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19.05.2015

Wie Schule wieder Sinn ergibt

Johannes Wirsing hat ein Jahr das Schulamt im Landkreis geleitet. Jetzt geht er in Pension. Warum Unterricht Zweifel nähren muss

Mit einer Sondervorstellung des Moussong-Theaters aus Stadtbergen hat sich jetzt Johannes Wirsing, zuletzt Leiter des Schulamts im Landkreis Augsburg, aus dem Dienst verabschiedet. Und diese Wahl fiel nicht zufällig. „Die finde ich toll, der künstlerische und ethische Hintergrund ist großartig“ – und sagt viel über den Pädagogen aus, der zuletzt ein Jahr lang als ständige Vertretung der fachlichen Leitung des Schulamts tätig war. Von 1975 bis 1989 war Wirsing als Volksschullehrer tätig, bildete lange Zeit als Seminarleiter selber Lehrer aus und wurde 1992 von der Regierung von Schwaben zum Schulrat berufen. Sieben Jahre später führte ihn sein Weg ins Staatliche Schulamt. Eine Würdigung sprach bei diesem Abschiedstermin nun seine langjährige Kollegin und die neue fachliche Leitung des Schulamts im Landkreis Augsburg, Schulamtsdirektorin Renate Haase-Heinfeldner.

Seine Berufung erfuhr Johannes Wirsing bereits in der dritten Klasse an der St.-Anna-Schule in Augsburg. Er erinnert sich. Eine junge Lehramtsanwärterin bringt Kirschen mit in die Schule. „Die Kirsche lag vor mir, hatte so viele Betrachtungsweisen“, erzählt er. Beschaffenheit, Entstehung, Eigenschaften. „Wir sind der Sache auf den Grund gegangen. Erst allein, dann im Austausch mit anderen“, sagt er. Der moderne pädagogische Jargon bezeichnet das als „Think-pair-share“. Erst in jüngster Zeit hat sich auch der offizielle Lehrplan in diese Richtung verändert.

Für den jungen Wirsing war die Lehrstunde eine Offenbarung. Der Unterricht, er müsse Zweifel nähren und immer wieder Fragen stellen. „Wie ist die Sache gemacht und von wem – und woraus?“ Doch statt existenzielle Sinnfragen in den Raum zu stellen, werde nicht selten zu viel Wissen ohne Bezug zur Praxis und zum Leben vermittelt – einen Sinn ergibt das für das Kind nicht. „Dazu kommt, dass der Lehrer sich als allwissend vorne hinstellt und dem Schüler das Gefühl vermittelt, als könne er nichts.“ Wirsing spricht vom „Leuchtturm in der Mitte“. Dabei brächten schon die Grundschüler ein unglaubliches Wissen mit. Das herauszukitzeln sei Aufgabe eines guten Lehrers. „Er muss begeistern und zum Denken anregen können“, sagt er. Nur wenn der Schüler die Relevanz der Sache versteht, würde Schule am Ende einen Sinn ergeben.

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Die Schlussfolgerungen sind nicht neu, Wirsing hatte das schon vor Jahren gesagt, lange bevor das Schulsystem die Bedeutung von Gruppenarbeit erkannte oder den Frontalunterricht infrage stellte. Das Thema Unterricht begleitet ihn wie kein anderes. Er hat sich in all den Jahren immer wieder vehement für die Verbesserung der Unterrichtsqualität eingesetzt, sich immer wieder gefragt, wie eine Lehrstunde besser, interessanter und nachhaltiger gestaltet werden kann. Wirsings Reform-Gedanken werden bleiben. Für den Lehrerberuf fordert er heute mehr Anerkennung und würde sich deutlich mehr Männer in der Schule wünschen. „Leider ist das immer noch ein reiner Frauenberuf.“ Das habe sich nicht grundlegend geändert.

Was bereitet Johannes Wirsing am meisten Kopfzerbrechen? „Vor allem die älteren Gymnasiallehrer sehen mit großer Sorge die Relativierung des Bildungsanspruchs.“ Will heißen, immer mehr Eltern fordern das Abitur für den Nachwuchs, obwohl der nicht immer dafür geeignet ist. „Egal ob Zahnarzt oder Landwirt, jeder Beruf wird gebraucht und bedarf einer hohen Wertschätzung, das dürfen wir nie vergessen.“

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