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Neusäß

16.08.2020

Wie eine Architektin zur Herrin über jede Menge Kies wurde

Das Kieswerk Thaler in Neusäß ist ein Familienbetrieb. Seit zwei Jahren unterstützt Lisa Thaler (links) ihren Vater Andreas Thaler (stehend). Betriebsleiter Roland Beitlich arbeitet gerade seinen Nachfolger Daniel Bischof ein.
Bild: Marcus Merk

Plus Um in die Geschäftsführung des Kies-, Sand- und Splittwerkes ihrer Familie einzusteigen, hat Lisa Thaler ihren ursprünglichen Beruf aufgegeben.

„Wer keine Steine mag, kann nicht im Kieswerk arbeiten“, sagt Roland Beitlich. Dabei greift der Mann mit der langen blonden Lockenmähne, der stets seinen Hund Mika dabei hat, in einen Erdhaufen und lässt das Material fast zärtlich durch die Finger gleiten. „Alle Körner zwischen 0,063 und zwei Millimeter Durchmesser sind Sand, was größer ist, wird als Kies bezeichnet“, erklärt der Betriebsleiter des Sand- und Kieswerk Thaler in Täfertingen und wirkt dabei wie ein Sternekoch, der seine Lebensmittel begutachtet. „Auch ich bin immer wieder von seinem umfangreichen Wissen beeindruckt“, sagt Lisa Thaler.

Erst seit zwei Jahren im Familienunternehmen in Täfertingen

Die 37-Jährige ist erst seit zwei Jahren im Familienunternehmen tätig. Dazu hat sie ihren bisherigen Beruf als Architektin aufgegeben. „Das war eine schwere Entscheidung, aber ich wollte nicht diejenige sein, die die Firmentradition beendet“, gibt die junge Frau zu. Lisa Thaler ist mit Kies aufgewachsen. Die meisten der rund 40 Mitarbeiter kennen sie schon als kleines Mädchen, als sie noch die Kies- und Sandberge hinunter rutschte. 1957 hatte ihr Urgroßvater Andreas Thaler sen. am südöstlichen Ortsrand von Täfertingen ein Kies-, Sand-, und Splittwerk angesiedelt.

Jeder muss über die Waage fahren, denn abgerechnet wird nach Gewicht.
Bild: Marcus Merk

1965 kam ein zweiter Standort in Gablingen hinzu, an dem bis heute Kies abgebaut wird. 1981 übernahm Andreas Thalers Tochter Johanna die Geschäftsführung, zehn Jahre später stieg ihr Sohn Andreas Thaler jun. mit ein. Nun wiederholt sich die Geschichte in der vierten Generation und Lisa Thaler, die gerade eine Fortbildung zum geprüften Betriebswirt macht, ist mit ihrer Entscheidung zufrieden: „Wir arbeiten gut zusammen. Mein Vater, inzwischen 66 Jahre alt, kann heuer zum ersten Mal einen entspannten längeren Urlaub machen.“

Tradition und Werte werden bei Thaler hochgehalten. Auf dem Firmengelände stehen noch Holzgebäude aus der Gründerzeit, die an Goldminen aus amerikanischen Westernfilmen erinnern. „Das alte Sandwerk steht leer, aber wir bringen es nicht über’s Herz, es abzureißen“, sagt Lisa Thaler.

Wassersprenger sind an heißen Tagen im Einsatz

Auch auf ein gutes Verhältnis mit der Nachbarschaft lege man sehr viel Wert. So ist an heißen Tagen permanent ein Wassersprenger unterwegs, um den Staub zu binden. Für die Anlieger gibt es sogar einen eigenen Container, in dem diese kostenlos ihre Gartenabfälle entsorgen können.

Bauschutt zum Recycling darf jeder anliefern.
Bild: Marcus Merk

Während des Lockdowns zu Corona-Zeiten ging es ziemlich hektisch zu bei der Firma Thaler. Da stauten sich die Fahrzeuge an der Waage bis weit auf die Täfertinger Straße zurück. Viele Hobby-Handwerker wollten die Überreste ihrer in Angriff genommenen Umbau-, Renovierungs- oder Gartenarbeiten entsorgen. Andere bedienten sich im Supermarkt für Steine, Kies, Beton oder Sand für die Spielkiste. „Wir durften keine Privatkunden mehr bedienen. Die Polizei hat sogar kontrolliert“, berichtet Lisa Thaler von einer aufregenden Zeit. Inzwischen hat sich alles wieder etwas normalisiert in der kleinen Stadt, die sich in einer zwölf Hektar großen Senke am südöstlichen Ortsende des Neusässer Stadtteils Täfertingen verbirgt.

