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Kreis Augsburg

08.07.2016

Wie gefährlich sind coliforme Keime im Trinkwasser?

Das Trinkwasser in Gessertshausen soll wegen der Keime immer noch abgekocht werden. (Symbol)
Bild: Alexander Kaya

Gessertshausen hat Probleme mit coliformen Keimen, weshalb das Trinkwasser abgekocht werden muss. Wie gefährlich sind diese? Wir sprachen mit einem Experten.

Verunreinigtes Trinkwasser ist das Horrorszenario jeder Kommune, Gessertshausen hat es seit vergangener Woche schon wieder getroffen. In den Leitungen der Wasserversorgung haben sich gefährliche Bakterien breitgemacht. Was im Ortsteil Gessertshausen östlich der Schwarzach, Deubach und Brunnenmühle aus dem Hahn kommt, wird seitdem wieder abgekocht. Viele fragen sich jetzt: Was genau schwimmt da eigentlich in den Leitungen? Allgemeinmediziner Dr. Bernd Reitz aus Dinkelscherben klärt auf.

Fest steht: Wie schon vor zwei Jahren, sind es coliforme Bakterien, zu denen auch die Salmonellen, Klebsiellen oder Enterobakterien gehören. Die sind eigentlich harmlos, erklärt der Mediziner. „Es handelt sich um eine ganze Gruppe von Bakterien, die sich bei Menschen und Tieren im Darm ansiedeln.“ Coliforme Bakterien seien grundsätzlich zunächst einmal nicht schädlich und in der Regel ganz normale Darmbewohner, die bei der Verdauung helfen, erklärt ein Sprecher des Gesundheitsamtes im Landkreis Augsburg. Aber: Wie bei allen Erregern oder Schadstoffen gelte, dass die Gefahr von der Menge abhängt.

Vor allem Kinder sind gefährdet

Und ab wann machen die Keime krank? „Bis zu einer bestimmten Menge im Körper ist alles in Ordnung, in übermäßiger Anzahl können sie aber zu Magen-Darm-Infektionen führen“, sagt Reitz. Gefährdet sind dann vor allem Säuglinge und Kleinkinder, aber auch kranke oder alte Menschen. Denn Magen-Darm-Infekte können mit Durchfall oder Erbrechen zu einem gefährlichen Flüssigkeitsmangel führen. „In der Regel ist eine Brech-Durchfall-Erkrankung nach ein paar Tagen ausgestanden“, erklärt Reitz, „wenn die Beschwerden aber länger anhalten oder ungewöhnlich schwer sind, sollte man unbedingt einen Arzt aufsuchen.“

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Im Labor wird getestet, ob der Betroffene tatsächlich durch Darmbakterien krank geworden ist und ob es sich dabei um eine Bakteriengruppe handelt, die giftige Substanzen abgibt, wie zum Beispiel EHEC. Dann könnte es heikel werden. Denn gelangen diese Keime in andere Körperregionen, etwa in die Blutbahn, Gehirn oder die Lunge, drohen Entzündungen, wie Harnwegsinfekte oder Lungenentzündungen, teilt das Gesundheitsamt mit. Laut einer Erhebung des Robert-Koch-Instituts erkranken jedes Jahr 5000 bis 7000 Menschen an Durchfall, der von den sogenannten E.-coli-Bakterien ausgelöst wurde.

Das Leitungswasser muss abgekocht werden

In der betroffenen Versorgungszone der Gemeinde Gessertshausen, hat das Gesundheitsamt deshalb eine Abkochverordnung erlassen. Rund 800 Haushalte sind davon betroffen. Zur Abtötung der Keime muss das Leitungswasser dort einmal sprudelnd aufgekocht werden. Das ist aber nur dann notwendig, wenn das Wasser zum Beispiel in der Küche zur Zubereitung von Speisen oder aber zum Zähneputzen genutzt wird. „Für die normale Körperhygiene, etwa zum Baden oder Duschen, kann das Wasser aus dem Hahn auch weiterhin ohne Abkochen verwendet werden“, sagt Reitz. Bei offenen Wunden ist allerdings Vorsicht geboten. Entsprechende Stellen sollten vor Kontakt mit dem Wasser abgedeckt werden.

Seit Ende der vergangenen Woche wird im betroffenen Leitungsnetz außerdem eine Chlor-Lösung zur Desinfektion eingeleitet. Noch sei die notwendige Mindestkonzentration an Chlor nicht erreicht, erklärte Bürgermeisterin Claudia Schuster. Wie das Gesundheitsamt mitteilt, sei diese Menge aber so gering, dass beim Endverbraucher keine Gesundheitsgefahren zu befürchten seien. Die Landwirte im Versorgungsgebiet können mehr oder weniger aufatmen. Laut dem Veterinäramt gelten beim Tränkewasser für Nutztiere andere Qualitätsmerkmale. Wichtiger als der Keimgehalt sei hier zum Beispiel der Gehalt an Schwermetallen, Eisen oder Nitrit. Tränkewasser muss lediglich „geeignet“ sein.

Die Ursache ist noch nicht gefunden

Derweil wird in Gessertshausen auch weiterhin fieberhaft nach der Ursache der Verunreinigung gesucht. Zum Ende der Woche soll das Rohrnetz wieder gespült werden. Parallel müssen die Wasseranschlüsse aller betroffenen Gebäude geprüft werden. Das klingt wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen, weiß auch Claudia Schuster. „Wir müssen das jetzt systematisch und gründlich machen, damit wir den Keim ein für allemal loswerden.“

Welche Straßenzüge genau von dem Abkochgebot betroffen sind, hat die Gemeinde Gessertshausen auf ihrer Homepage unter www.gessertshausen.de hinterlegt.

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