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Landkreis Augsburg

10.10.2019

Wenn die Gefahr mitfährt: E-Bikes im Praxistest

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Die erste fahrt mit einem Pedelec, das gemeinhin auch E-Bike genannt wird: Um das höhere Gewicht des Elektrorads durch den Slalomparcours zu lenken, braucht es viel Konzentration. Ein Fahrfehler und schon fällt die Pylone.
Bild: Marcus Merk

Plus Pedelecs oder E-Bikes machen Spaß – aber nur, wenn man richtig mit ihnen umgehen kann. Die Polizei bietet jetzt einen Praxistest. Worauf Sie achten sollten. 

Rauf auf den Sattel und ab geht die Post: Mit viel Schwung beginnt die Testfahrt auf dem Pedelec. Das Rad reißt förmlich mit. Wer den flotten Antritt nicht kennt, purzelt beim Anfahren schnell über den Sattel. Ein Anfängerfehler. „Das passiert leider immer wieder“, sagt Raimund Pauli. „Für untrainierte Fahrer wird’s schnell kritisch“, erklärt der Leiter der Polizeiinspektion Zusmarshausen, der zusammen mit seinem Kollegen Wolfgang Nowak zu einer Übungsstunde auf dem neuen Verkehrsübungsplatz in Kutzenhausen eingeladen hat. Am kommenden Dienstag werden sie bei einem allgemeinen Sicherheitstag auf dem Gelände erklären, auf was es bei den motorisierten Rädern ankommt. Und wie sich Unfälle verhindern lassen. Die gibt es immer wieder.

Tragisch endete im Sommer die Fahrt einer Frau auf einem E-Bike: Die 79-Jährige war nach Auskunft der Polizei in Lettenbach schnell unterwegs und übersah die Vorfahrt einer Autofahrerin. Beim Zusammenstoß zog sich die Frau schwerste Verletzungen zu, obwohl sie einen Helm getragen hatte. Im Krankenhaus starb die Seniorin.

315 Radl-Unfälle im Landkreis Augsburg

Im vergangenen Jahr erfasst die Polizei 315 Radl-Unfälle im Augsburger Land. Das geht aus der Unfallstatistik des Polizeipräsidiums Schwaben Nord hervor. In fast drei Viertel aller Fälle waren auch Radler die Unfallverursacher. Mit E-Bikes beziehungsweise Pedelecs verunglückten 25 Menschen. Dabei gab es 24 Verletzte – doppelt so viele wie im Vorjahr.

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Dass eine Fahrt auf dem Elektrorad gefährlich sein kann, haben auch die Versicherer erkannt. Laut Allianz sei die Gefahr dreimal höher als auf einem normalen Fahrrad ohne Motor – das Alter spiele dabei keine Rolle. Eine erhöhte Unfallgefahr bestehe demnach nicht nur für Senioren. Das bestätigt Raimund Pauli: Im Fokus stünden untrainierte Fahrer.

Alles dran? Wolfgang Nowak (links) und Raimund Pauli kontrollieren das Pedelec vor der Testfahrt.
Bild: Marcus Merk

Aus Paulis Erfahrung wird’s vor allem beim Anfahren und beim Bremsen gefährlich. Denn: Das Pedelec oder E-Bike verhält sich durch den verlagerten Schwerpunkt anders als vergleichbare Fahrräder. Stimmt: Beim Slalom durch die Hütchen auf dem Verkehrsübungsplatz schwingt das etwa 20 Kilogramm schwere Rad zwar gemütlich hin und her. Aber nur ein kleiner Lenkfehler, und es ist passiert: Die Masse des Rads schiebt förmlich vorwärts und die Pylone fällt. Das schwere Rad macht sich auch beim Bremstest bemerkbar: Um das Rad an der mit kleinen Hütchen markierten Linie zum Stehen zu bringen, hilft nur kräftiges Bremsen. Logisch: Wegen des höheren Gewichts verlängert sich der Bremsweg. Gefährlich wird’s zudem, wenn sich E-Biker in Gelände wagen, das sie ohne Motorunterstützung sonst nicht erreicht hätten.