Eigenes "Verkehrsnetz" auf dem Firmen-Areal in Täfertingen

Kerngeschäft auf dem Firmen-Areal mit einem eigenen „Verkehrsnetz“ und „Wegweisern“, auf dem sich auch ein Beton- und ein Asphaltwerk befindet, ist Kiesaufbereitung und Bauschuttrecycling. Bei der Kiesaufbereitung wird das Gemisch, das aus den Gruben in Gablingen kommt, in einer großen Siebtrommel innerhalb des sogenannten Waschwerkes getrennt. Die großen Steine werden dann zu Splitt gebrochen, die feinsten Anteile einem kleinen Bach zugeführt, der quer durch das Betriebsgelände verläuft und in zwei Ablaufbecken führt, in denen sich der Schlamm absetzt, der dann in der Keramikindustrie Verwendung findet. Der Rest fließt in den Thalersee, dem täglich wieder etliche tausend Liter Wasser entnommen werden.

Dieses frei zugängliche Gewässer, an dem es zahlreiche Vogelarten und seltene Wildkräuter gibt, in dem man aber nicht baden kann, ist nicht nur bei Ruhe suchenden Spaziergängern beliebt, sondern auch bei Leuten, die dort Partys machen. „Unser Hausmeister wundert sich immer wieder, was die Menschen alles an Müll zurücklassen“, ärgert sich Lisa Thaler.

Täfertinger Splittwerk saniert

In diesem Jahr wird das Splittwerk saniert und eine Wasseraufbereitungsanlage gebaut, in der der Schlamm mittels einer Kammerfilterpresse gepresst wird, sodass er in der Keramikindustrie Verwendung finden kann. „So werden rund 80 Prozent weniger Wasser verbraucht“, erklärt Andreas Thaler die rund drei Millionen teuere Investition in die Zukunft.

Neben dem Handel mit Kies, Sand und Steinen hat man sich seit 1991 auch auf Bauschutt-Recycling spezialisiert. Dieser wird von vielen Kleinkunden angeliefert, die damit zunächst auch auf die große Waage müssen, wo vorher und nachher gewogen wird. „Manche kommen sogar mit dem Fahrradanhänger“, lacht Lisa Thaler. Was von den Baustellen kommt wird im Brecher zerkleinert und kann dann als Sekundärbaustoff zum Beispiel für den Straßenunterbau eingesetzt werden. Störstoffe, wie eisenhaltiges Metall wird mit dem Magnetabscheider entfernt, relativ leichte Teile, wie Kabel, Plastik, Papier und Holz mit einem eigens entwickelten Windsichter, einem überdimensionalen Staubsauger.

Zusätzlich werden Störstoffe im Sortierhaus mit der Hand aussortiert. Da Holz meist chemisch behandelt ist, muss es speziell gelagert und verwertet werden.

Was ist alles Rohstoff?

„Alles ist zunächst Abfall. Da vergisst man oft, dass das auch ein Rohstoff ist. Deshalb muss man kontrollieren, ob das nach Aufbereitung und Prüfung wieder als Sekundärrohstoff verwendbar ist“, erklärt Beitlich, der in absehbarer Zeit in Altersteilzeit geht, zuvor aber noch seinen Nachfolger David Bischoff, einen studierten Geologen, in die Geheimnisse des Betriebes einweisen wird. „Seit ein paar Jahren hat sich eine drastische Verschärfung bei der Anlieferung von Erdaushub ergeben“, berichtet der 36-Jährige, der froh ist, dass ihm der langjährige Betriebsleiter zunächst noch zur Seite steht. „Selbst bester Humus ist Abfall und braucht ein Gutachten“, erklärt Beitlich die hohen Abnahmepreise und das mehrstufige Kontrollsystem: „Da das Abfallrecht keine Bußgelder, sondern nur Strafen kenne, muss das Annahmepersonal genau hinschauen, was da angeliefert wird.“

Bei Thaler in Täfertingen ist dafür unter anderem der bei den Kunden bestens bekannte Mohammed zuständig. Der junge, freundliche Mitarbeiter aus Somalia absolviert eine Ausbildung als Fachkraft für Kreislauf- und Abfallwirtschaft. Zwei weitere Auszubildende lernen den Beruf des Aufbereitungsmechanikers. Neben der inneren Erneuerung des Werkes soll in nächster Zeit nicht nur die Geschäftsführung, sondern auch das Personal verjüngt werden. Die meisten der Mitarbeiter sind seit mehr als 20 Jahren im Betrieb, was auf ein gutes Betriebsklima schließen lässt. Da gibt es viel zu planen für eine gelernte Architektin.

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