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Ehingen

07.06.2015

Wie das Geld eines Spendenkreises einer Familie hilft

Die Flüchtlingsfamilie Osazee lebt derzeit in der Nähe von Neapel. Mit der Hilfe des Spenderkreises können sie sich dort eine Wohnung leisten und ihren Lebensunterhalt bestreiten.
Bild: Elisabeth Havelka

Elisabeth Havelka unterstützt mit vielen Mitstreitern eine Flüchtlingsfamilie, die nach Italien abgeschoben wurde. Nun reiste sie dorthin und erlebte auch viel Bedrückendes

Ehingen/Donauwörth/Neapel Elisabeth Havelka aus Ehingen hat eine außergewöhnliche Reise gemacht. Castel Volturno war ihr Ziel, eine italienische Kleinstadt 35 Kilometer nordwestlich von Neapel. Der Ort eignet sich nicht für einen Urlaub im klassischen Sinn – er ist ein Synonym für Verfall, Bausünden und Müll. 25000 Italiener leben hier – und etwa 18000 Flüchtlinge aus Afrika. Unter ihnen ist auch die nigerianische Flüchtlingsfamilie Emmanuel und Precious Osazee mit ihren Kindern, der fünfjährigen Christiane und der einjährigen Star. Mit dieser Familie verbindet die Ehingerin eine innige Freundschaft. Zehn Monate nach deren Abschiebung aus Deutschland war Havelka nun bei ihnen zu Gast und berichtet nach der Rückkehr von einem ergreifenden Wiedersehen.

Rückblick: Vor etwa eineinhalb Jahren lernt die Ehinger Familie Elisabeth und Thomas Havelka mit ihren drei Kindern die nigerianische Familie Osazee beim Arbeitskreis „Aysl“ der evangelischen Kirchengemeinde Donauwörth kennen. In Kürze entwickelt sich eine tiefe Freundschaft zwischen den beiden Familien, deren Lebensumstände, Hautfarbe und Kultur unterschiedlicher kaum sein könnten. Sie verbringen viel Zeit miteinander, doch bereits nach sechs Monaten wird die Familie Osazee im Rahmen der Dublin-Verordnung nach Neapel in eine ungewisse Zukunft abgeschoben. Die anfängliche Hilflosigkeit weicht einem Plan: Elisabeth Havelka gründet einen Spenderkreis, der die Familie von Deutschland aus finanziell unterstützt. Sie mobilisiert Menschen aus Ehingen und der näheren Umgebung sowie aus ihrem Bekanntenkreis, die monatlich verlässlich zehn Euro spenden. Für 350 Euro kann eine Unterkunft gemietet werden und bewahrt die vier vor der Obdachlosigkeit in Italien. Zusätzlich gehen Einmalspenden für den Lebensunterhalt ein.

Nun hat Havelka die Flüchtlingsfamilie in ihrem Domizil besucht, die fünftägige Reise war ein Geburtstagsgeschenk ihrer Familie. Bei ihrem Besuch konnte sich Elisabeth Havelka nun davon überzeugen, dass es der Familie Osazee gutgeht: „Das Geld vom Spenderkreis sichert die Lebensgrundlagen. Die Familie ist psychisch in guter Verfassung und trägt Sonne im Herzen.“

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Die vier wohnen akzeptabel in einer möblierten Wohnung, während die Umgebung hässlich ist: Bauruinen, Betongerippe, teilweise verfallene und ungepflegte Häuser zwischen unbebauten Grundstücken. Erfreulich sei, dass die Flüchtlingsfamilie in ein soziales Umfeld eingebettet ist. Sie engagiert sich in einer afrikanischen Kirchengemeinde und hat eine tragende Rolle im Gemeindeleben. Emmanuel leitet einen Gospelchor. Die fünfjährige Christiane besucht die Vorschule. Weiter kann die Ehingerin von vielen ergreifenden Momenten erzählen: „Als ,Weiße‘ feierte ich den Gottesdienst in der afrikanischen Gemeinde mit. Wir kochten afrikanisch und haben gemeinsam aus einem Topf gegessen. Mit der kleinen Christiane schlief ich in einem Bett, und wir sahen die Weihnachtspost 2014 vom Spenderkreis durch – Precious bewahrt die Karten und Fotos wie einen Schatz in einer Kiste auf“, sagt Havelka. Doch der Flüchtlingsalltag sei geprägt von Elend, berichtet sie weiter und hat auf ihrer Reise von ergreifenden Schicksalen erfahren: „Viele gehen abends hungrig zu Bett, Bekannte bitten die Familie Osazee gelegentlich um Essen. Arbeit gibt es nicht. Der Spenderkreis enthebt Familie Osazee dieser Not“, so Havelka.

Elisabeth Havelka ist wohlbehalten zurückgekehrt. Gefährliche Momente habe es bei ihrem Aufenthalt in Castel Volturno nicht gegeben, blickt sie zurück, „wir sind nicht an Orte gegangen, an denen Drogen gedealt werden oder Prosituierte auf Kundschaft warten. Die Afrikaner im Umfeld von Emmanuel und Precious haben mich akzeptiert, weil ich bei dieser Familie war. Diese Tatsache war wie ein Schutz.“

Ihre Erlebnisse hat Havelka in einem 15-seitigen Reisebericht aufgeschrieben und diesen allen Spenderkreismitgliedern zukommen lassen. Sie fasst zusammen: „In Castel Volturno zu leben bedeutet Perspektivlosigkeit und ist gefährlich für Kinder, mitunter auch für Erwachsene. Meine Hoffnung ist es, dass der Spenderkreis weiter wächst. Ich möchte die Familie so lange verlässlich versorgen können, bis sie amtlich nach Deutschland übersiedeln kann. Hier finden wir Arbeit für die Eltern und können die Kinder in eine sichere Zukunft begleiten. In Italien leider nicht!“ Die entgegengebrachte Zuwendung und Solidarität des Spenderkreises nimmt die Flüchtlingsfamilie Osazee mit größter Dankbarkeit auf. „Thank you so much. God bless you all!“, hat sie nach Deutschland mitgeschickt.

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