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Dinkelscherben

30.09.2020

Wie ein Dinkelscherber die Forstwirtschaft revolutionieren will

Josef Guggemos vor seinen Jungbäumen.
Bild: Sören Becker

Plus Josef Guggemos aus Dinkelscherben ist Forstwirt aus Leidenschaft. Bei der Pflege seiner Waldstücke denkt er nicht nur an den Profit, sondern auch an Natur und Spaziergänger.

Ein weißhaariger Herr im Jackett stiefelt einen Waldweg bei Dinkelscherben hinunter. Während er dort entlanggeht, zählt er Baumarten auf: "Eiche, Buche, Fichte, Birke, Lerche, Kiefer, Ahorn", sagt er. Sieben Baumarten an einem Fleck. Das ist in vielen Wäldern selten geworden, weil die meisten von ihnen mittlerweile zur Holzernte dienen und häufig nur wenige Baumarten angepflanzt sind. Im Augsburger Land bestehen die Wälder zum Beispiel zu etwa zwei Dritteln aus Fichten.

Das Telefon des Mannes klingelt: "Servus! Josef Guggemos am Apparat", sagt er. Der Anruf kommt aus seinem Büro in Dinkelscherben, wo er mit seinem Sohn Arthur Holz und Whirlpools verkauft. Der Wald ist aber gerade wohl wichtiger. Er managt ihn mit zwei Angestellten. Guggemos sieht das nicht nur als Investition, sondern auch als Hobby. Statt Holz, das er gut verkaufen kann, baut er lieber Bäume an, die er schön findet. Ihm gefallen Eichen, Buchen, Erlen, Flatterulmen und Kirschen. Die meisten anderen Waldbesitzer nutzen ihren Wald als Verdienstmöglichkeit.

Anders als Guggemos: "Der Wert meines Waldes ist nicht nur, was ich ernte oder dass Geld, dass ich damit verdiene", sagt er. Der Wald sei auch ein Ökosystem und ein Erholungsraum. Um Bäumen beim Wachsen zu helfen, hat er auch schon etwas erfunden.

In Guggemos' Wald bei Dinkelscherben läuft vieles anders - mit Erfolg

Auf einer Schonung in seinem anderen Waldstück am Schweineberg stehen hellgrüne Plastikröhren. Seine Kritiker haben auch schon mal angemerkt, dass diese wie ein Soldatenfriedhof aus dem Ersten Weltkrieg aussehen. Guggemos bückt sich und öffnet eine von ihnen. Darin wächst ein junger Baum kerzengerade nach oben. In der Hülle sammelt sich Kondenswasser, das beim geringen Regen in den letzten Jahren eine wertvolle Hilfe beim Wachsen ist.

Diese Wachstumshüllen sind gar nicht so neu, aber die von Guggemos entwickelten sind laut eigenen Angaben stabiler und leichter zu verwenden. Patentiert hat er sie auch schon. Vor Rehverbiss schützen sie auch, obwohl er damit in seinem Wald keine Probleme hat. Er pflanzt seine Bäume weniger dicht als üblich, sodass Licht und Regen bis auf den Boden durchkommen. Dadurch sinkt zwar sein Ertrag und seine Bäume wachsen langsamer, aber die Rehe können die Pflanzen im Unterholz fressen. Damit sind sie nicht auf die jungen Bäume angewiesen.

In diesen patentierten Hüllen wachsen die Jungbäume von Josef Guggemoos.
Bild: Sören Becker

Am Waldrand pflanzt er Hecken, die eine weitere Nahrungsquelle für Rehe darstellen: "Das Rehwild muss also gar nicht an die Bäume gehen", behauptet Guggemos. Diese seien ohnehin nicht besonders weit oben auf ihrer Speisekarte, würden häufig aber aus Mangel an Alternativen gefressen.

Guggemos' Holz ist handgeerntet

Guggemos hat den Wald von seinem Vater geerbt, der das Holz im Sägewerk der Familie weiterverarbeitet hat. 1969 übernahm Josef Guggemos den Betrieb. 2004 hat er ihn geschlossen, weil die größeren Sägewerke in der Region billiger arbeiten konnten. "Der Generationengedanke ist mir sehr wichtig. Von den Bäumen, die ich heute pflanze, profitieren noch meine Urenkel", sagt Guggemos. Mittlerweile dient das Holz aus Guggemos' Wäldern vor allem als Brennholz. Geerntet wird es von Waldarbeitern mit der Motorsäge. Auf schwere Maschinen verzichtet er, obwohl das einfacher und schneller wäre. "Das schont die Baumwurzeln und hinterlässt keine hässlichen Schneisen", sagt Guggemos.

Die ganze Mühe hat Erfolg: "Von den 970 Bäumen, die wir in den letzten Jahren gepflanzt haben, ist genau einer eingegangen", sagt Guggemos. Üblicherweise bewegt sich diese Zahl im zweistelligen Prozentbereich. Trotzdem ist dieser Wald nicht ganz ohne Probleme. Wer durch sein Waldstück am Grünen Baindt spaziert, sieht immer wieder Schilder, die vor dem Eichenprozessionsspinner warnen. Die Raupen dieses Schmetterlings haben Haare, die bei Mensch und Tier gefährliche Allergien auslösen können. Während viele Gemeinden die Raupen mit Klebefallen und riesigen Staubsaugern bekämpfen, setzt er auf Fledermäuse: In den befallenen Gebieten hat er Kästen für die insektenfressenden Tiere angebracht. Sie ähneln Vogelhäuschen und sollen den vom Aussterben bedrohten Tieren einen Lebensraum bieten.

Mit diesen Fledermauskästen will Josef Guggemoos Eichenprozessionsspinner bekämpfen.
Bild: Sören Becker

Guggemos' Ideen werden allerdings nicht immer wohlwollend aufgenommen: "Viele Förster und Wissenschaftler wollen gar nicht mit mir reden", sagt er. Er führt das darauf zurück, dass der Beruf nicht besonders schnell umdenke und zu theoretisch denke. "Ich mache einiges anders als die herkömmliche Theorie, weil ich meine Erkenntnisse aus der Praxis anwende", sagt Guggemos.

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