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Langweid

08.03.2019

Willy Brandts Salonwagen für ein SPD-Urgestein

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3 Bilder
Mit solch einem Salonwagen (hier eine Miniaturausgabe) ist Willy Brandt einst durch die Republik gefahren. Ein schönes Geschenk, das bei Hermann Scheller einen Ehrenplatz bekommen hat. 
Bild: Sonja Diller

In Langweid ist Hermann Scheller seit mehr als 50 Jahren ein Aushängeschild der SPD. Er kam als Gast zur Versammlung und ging als Vorsitzender.

Als Hermann Scheller am 29. Oktober 1967 in die SPD eintrat, ging es aufwärts mit der Partei. Willy Brandt wurde 1969 zum Bundeskanzler gewählt, Helmut Schmidt folgte ihm und bis 1982 saßen die Sozialdemokraten durchgehend im Bundeskanzleramt.

Das war es aber nicht, was den Langweider dazu gebracht hatte, sich das damals noch in schlichtem Blau daherkommende Parteibuch zuzulegen. Nicht die große Politik, sondern die Entscheidungen, die vor Ort in den Kommunen das Leben der Menschen bestimmen, lagen ihm am Herzen. Wohin die Führung steuerte, gefiel ihm nicht immer. Gerhard Schröders Agenda 2010 und die damals angestoßene Reform des Sozialsystems und des Arbeitsmarktes sind für Scheller nachhaltig der Grund für die Probleme seiner Partei.

Eigentlich war er „total unpolitisch“ 

Ohne seinen Schwager hätte sich das Interesse des waschechten Langweiders für die Politik wahrscheinlich weiterhin darauf beschränkt, zur Wahl zu gehen. Als „total unpolitisch“ erinnert sich der 79-jährige Hermann Scheller an seine Einstellung, bevor der überzeugte SPD-Anhänger in der Verwandtschaft ihn mit der Begeisterung für die Kommunalpolitik angesteckt hat. „Dann kam eins zum anderen“, erinnert sich der pensionierte Kriminalbeamte an die Jahreshauptversammlung des Ortsvereins der Arbeiterwohlfahrt im Juni 1968.

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In die Versammlung in der Bahnhofsgaststätte ging er damals als Gast, heraus kam er nicht nur als neues Mitglied, sondern gleich als Ortsvereinsvorsitzender. Stolz ist er noch heute darauf, dass der Kampf um die Einrichtung der heutigen AWO-Begegnungsstätte im ehemaligen Lehrerwohnhaus in dieser Zeit begann und von seiner Nachfolgerin Erna Wesselsky nachdrücklich betrieben wurde.

Immer Hammer, Nägel und Beißzange am Mann

Für die SPD hatte er als Juso nicht nur in puncto Öffentlichkeitsarbeit handfeste Argumente in petto. Bis nach Horgau war man beim Plakatieren unterwegs, hatte „immer Hammer, Nägel und Beißzange am Mann“. Denn dort, wo es keinen Ortsverein gab, sollten die Stimmen schließlich auch nicht kampflos anderen Bewerbern überlassen werden.

In Langweid hatte die SPD mit zehn von 20 Sitzen plus einem „eigenen“ Bürgermeister sogar die absolute Mehrheit. „Und die wollten wir schließlich auch behalten!“. Wahlwerbung in eigener Sache stand 1972 an, als die langjährigen Gemeinderäte der Jugend schließlich Listenplätze überließen. Auf Platz 8 trat er an und wurde spontan auf Platz 3 vorgewählt. 24 Jahre lang verteidigte er seinen Sitz im Gemeindegremium erfolgreich, bis er 1996 nicht mehr antrat und seinem Vorsatz folgte, dass man abzutreten hat, solange die anderen das bedauern und nicht erleichtert sind.

Um die vielen Posten und Aufgaben hat sich Hermann Scheller nicht immer gerissen, „aber wenn man etwas macht, dann ordentlich“.

Stressige Zeiten beim politischen Engagement 

Als Fraktionsvorsitzender im Gemeinderat, Vorsitzender des Rechnungsprüfungsausschusses, Dritter Bürgermeister, Kreisrat, Mitglied in weiteren Ausschüssen und Arbeitsgruppen und als letztem Posten Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft 60plus blieb nicht immer die nötige Zeit für die Familie. Anstatt an den Badesee oder in die Ferien ging es öfter zu Veranstaltungen, auf denen Präsenz zu zeigen war, erinnert sich Renate Scheller an die manchmal stressigen Zeiten des politischen Engagements ihres Mannes. Die sind heute vorbei, die beiden lassen es mit inzwischen drei Enkelkindern von den beiden Töchtern langsamer angehen.

Eine „Riesenfreude“ hat dem Mann mit dem bald historischen Parteibuch seine SPD mit einem richtig großen Bahnhof zur etwas verspäteten Feier seiner 50-jährigen Parteizugehörigkeit gemacht. Im Ratssaal, dort, wo er so viele Jahre die Geschicke der Gemeinde mitbestimmt hatte, gab es Dankesworte und Geschenke von langjährigen Weggefährten, von der Landesvorsitzenden der SPD in Bayern Natascha Kohnen und vom Landtagsabgeordneten Harald Güller.

Eine Widmung in seinem Parteibuch

Im Gepäck hatten die Gäste aus dem Landtag auch die Miniaturversion des Salonwagens, mit dem Willy Brandt seine Termine in ganz Deutschland absolvierte. Damit war er auch einmal in Augsburg, wo Hermann Scheller den prominenten Gast um eine Widmung in sein Parteibuch bat. Das hatte er zwar nicht dabei, bekam die berühmte Unterschrift aber zuverlässig ins nach Bonn geschickte Büchlein nachgetragen. Seit dem Empfang im Langweider Rathaus prangt darunter auch die Signatur von Natascha Kohnen als Erinnerung an eine Feier, die der Veteran der SPD-Politik in Langweid nicht erwartet, aber sehr genossen hat.

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