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Kreis Augsburg

23.07.2017

Warum sich nur wenige Deutschtürken zur Politik in der Türkei äußern

Özcan Celep war heuer bereits in der Türkei und berichtet von einer angespannten Situation.
Bild: Andreas Lode

Die türkische Gemeinschaft spaltet sich in zwei Lager - auch in der Region. Warum sich seit dem Putschversuch nichts daran ändert und politische Diskussionen abgenommen haben.

Zwei Mal in der Woche stehen sie sich gegenüber: Die Befürworter von Staatschef Recep Tayyip Erdogan und seine Gegner. Was sie verbindet? Sie spielen zusammen Fußball beim VfR Foret. Das Zusammenspiel der beiden politischen Lager klappe deshalb, weil das angespannte Verhältnis in der Türkei auf dem Rasen keine Rolle spiele, sagt Ayhan Korkmaz. Der Vorsitzende des Vereins erklärt: „Als Gemeinschaft stehen wir darüber, es geht nur um den Sport.“

Im Alltag jedoch bekommt Korkmaz die Debatte um die angespannte Lage der beiden Länder genauso mit wie seine Tochter in der Schule oder seine Frau beim Arztbesuch. Der 39-Jährige ist in Deutschland aufgewachsen. Bei der Diskussion möchte er sowohl im Verein als auch privat neutral bleiben. „Ich will positiv in die Zukunft gehen“, sagt er. Die Hetze der Regierung in der Türkei findet er dennoch nicht gut.

Nach wie vor gibt es auch im Landkreis nur wenige kritische Stimmen, die sich zum Thema äußern wollen. Viele trauen sich nicht über die Politik Erdogans zu sprechen. Özcan Celep gehört nicht dazu. Der Gersthofer sitzt für die Grünen im Stadtrat und hat eine klare Meinung zur aktuellen Lage in seinem Heimatland. „Jahrelang hat das Miteinander gut geklappt, jetzt gibt es fast keine politische Diskussionen mehr.“

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Celep wurde sogar körperlich angegangen

Celep bedauert, dass oft nur in zwei Kategorien gedacht werde: Schwarz oder weiß. „Die Kompromissbereitschaft in beiden Lagern fehlt“, sagt Celep. Deshalb sei er mittlerweile übergegangen, Gespräche zu diesem Thema zu vermeiden. In seinem Freundeskreis habe er teils Kontakte abgebrochen, auch unter Nachbarn „wird kaum mehr miteinander gesprochen.“ Schon in der Vergangenheit übte Celep heftige Kritik sowohl an der Gülen-Bewegung, die sich gegen Erdogan richtet, als auch am Vorgehen der türkischen Regierung. Dafür wurde der Kurde und Alevit heftig angegangen, sogar körperlich bedroht.

erdogan
19 Bilder
Tausende Erdogan-Anhänger gedenken des Putschversuchs vor einem Jahr
Bild: Ozan Kose/Yasin Akgul/Tolga Adanali/Emrah Gurel/Byron Smith

Dass die Menschen nicht offen miteinander reden können, bedauert der Stadtrat: „Gerade Gegner halten sich zurück und wollen sich nicht rechtfertigen.“ Das treffe sowohl in Gersthofen, als auch in der Türkei zu. Dort war er heuer bereits zwei Mal und berichtet: „Die Angst vor Ort ist groß, weil niemand weiß, wie es in der Zukunft weitergeht.“ Auslöser für die verschärfte Lage in vor Ort war der Putschversuch vor fast genau einem Jahr. Mittlerweile ist auch das Verhältnis zwischen der Türkei und Deutschland auf einem neuen Tiefpunkt angelangt. Erst diese Woche verschärfte das Auswärtige Amt die Reisehinweise für die Türkei, woraufhin der türkische Präsident Deutschland Drohgebärden vorwarf. Im Landkreis Augsburg ist die Stimmung bei den Deutschtürken weiterhin gespalten.

Anspannung entlädt sich auch in Deutschland

Für „eine Verbesserung der Lage“ spricht sich deshalb Aykan Inan aus. Inan ist Ditib-Landesbeauftragter für Südbayern. Die Türkisch-Islamische Union für religiöse Angelegenheiten ist als Trägerverein für die Eyüp-Sultan-Moschee in Gersthofen zuständig und untersteht der türkischen Regierung. Der Verband steht im Verdacht, Erdogan-Gegner zu bespitzeln, die Bundesanwaltschaft ermittelt.

Der Glaube im Vordergrund: Politische Diskussionen gibt es in der Moschee in Gersthofen nicht.
Bild: Marcus Merk

Landesbeauftragter Inan sagt: „Wir wollen, dass die Freundschaft zwischen den beiden Ländern wiederhergestellt wird.“ Er spricht davon, dass „das jahrelange Vertrauen“ seit dem Putschversuch zerstört sei. Ihn verwundert es nicht, dass viele Türken nicht über das Verhältnis sprechen wollen: „Egal, wie man sich äußert, liegt man für irgendjemanden falsch.“

Dass sich die Anspannung auch hier entlädt, hat der Augsburger Verein Frohsinn, der der Gülen-Bewegung nahesteht, zu spüren bekommen. In der Putschnacht wurden am Vereinsgebäude Scheiben eingeworfen. Die Drohanrufe, die Geschäftsführer Mustafa Güngör galten, hätten aber nachgelassen. Die Täter wurden zu Geldstrafen verurteilt. Die Hand für einen Dialog strecke der Verein weiterhin aus, denn die Entwicklungen seien ein „Weckruf an die Türkei“, sagt Güngör.

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