Polizei bietet Praxistest auf Verkehrsübungsplatz Kutzenhausen

Berge oder Matschwege gibt es auf dem neuen Verkehrsübungsplatz in Kutzenhausen zwar nicht. Dafür aber einen Kreisverkehr oder eine Kreuzung mit Ampel – das Terrain eignet sich zum Praxistest, den die Polizei nächste Woche anbietet. Auch E-Bike-Neulinge sind eingeladen – denn für sie empfiehlt es sich, das Fahrverhalten abseits erst einmal in aller Ruhe kennenzulernen. Neben Pedelecs und E-Bikes stehen E-Scooter, E-Roller und ein Segway zum Test bereit. Wer will, kann auch sein eigenes Elektrorad mitbringen. Für die Pedelec-Fahrer wird auch ein Parcours mit Bremstest aufgebaut. Die Verkehrswacht Augsburg baut einen E-Bike-Fahrsimulator auf, mit dem die eigene Reaktionsfähigkeit getestet werden kann. Neben der Praxis – auf eigene Gefahr – gibt es auch etwas Theorie: Wer will, kann sich über die statistischen Unfallzahlen der Region und über die rechtliche Einordnung der Fahrräder informieren.

Der Verkehrssicherheitstag zum Thema „E-Mobilität von Zweiradfahrern“ findet am Dienstag, 15. Oktober, auf dem Verkehrsübungsplatz Kutzenhausen statt. Beginn ist um 15 Uhr, Ende um 19 Uhr mit Einbruch der Dunkelheit. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Pedelec, E-Bike oder E-Scooter?

  • Pedelec Sie werden gemeinhin als E-Bike bezeichnet. Tatsächlich unterscheiden sich Pedelecs von E-Bikes: Sie bieten nämlich nur Motorunterstützung, wenn der Fahrer in die Pedale tritt. Pedelecs – mit Tretunterstützung bis maximal 25 Stundenkilometer – sind Fahrrädern gleichgestellt.
  • E-Bikes Sie fahren auf Knopfdruck auch ohne Pedalunterstützung. Wer E-Bikes fahren will (und nach dem 1. April 1965 geboren ist), braucht eine Prüfbescheinigung für Mofas. Ein Helm ist Pflicht – ebenso ein Versicherungskennzeichen.
  • Kleinkraftrad/S-Pedelec Sie bieten für die Pedelecs eine Tretunterstützung, die allerdings erst bei einer höheren Geschwindigkeit abgeschaltet wird. Antrieb ist ein tretunabhängiger Motor beziehungsweise eine Motorunterstützung bis 45 Stundenkilometer. Helm und Versicherungskennzeichen sind Pflicht. Fahrer müssen mindestens 16 Jahre alt sein.
  • E-Scooter Die Roller schauen aus wie Tretroller und haben einen Elektromotor mit einer Leistungsbeschränkung bis 20 Stundenkilometer. Wer den Roller fahren will, braucht keinen Führerschein, dafür aber eine Versicherungsplakette.
  • E-Roller In Größe und Optik entspricht er einem herkömmlichen Motorroller.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Mehr Spaß durch Sicherheit

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15.10.2019

Die verunglückte 79jährige nahm einem Auto die Vorfahrt (dass sie nicht rechtzeitig bremsen konnte, steht nicht im Artikel), schuld ist aber nicht die Unachtsamkeit der Seniorin sondern das erhöhte Tempo durch das Pedelec. Schlüssig?

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15.10.2019

>> Aus Paulis Erfahrung wird’s vor allem beim Anfahren und beim Bremsen gefährlich. Denn: Das Pedelec oder E-Bike verhält sich durch den verlagerten Schwerpunkt anders als vergleichbare Fahrräder. <<

Den Schwerpunkt bestimmt in erster Linie der Mensch, der auf dem Fahrrad sitzt. Und bei der klassischen Kombination mit Motor im Kurbellager und Akku hinter dem Sattelrohr verbessert sich der Schwerpunkt eher günstig nach unten.

>> Das schwere Rad macht sich auch beim Bremstest bemerkbar: Um das Rad an der mit kleinen Hütchen markierten Linie zum Stehen zu bringen, hilft nur kräftiges Bremsen. Logisch: Wegen des höheren Gewichts verlängert sich der Bremsweg. <<

Das Gewicht der gesamten Fuhre bestimmt in erster Linie der Mensch; die 6 bis 7 Kilo Unterschied zwischen normalem Fahrrad und eBike sind für gute Bremsen kein Problem. Und bei diesem Thema sollte man eher mal auf den Anstellwinkel der Magura-Klötze achten, statt pauschal Weisheiten über eBikes zu verbreiten.

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15.10.2019

Ein weiteres Problem ist auch, dass die meisten Autofahrer nicht mit der höheren Geschwindigkeit rechnen und damit umgehen können. Es wird mit Gewalt überholt und dann geht die „Strecke“ aus. Ein Miteinander geht bei gemeinsamen Straßenraum nur bei reduzierter Geschwindigkeit des KFZ-Verkehrs.

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