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04.08.2014

Wenn der Watschnbaum umfällt

In unserer Serie geht es heute um Züchtigungen

Es ist Ferienzeit in Bayern, die Zeugnisse sind raus, der Ärger ist (hoffentlich) unterdessen verflogen. Da erinnert sich der Autor an seine Schulzeit, als jenes Weihnachtslied, das eigentlich von leise fallenden Schneeflocken handelt, in umgedichteter Version vor der Zeugnisverteilung mit einer guten Portion Galgenhumor bei Schülern ein Hit war: „Leise rieselt die vier, auf das Zeugnispapier, oh wie lieblich es schallt, wenn die Ohrfeige knallt.“

Und so beschäftigen wir uns quasi aus aktuellem Anlass um die wohl von Erziehungsberechtigten angewandte körperliche Züchtigung mit der flachen Hand. Das Wort Ohrfeige ist da ein guter Einstieg, denn nach der sprachlichen Herkunft könnte damit, so das Etymologielexikon Kluge, die feigenförmige Schwellung am Ohr als Folge der Züchtigung gemeint sein – was die Vermutung erlaubt, dass früher mit ziemlicher Wucht zugeschlagen wurde. Gut, dass wir in unseren Mundarten keine derart heftigen Ohrfeigen zu erwarten haben, denn bei uns sind es „Watschn, Schelln“, auch „Fotzn“ – Letzteres in dieser Bedeutung mit unbekannter Herkunft. Demgegenüber ist die Herkunft von Watschn ziemlich klar. Es ist wohl das Geräusch, das mit dem Schlag ins Gesicht einhergeht: „watsch“. Links, insbesondere rechts des Lechs bis ins Österreichische hinein ist Watschn ein bevorzugter Begriff. Da fällt auch mal der „Watschnbaum“ um und obendrein gibt es den Sündenbock, der stets seine Wange hinhält und daher „Watschnmann“ heißt – ein Begriff, der auf eine Jahrmarktfigur im Wiener Prater zurückgeht, aber auch eine Bezeichnung, die manch einem Pressesprecher „gut zu Gesicht steht“.

Neben der Watschn ist in unseren Mundarten die „Schelle“ (auch „Schel“ und „Schäl“, „Schelln“) eine übliche Bezeichnung für die Ohrfeige. Eigentlich heißt es ja Glöckchen, doch in dieser Bedeutung nutzt man es rechts des Lechs so gut wie nicht, da heißt es Glöckerl und auch an der Tür schellt man nicht, man läutet.

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Die Schelle als Ohrfeige ist laut Duden ein verkümmertes Wort „Maulschelle“, was so viel wie schallender Schlag auf den Mund bedeutet. Man könnte aber auch vermuten, dass die Maulschelle eine „Ohrschelle“ sein könnte, weil der Schlag ein Klingeln im Gehör verursacht… Und dann, das darf in unserer Region natürlich nicht vergessen werden, ist „Schelle“ auch eine Spielkartenfarbe beim Schafkopfen und entspricht dem Karo beim französischen Blatt.

Übrigens: Der Begriff Schelle als Verbindungsstück ist mit der Watschn-Schelle nicht verwandt – ebenso wie die Maultasche nix mit Maulschelle zu tun hat.

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