zum Beispiel acht Wasserentnahmestellen errichtet. Dafür wird eine große Betonplatte mit Zu- und Ablauf in den Boden gegossen. Die "Tabs", also die Wasserhähne, stehen jetzt nicht mehr auf dem blanken Erdboden und sind überdacht. Auch die Toilettenanlagen haben Pentz und seine Kollegen erneuert. Außerdem wurden neun Wassertanks aufgebaut und ertüchtigt.

Hygieneexperte Wolfgang Pentz aus Dinkelscherben gibt Anweisungen. Er plant und verbessert die Wasserversorgung und Einrichtungen im Flüchtlingscamp Kara Tepe auf Lesbos.
Bild: Rotes Kreuz

Im nächsten Schritt wollen die Helfer Wasser und Abwasser des Camps an das Netz der Stadt Mytilene anschließen. Beim Gespräch mit unserer Redaktion zeigt Pentz einen Plan des Geländes. Die Frischwasserleitung soll angezapft und das Wasser auf einen Hügel gepumpt werden. Von dort aus könnte man es über ein Leitungssystem im gesamten Flüchtlingscamp verteilen.

Lastwagen sollen warmes Wasser bringen

Einige Maßnahmen, die zum Teil abgeschlossen sind und zum Teil noch laufen, sind besonders wichtig in der Vorbereitung auf den Winter: Zum einen will das Rote Kreuz den Geflüchteten im Camp regelmäßig die Möglichkeit geben, warm zu duschen. Mobile Duschhäuschen sind bereits angeschafft und Leitungen verlegt. Das warme Wasser wird voraussichtlich in Trucks angeliefert und hat dann 37 Grad.

Zum anderen haben Helfer des Roten Kreuzes die Zelte winterfest gemacht. Dazu gehören Paletten am Boden, die vor stehendem Regenwasser und Bodenkälte schützen. Außerdem wurden die Planen verstärkt und zusätzlich isoliert. Pentz geht in diesem Zusammenhang auf die Bilder des überschwemmten Camps ein, die vor einigen Monaten durch die Presse gingen. Auf der Karte des Lagers umkreist er einen kleinen Bereich direkt am Meer.

Planungsfehler sorgte für Überschwemmungen

In seinen Augen war die Überschwemmung der Zelte auf einen Planungsfehler zurückzuführen. "Hier kann nichts unterirdisch abfließen und irgendwo muss das Wasser hin", sagt er. Die Helfer haben die Zelte aus der Überschwemmungszone entfernt und Gräben ausgehoben, die für einen kontrollierten Ablauf des Regenwassers ins Meer sorgen sollen.

Isabella Schreiner arbeitet ehrenamtlich auf Lesbos in einem Flüchtlingscamp und sammelt Wärmflaschen für die Bewohner, da die Zelte nicht beheizt sind.

Pentz schildert auch die Stimmung im Camp: Er habe den Eindruck gewonnen, dass es den Menschen den Umständen entsprechend gut gehe. Körperlich seien alle gesund und auch die Corona-Station des Flüchtlingscamps sei in der Zeit, die er bisher in Griechenland verbracht hat, nicht überlastet gewesen. Der Umgang sei zivilisiert, er habe keinen Konflikt beobachtet, der über eine Rangelei unter Jugendlichen hinausgeht, erklärt Pentz, betont aber: "Es ist ein Camp und es sollte eine Aufnahme auf Zeit sein." Er hat ein Gespür für die Sorgen derer bekommen, die schon Jahre in unterschiedlichen Einrichtungen festsitzen: "Die haben alle eine Vorgeschichte, sie zurückzuschicken wäre ihr Todesurteil. Was denkt sich ein Familienvater in dieser Situation?"

Wolfgang Pentz hat einen klaren Standpunkt zur politischen Diskussion über die Geflüchteten: "Wir leben in einem Rechtsstaat, da ist klar geregelt, wer Asyl bekommt." Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung sei die Zahl der Geflüchteten in Kara Tepe und anderen Camps gering. Eine Aufnahme der Asylberechtigten sollte in seinen Augen möglich sein. "In unserer schönen Gesellschaft kann man sich das leisten, es muss nur ordentlich organisiert werden", betont der Dinkelscherber.

Warum es im Flüchtlingslager Moria zur Katastrophe kam

Der Katastrophenhelfer hatte auch Gelegenheit, sich das Gelände des berühmt-berüchtigten Flüchtlingscamps Moria anzuschauen. Bulldozer haben alle Zelte und Aufbauten mittlerweile weggeräumt, Pentz' geschultes Auge sah trotzdem einen geeigneten Standort für ein Camp, vor allem mit Blick auf die Wasserversorgung. In seinen Augen waren die Frischwasserversorgung und das Abführen des Regenwassers in der ehemaligen Kaserne kein Problem. "Dass die Situation dort eskaliert ist, kann nur daran liegen, dass viel zu viele Menschen in Moria untergebracht wurden", sagt er. Als Moria abbrannte, lebten in dem Lager, das für 2800 Menschen konzipiert war, über 12.000 Geflüchtete.

Wolfgang Pentz inspiziert eine der Betonplatten, die das Rote Kreuz zur Verbesserung der Wasserversorgung gegossen hat. Es fehlen noch die Wasserhähne und ein Dach.
Bild: Rotes Kreuz

Pentz kann auf viele Jahre Erfahrung zurückblicken. Deshalb weiß er auch, dass die Zustände in Kara Tepe deutlich besser sind als in den Flüchtlingscamps außerhalb der Grenzen der Europäischen Union. Er kennt zum Beispiel das Camp im bosnischen Bihać, wo die Situation "viel schlimmer" sei, was in den Medien aber kaum thematisiert werde.

Alles in allem ist der Dinkelscherber vor seinem erneuten Einsatz in Griechenland "guter Dinge". Er freut sich auch schon auf die Kollegen, die über die Jahre der gemeinsamen Einsätze zu Freunden geworden sind. Auch seinem Arbeitgeber, der MAN, ist er dankbar, dass die Firma seine Einsätze immer wieder ermöglicht und ihn zum dritten Mal dieses Jahr gehen lässt. Im Frühjahr hatte er schon beim Aufbau einer Corona-Hilfsstation bei Germersheim geholfen.

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